Ich war noch niemals in New York – Seite 1

Als Transatlantikflug Nummer UA 075 seine Flughöhe erreicht hat, die Anschnallzeichen erloschen sind und draußen nur noch Himmels- und Meeresblau zu sehen ist, als die Boeing über dem Ozean immer weiter nach Westen rauscht und ich mit ihr auf Sitz 40C – da kann ich der unbequemen Frage nicht mehr ausweichen: Wann genau bin ich in den Augen der Globalisierungskaste eigentlich zum Dorftrottel geworden?

Es ist nämlich so: Ich war noch niemals in New York. Dieses Manko habe ich in der Redaktion der ZEIT, und nicht nur dort, anscheinend exklusiv. Offenbar war so gut wie jeder, der "irgendwas mit Medien", "irgendwas mit Mode", "irgendwas mit Kunst" oder "irgendwas mit Wirtschaft" macht, irgendwann mal in New York. Jährlich reisen etwa 650.000 Deutsche hin, nur ich war nie dabei. Das macht mich mittlerweile zum Exoten. Deshalb hat die Redaktion mich losgeschickt. Ein großer Spaß. Noch offen ist: für wen.

New York also. In meiner Kindheit war das ein Synonym für Unerreichbarkeit. Über meinem Bett hing ein Poster von Manhattan, herausgetrennt aus einem Apotheken-Magazin. "Wolkenkratzer" war mein liebstes Wort, so konkret und mysteriös zugleich. Ein Blick in die Stapel meiner Kinderzeichnungen belegt: Ich habe jahrelang New York gemalt, Hochhaus für Hochhaus, Fenster für Fenster. Hunderte, Tausende Quadrate. Meine Geduld muss so groß gewesen sein wie meine Faszination für diese Stadt. Doch hinreisen? Mit den Eltern? Als Familie? Damals war reich oder Exot (oder reicher Exot), wer aufbrach. Und als ich später hätte allein fliegen können, schrieb das Leben ein anderes Skript: Erst fiel die Mauer, und Städte wie Berlin und Warschau waren plötzlich auch sehr spannend. Dann kamen die Kinder und mit ihnen Urlaube am Meer und in den Bergen. Und dann war da noch was anderes: die New-York-Angeberei.

Ich weiß nicht mehr, wann es begann, doch irgendwann hörte ich immer mehr Menschen um mich herum Sätze sagen, die so anfingen: "Wenn Sie sich in New York ein wenig auskennen ..." Oder so: "Wenn du in New York bist, musst du unbedingt ..." Und zwar: "... in diesem Design-Hotel im Meatpacking District wohnen", "... in dieses kleine Offtheater zwei Blocks hinterm Broadway gehen", "... den Albacore-Tuna-Salad-Bagel aus diesem Laden in SoHo probieren, aber nimm den mit Sesam". Immer mehr Leute sprachen über New York, meine Unerreichbare, als läge es gleich um die Ecke. Wie die Stammkneipe, der Lieblingsitaliener, der Biergarten am Badesee.

Je näher all die New-York-Angeber die Stadt in ihren Erzählungen heranholten, desto fremder wurde sie mir. Je mehr das alte Sehnsuchtsziel zu einer Dünkel-Destination schrumpfte, desto entschlossener hielt ich es auf Abstand, ließ es nur als Filmkulisse in mein Leben: Wall Street, Smoke, Independence Day, I Am Legend. Zwar katapultierte mein Beruf auch mich über den halben Globus, bis nach Kairo, Mumbai und Shanghai – doch New York war nicht dabei. Und im Urlaub wurde ich Landschaftsreisender. Ich ging zelten, wandern, fuhr Rad durch karge Landschaften mit niedrigem Horizont. Ein Teller Nudeln in einer Berghütte macht mich glücklicher als ein Fünf-Gänge-Menü. Ich sage ja noch nicht mal Pasta. Und wenn ich in diesem Leben nicht in Patagonien gewesen sein sollte, dafür in New York, wird das ein Manko sein.

