Warum macht er das? – Seite 1

Der Kaplan steigt aus seinem Auto, er steht auf einem Parkplatz im Schnee und schaut sich um. Die Sonne fällt durch die Bäume, die Schneedecke ist dicht. Es ist noch keiner da. Der Kaplan wird heute eine Frau beerdigen, die ein halbes Jahrhundert älter war als er. Er zieht ein weißes Chorhemd über die schwarze Soutane, legt sich eine Stola um den Hals, violett. Farbe der Bekehrung, der Buße, der Trauer.

Was wird er sagen? Er hat 30 Beerdigungen im Jahr, manchmal 40. Er will Formeln vermeiden. Er ist jetzt 31 und sieht noch jünger aus, wie 25 vielleicht, er sieht gut aus. Er hatte Freundinnen und Affären. Bis zu jenem Tag, als ihm der Erzbischof die Hand auflegte, zur Priesterweihe.

Der Kaplan hat braune Augen und dunkle Haare, die sich locken, wenn er sie wachsen lässt. Er wird sagen, dass die Endgültigkeit dieser Stunde wehtut. