Es kann nicht jeder dem Beispiel Jesu folgen. Aber manchmal ergibt es sich wie von selbst. Obwohl seine Nachfolger gar nicht vorhatten, etwas Heroisches zu tun, nur etwas Barmherziges. Das kann genügen, um Gewalt zu provozieren, um, sagen wir es mit einer österlichen Metapher: ans Kreuz geschlagen zu werden.

Anfang März geschah das vier Nonnen und ihren zwölf Kollegen in einem Altersheim im Jemen. An einem Freitagmorgen nach der Frühmesse tauchten vier Dschihadisten auf, um sämtliche Pfleger und Angestellten, sogar den Pförtner und den Gärtner, zu ermorden. Erst wurden sie auf dem Hof des christlichen Altersheimes in Aden zusammengetrieben, dann mit Kopfschüssen getötet.

Warum? Auf den Fotos vom Tatort kann man es erahnen. Da sitzen in einem Gemeinschaftsraum um einen Tisch herum Alte und Behinderte, einige in Rollstühlen, und sie sehen inmitten der ärmlichen Einrichtung völlig verlassen aus. Alle Hilfsbedürftigen wurden verschont, alle Helfer ermordet. Nun ist da niemand mehr, um ihnen zu helfen inmitten des eskalierenden Krieges der Saudis gegen die jemenitischen Huthi-Rebellen.

Das war nämlich die Provokation, die die Bluttat auslöste: dass ein paar barmherzige Samariter an der Seite der Schwächsten blieben. Die hatten eigentlich keine Überlebenschance in einem Konflikt, der schon über zwei Millionen Jemeniten zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht hat. Die Vereinten Nationen nannten zuletzt die Schreckenszahl von 21 Millionen Menschen, die humanitäre Hilfe brauchen. Insgesamt hat der Jemen 24 Millionen Einwohner. Die Situation ist also: Rette sich, wer kann.

Und doch rannten die Ordensschwestern und die Pfleger und auch ein Priester (den die Terroristen dann als Geisel verschleppten) nicht weg. Im pathetischen Sprachgebrauch der Kirchen würde man sagen, sie setzten ein Zeichen. In der Realität war es wohl so, dass sie nicht wegkonnten, ohne ihre Schützlinge preiszugeben. Unmöglich, alle mitzunehmen auf eine Flucht. Wohin auch. Deshalb reagierten die Helfer nicht auf die Morddrohungen, die dem Morden vorausgingen.

So wurden sie zu Helden eines klassischen Karfreitagsdramas: Die Friedfertigen provozieren mit ihrer Friedfertigkeit die Gewaltbereiten und müssen es büßen. Ihre selbstlose Hilfsbereitschaft aber konfrontiert uns Zuschauer mit der Frage: Und wir? Was würden wir tun? Und was haben wir bisher unterlassen, weil es uns zu unbequem, unrealistisch oder jesusmäßig erschien?

Die Jesus-Norm: In der biblischen Ostergeschichte steht der Gottessohn für einen moralischen Extremfall. Seine radikale Form der Nächstenliebe schließt die vollkommene Hingabe für andere ein. Seine Friedensbereitschaft geht bis zur Selbstaufopferung. Jesus wird gefoltert, gekreuzigt und stirbt, um die Menschen zu retten, sogar die, die dem Richter Pontius Pilatus zugeschrien haben: "Kreuzige! Kreuzige!" So barmherzig ist Jesus, dass er noch am Kreuz für seine Peiniger bittet: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!"

Was lernen wir heute daraus? Hat dieser Barmherzigkeitsmaximalismus irgendeine lebenspraktische Relevanz? Kann er die Norm sein für Normalsterbliche? Gar für die Politik? Man könnte sagen: Mit der Bibel lässt sich keine Politik machen. Und als ethisches Ideal funktioniert der Gottessohn auch nicht. Denn seine Passion ist nicht selbst gewählt, sondern Teil eines Heilsplans. Und dennoch. Die Nonnen von Aden, die sich übrigens "Missionarinnen der Nächstenliebe" nannten, haben ganz ähnlich gehandelt wie er. Als Jesus aufgefordert wird, seine Lehren zu widerrufen, um sich zu retten, schweigt er. Als die Helfer von Aden bedroht werden, machen sie weiter. Aber nicht, weil sie christliche Märtyrer werden wollen, etliche der dann Ermordeten sind ja nicht einmal Christen. Für sie ist das Maximum an Barmherzigkeit das Mindeste. Ihr Mut lässt unsere derzeitigen Debatten über das nötige Minimum an Hilfe in der "europäischen Flüchtlingskrise" kleinlich erscheinen.