Wie zur Strafe für diese Ignoranz erwischte mich jetzt, vor dem Abflug, die New-York-Angeberei einiger Kollegen noch mal voll, lauter Imperative und Superlative, gut getarnt als New-York-Hilfsbereitschaft: "Wenn du in New York bist ... dann geh zu Katz’s Deli und iss den Käsekuchen, der ist der beste der Stadt ... dann musst du unbedingt zur Highline, das ist ’ne ehemalige Hochbahn, die sie in einen Park umgewandelt haben ... dann probier bei Friend of a Farmer den Kürbispfannkuchen ... dann lauf über die Brooklyn Bridge und schau dir vom Ufer des East River den Sonnenuntergang an ... dann geh abends ins Smalls, das ist ein ganz toller Jazzclub ... dann fahr mit der Staten Island Ferry, die hält zwar nicht an der Freiheitsstatue, ist dafür aber auch nicht so touristisch ... dann guck dir Bushwick an, das ist gerade die hotteste Neighborhood ... dann kauf dir unbedingt eine Brille bei Warby Parker."

Mein trotziges Vorhaben ist: mich sklavisch an all die Vorgaben zu halten. Käsekuchen zu essen, kundig mit dem Kopf zu Jazz zu nicken, die hotteste Neighborhood abzuchecken.

Im Flugzeug erlaubt sich der Weltdorftrottel in mir noch einen kleinen Seufzer, als der Pilot sonor eine Reisezeit von "acht Stunden und 36 Minuten" ankündigt. Schon auch schade, dass sich diese alte Auswanderer-Route, diese Schicksalsstrecke, die Erreichbarkeit meiner Unerreichbaren, derart minutiös vorausberechnen lässt.

Nach acht Stunden über dem Atlantik dann tatsächlich Land. Amerika. Wälder. Mäandernde Flüsse. Autobahnkreuze. Im Dunst die Skyline der Stadt – wie der gezackte Rücken eines Dinosauriers. Die Freiheitsstatue, stecknadelklein. Der Central Park, ein grüner Teppich im Häusergrau. New York! King Kongs Klettergarten, Woody Allens Seelenlandschaft, Al-Kaidas Terrorziel. Passkontrolle, Gepäckband, Geldautomat, Bustransfer nach Manhattan, raus aus der kathedralengroßen Grand Central Station, die Schuppenspitze des Chrysler Building gleißend in der Sonne. Die ersten Eindrücke: Das Licht ist so hart wie in den Bildern Edward Hoppers. Die meisten Frauen tragen Kleider, ihre Zehennägel scheinen ausnahmslos lackiert zu sein. Die Stadt riecht vergoren, nach Biotonne. New York ist nicht so blank und regengewaschen, wie es in Sex and the City immer aussah. Der Asphalt der Straßen ist vernarbt, die ganze Stadt hat etwas Abgeschabtes, aber damit darf ich mich nicht aufhalten. Ich muss ja Käsekuchen essen.

Also möglichst beiläufig ein Taxi ranwinken – Kenner sagen: ein yellow cab –, weil man das in New York nun mal so macht, und zu Katz’s Deli, einem neonhellen Diner und Punkt 1 auf meiner "Wenn du in New York bist, musst du unbedingt"-Liste. Dort kostet der weltstadtberühmte und grußlos servierte Käsekuchen 9,70 Dollar und ist so mächtig, dass er auch mein einziger und schon allein deshalb der beste bleiben wird.

Wo ist New York am new-yorkigsten?

Besucher des High Line Parks: Die ehemalige Bahntrasse liegt im Meatpacking District im Westen Manhattans. © Don Emmert/​AFP/​Getty Images

Auf der Highline-Trasse, "Du musst unbedingt"-Punkt 2, wiegen sich Birken und Bambus im Wind, der durch die Straßen weht. Vor allem aber rekeln sich an jedem freien Meter Geländer dieses längst mit Reiseführer-Ruhm versehenen Geheimtipps Frauen, Männer, Paare, Gruppen und lassen sich fotografieren oder fotografieren sich selbst. Die ganze Trasse ist ein Laufsteg auf Stahlstelzen.

Bei Friend of a Farmer, "Du musst unbedingt"-Punkt 3, haben sie den Kürbispfannkuchen von der Speisekarte gestrichen. Bemerkenswert bleibt der Besuch trotzdem, weil der Laden sich total naturbelassen präsentiert: holzig und heimelnd. Wie auch jeder Starbucks, viele Eisdielen und manche Pizzeria in New York. In der Stadt, deren Häuser in den Himmel streben, sind die Erdgeschosse wie zum Ausgleich ausstaffiert mit karierten Tischdecken, Weidenkörbchen, Landhausstil. Da will alle Welt so cool sein wie New York – aber Manhattan macht einen auf Montana. Seltsam.

Als es dämmert, haste ich mit ungefähr tausend anderen Touristen über die Brooklyn Bridge zu "Du musst unbedingt"-Punkt 4: Skyline vor Sonnenuntergang. Am Ufer des East River gibt ein Saxofonist ein Gratiskonzert. Brautpaare staksen über den Kies und stellen sich in Pose. Im Dunkel leuchten die Displays zahlloser Smartphones, werden Ich-bin-hier-Beweisfotos in die Welt geschickt.

Dann durch die Nacht zum Jazzclub Smalls, "Du musst unbedingt"-Punkt 5. Eine schmale Treppe führt hinab in einen winzigen Keller, der wie ein Schutzraum unter der Stadt liegt. Es spielt der Bassist Steve LaSpina, ein freundlicher, dicklicher, mehlweißer Melancholiker, der nach zu wenig Tageslicht aussieht und all seine Songs entweder seiner Frau, seiner Tochter oder New York gewidmet hat, was – ich trau’s mich kaum zu sagen – irgendwie provinziell wirkt. Aber das geht vermutlich nur Provinzlern so. Im Publikum kundiges Wippen und Nicken. Bei mir bleierne Müdigkeit, Jetlag, Jazzlag.

Im Hotel gleite ich mit einem Staunen in den Schlaf: Das sollen die Orte sein, an denen New York am new-yorkigsten ist? Die places to be? Den ganzen Tag über bin ich an Zufluchtsstätten und in Rückzugsräumen gewesen. Auf tribünengleichen Aussichtspunkten und in bunkergleichen Kellern. Zeichnet sich der Weltbürger etwa dadurch aus, dass er in der Weltstadt Abstand von der Weltstadt sucht?

Als die Staten Island Ferry, "Du musst unbedingt"-Punkt 6, am nächsten Morgen die Freiheitsstatue links liegen lässt, habe ich endgültig das Gefühl, dass diese vermeintlichen Geheimtipps immer knapp am Eigentlichen vorbeiführen, jedenfalls einen New-York-Neuling wie mich. Ich hätte Miss Liberty doch gern von Nahem besehen.

Das ist der Augenblick, in dem ich beschließe, den Weltdorftrottel in mir auf die Weltstadt loszulassen.

Statt durch die Straßen der hottesten Neighborhood, "Du musst unbedingt"-Punkt 7, zu laufen, stehe ich also zwei Stunden später zwischen hundert anderen offenkundigen New-York-Anfängern hoch oben auf dem Rockefeller Center. 69. Stock. Flimmernde Aussicht nach Norden und Süden, spielzeugkleine Autos, Menschen wie Ameisen. Die ganze Fauna New Yorks. Von diesem Gipfel gleicht die Stadt einem Monument Valley aus Stein und Stahl, sandfarben, Straßen wie Flusstäler, der Broadway ein gewaltiger Canyon, der Central Park wie Schwemmland am Fuß eines Gebirges. Kann es sein, darf es sein, dass einen an New York die Naturgewalt fasziniert, dass ausgerechnet dieses Sinnbild für Stadt als Ganzes schon wieder etwas Landschaftsgleiches hat? Dass all die Senkrechten, von Architekten geplant, von Maklern beworben und von Millionären bewohnt, zusammengenommen kaum anders aussehen als ein zufälliges Werk der Erosion, felsige Steilwände, so wie die Drei Zinnen in den Dolomiten?

Der Architekt Le Corbusier hat die Dachgeschoss-Etagen New Yorks in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal mit Adlerhorsten verglichen. Millionäre und Milliardäre hockten "in der Stille ihrer Anhöhe". Was für ein treffendes Bild.

Wieder abgestiegen von der Rockefeller-Zinne, beginne ich, mich durch die Stadt zu bewegen wie der Landschaftsreisende, der ich nun mal bin. Nicht mehr mit dem Taxi, auch nicht mit der U-Bahn, sondern mit dem Fahrrad und zu Fuß. Nicht mehr nach Käsekuchenkriterien, sondern mit meinen eigenen Sinnen. Weg von Bars und Clubs, wo New York so wirkt, als habe jemand Berlin mit London multipliziert: Einzigartig, aber mit bekannten Zutaten. Ich wandere durch die Straßen, begegne Hundesittern und Stöckelschuh-Hektikerinnen und schaue Muskelmännern in Basketballkäfigen beim Körbewerfen zu. Es gibt Augenblicke, da wirkt die Stadt wie ein gut gemachtes Imitat all der Bilder, Poster und Filme, die ich von ihr kannte: die roten Backsteinfassaden, die schwarzen Feuertreppen, dieser ganze verkabelte amerikanische Stadthimmel, abends der geysirhafte Dampf aus Gullys und U-Bahn-Schächten. Und es gibt Momente, in denen New York mich überrascht: Ich wusste nichts von den eiszeitlich geschliffenen Granitfelsen im Central Park, jahrtausendealt. Ich hätte nie geglaubt, dass die Stadt dort, wo sie nicht nach gärendem Müll riecht, oft von Brackwasser-Geruch erfüllt ist wie ein irischer Hafen. Manhattan ist tatsächlich noch als Insel wahrzunehmen!

