Es gibt Leute, die finden Ostern noch schöner als Weihnachten. "Im Tale grünet Hoffnungsglück", die Zeile aus Goethes Osterspaziergang, stimmt das jahreszeitliche Motiv an: die Rückkehr des Lebens. Auferstehung.

Es gibt auch einen irdischen Auferstehungsmythos, er heißt Heilung, Genesung, Wiedereintritt ins gesunde Leben. Ganze Industriezweige leben von diesem Mythos, sie verkaufen Medikamente, Ratgeberbücher oder Kuren.

Der Osterzauber kommt jedes Jahr wieder, als ginge das Leben immer weiter. Noch so eine Illusion, an die der Mensch sich krallt. Schließlich ist auf lange Sicht gar nichts zyklisch, nicht einmal das Universum, jedenfalls soviel wir wissen. Der Zeitpfeil bleibt irreversibel, für die Spanne eines ganzen menschlichen Lebens. Wir werden älter, und wir altern, was zweierlei ist: Die Endlichkeit unseres Lebens nimmt Gestalt an – und zugleich zeigt sich der Zerfall.

Das zu akzeptieren ist schwer. "Wir denken in Allgemeinbegriffen, aber wir leben im Detail", schrieb der Logiker und Philosoph Alfred North Whitehead im Jahr 1926, da war er 65 Jahre alt. Unser Gehirn kann überindividuelle Vorstellungen erzeugen, doch es vergeht mit dem übrigen Körper. Aus dieser Spannung zwischen gedachter Unendlichkeit und realer Endlichkeit gehen Religionen hervor, ja ganze Kulturen; Künstler wollen sich verewigen, Politiker in die Geschichtsbücher eingehen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Die Vorstellung, nicht mehr zu existieren, ist schon schmerzlich; noch schwerer erträglich der Gedanke, man werde sich irgendwann nicht mehr an uns erinnern. Daher der Wunsch, etwas Bleibendes zu schaffen, für die Nachwelt.

Andere suchen ihren Ausweg in abenteuerlichen Praktiken wie der Kryokonservierung, sie lassen sich einfrieren in der Hoffnung auf die Medizin der Zukunft, aber endlich wird ihr Leben gleichwohl sein (siehe Dossier Seite 13). Es bleibt dabei, auf lange Sicht sind wir alle tot.

Auf wie lange Sicht? Sosehr es der Zivilisation auch gelungen ist, die durchschnittliche Lebensspanne zu vervielfachen, das Maximalalter des Menschen hat sie bislang nicht heraufsetzen können. Allerdings geht seit ein paar Jahrzehnten die Idee um, technologische Durchbrüche könnten in allernächster Zukunft aus den Menschen lauter Methusalems machen. Wer weiß. An der Sterblichkeit jedenfalls ändert auch das nichts.

Die können wir allenfalls verdrängen, solange der Zerfallsprozess noch Hintergrundgeschehen bleibt. Solange wir glaubwürdig mehrere Male hintereinander unseren 49. Geburtstag feiern. Doch irgendwann holt er uns ein. Knochen werden brüchig, Zähne locker, Blutgefäße und Gelenke härter. Die Forschung streitet noch, ob dieser Prozess ein genetisch programmiertes, allmähliches Versagen der Systeme ist oder einfach Abnutzung – verbunden mit Fehlfunktionen, wie sie in komplexen Systemen auf Dauer stets auftreten. In diesen verläuft die Fehlerrate auf einer sogenannten Badewannenkurve: Zu Anfang des Lebenszyklus treten viele unerwünschte Zustände auf, dann über eine lange Zeit wenige, und gegen Ende wieder mehr.

Die Badewanne ist unser Schicksal. Zumindest wenn alles gut geht und wir zwischen Anfang und Ende halbwegs gesund bleiben. Fragt sich nur, was das heißt: gesund.

Einen anerkannten Begriff der Gesundheit gibt es nicht. Wer zum Beispiel die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO liest, die 1948 formuliert wurde, begegnet einer Utopie: "Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens." Unerreichbar wie das Paradies. Und weil niemand in diesem Zustand lebt (es von sich zu glauben ist eher ein Krankheitssymptom), müsste eigentlich jedermann zum Arzt.

Just dies ist der Einwand vieler Kritiker an der WHO-Definition: Sie medikalisiere die Gesellschaft, was lediglich im Interesse der Gesundheitsindustrie sei. Die Definition unterschlage nämlich die Fähigkeit der Menschen, aus eigener Kraft mit Widrigkeiten zurechtzukommen. In diesem "Zurechtkommen" sehen einige Autoren der Medizintheorie die wahre Genesung.