"Ich meine, sind die verrückt geworden?"

Haben Sie den Film Frau Müller muss weg gesehen? In dem geht es darum, dass Eltern eine Lehrerin absägen wollen, weil sie ihnen einfach nicht passt. Das gibt es wirklich, ich habe es erlebt. Aber anders als im Film, wo die Eltern das Frau Müller offen sagen, war es kein erklärter Krieg. Es sind viele kleine Stiche, mit denen man traktiert wird. Die Wege vom Klassenraum zum Lehrerzimmer und von dort zum Auto werden zum Spießrutenlauf. "Frau Stein, was haben Sie sich denn hier bei der Bewertung von Charlotte gedacht?" oder "Frau Stein, mein Sohn will Arzt werden, wenn Sie den noch mal so bewerten, machen Sie ihm die Zukunft kaputt. Es können ja nicht alle so gescheiterte Existenzen sein wie Sie." Eine Mutter hat mich mal gefragt, ob ich eigentlich jeden Tag das Gleiche tragen würde. Ich meine, sind die verrückt geworden?

Es geht mir nicht um den fehlenden Respekt vor dem Lehrerberuf, das ist schon lange so – jeder denkt, wir würden den halben Tag faulenzen. Es geht um eine Gruppe von besonders engagierten Eltern, die einen wie die Geier umkreisen. Zuerst wollte ich nicht mit Kollegen darüber sprechen, weil es mir peinlich war, dass ich mir solche Unterstellungen und Frechheiten anhören muss. Ich dachte, das wäre ein Zeichen von Schwäche, und ich habe Zweifel bekommen, ob die Eltern vielleicht recht haben. Später, als ich gar nicht mehr konnte, habe ich mich einer Kollegin geöffnet. Sie hatte die gleichen Erfahrungen mit den Eltern gemacht, aber sie hat ihnen Grenzen aufgezeigt.

Als sie das erste Mal von einem besonders schlimmen Elternpaar angerufen wurde, hat sie ihnen gesagt: "Das ist meine private Nummer. Rufen Sie hier bitte nicht an. Nutzen Sie meine Sprechstunde!" und hat aufgelegt. Als dasselbe Ehepaar auch mich anrief, habe ich den Fehler gemacht, mir alles anzuhören. Erst beim zehnten, elften Anruf an einem späten Sonntagabend habe ich gesagt, dass sie bitte mein Privatleben respektieren mögen. Noch am Hörer habe ich angefangen zu weinen.

Mein Schulleiter hat das Problem nicht ernst genommen. Als ich ihn darauf angesprochen habe, meinte er nur: "Frau Stein, lassen Sie sich das nicht gefallen." Aber ich wusste weder aus noch ein. Vier Jahre ging das so. Die Eltern wechselten, und das Problem kam wieder, immer in etwas anderer Form. Ich habe mich schon gefragt: Bin ich ein Opfertyp? Jetzt mache ich ein Sabbatjahr, reise um die Welt und sehe schöne Orte. Mein einziges Problem ist nur: In acht Monaten muss ich eigentlich in die Schule zurück, und ich glaube, ich kann das nicht mehr.

Simone Stein* unterrichtet an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt am Main