Verblüffend auch, dass sich eine historisch so junge, menschengemachte Landschaft geologisch lesen lässt: Die zerfurchten Pflasterstraßen und verwitterten Backsteinhäuser im Meatpacking District erinnern an jene Stellen in den Alpen, an denen die alten Gesteinsschichten zuoberst liegen. Die ganze Stadt gleicht einer Schichtung verschiedener Sedimente, von der Erstbesiedlung bis zum World-Trade-Center-Ersatz ist beinahe alles sichtbar, viel Weltgeschichte auf wenigen Quadratkilometern. Nimmt man ausschließlich Manhattan, ist die Insel mit ihren 87,5 Quadratkilometern auch nicht so viel größer als der Felsenkessel des Bryce Canyon oder als das Yosemite Valley. Eine Weltstadt in begehbarer Nationalparkgröße, respekteinflößend eher wegen all ihrer Vertikalen, ihrer Nordwände und Südflanken, wegen ihrer Glasgrate und Fallwinde an jeder Kreuzung. Vielleicht verabschieden New Yorks Kioskbesitzer ihre Kunden deshalb so, als brächen die zu einer Kamm-Querung auf: "Have a great day!", "Take care!" Wie Hüttenwirte im Karwendel.

So vergeht ein Tag und noch einer und noch einer, ich trekke durch den New-York-Nationalpark, in dem Polizisten wie Ranger für Ordnung sorgen, decke mich bei Straßenverkäufern mit Trinkwasser ein, hole mir einen Sonnenbrand, kaufe mir entgegen allen Ratschlägen keine Brille bei Warby Parker, bin aber mehrmals in Versuchung, 500 Dollar für ein Fahrrad auszugeben. Ein Fahrrad als New-York-Souvenir! Womöglich ist es einfach so: New York in seiner Dichte, seiner Enge, seiner Gebirgigkeit eben, macht jedes Individuum so klein, dass es sich seiner selbst vergewissern muss, sich einen Halt, einen Fixpunkt suchen muss. Der eine findet ihn bei Käsekuchen oder beim Optiker, der andere auf einem Hochhausgipfel oder in einem Fahrradladen.

Am Ende stehe ich auf einer rostigen Brücke in Manhattan neben einem Mann namens Michael, der eine Spiegelreflexkamera mit gewaltigem Teleobjektiv über die Brüstung hält. Er sieht nicht aus wie einer der Touristen, die sich überall in der Stadt selbst fotografieren. Er würde sich auch selbst erschlagen beim Versuch, seine riesige Kamera zu drehen. Aber was macht er dann?

Michael sagt, dass er jeden Morgen hier oben auf die Brücke steige und bis zum Abend Fotos von den Menschen unten auf der Straße mache. An einem Tag nur Radfahrer. An einem nur Herren und Hunde. Dann mal nur Skateboarder, nur Anzugträger, nur Touristen oder nur Liebespaare. Da steht mitten in New York ein Naturfotograf, ein Großstadt-Grzimek, der all die Gattungen dokumentiert, "die an diesem einmaligen Ort zu finden sind, wenn man etwas Geduld hat", wie es in einem Dokumentarfilm wohl heißen würde. Einen halben Tag, meinen letzten halben Tag, verbringe ich neben Michael auf der Brücke. Er lauert, löst aus. Ich betrachte seine Bilderbeute auf dem Display seiner Kamera.

"Du bist zur falschen Zeit hier", sagt er dann.

Warum das?

An zwei Tagen im Jahr, sagt er, sei "Manhattanhenge": Immer drei Wochen vor und drei Wochen nach der Sommersonnenwende gehe die Sonne exakt in den Fluchten der schnurgeraden Straßen Manhattans unter. Dann leuchte das Stadtraster rot auf. Ein mystischer Moment wie in Stonehenge. "Und ein saugeiles Licht", sagt Michael.

Wenn Sie also mal in New York sind, dann müssen Sie unbedingt ...

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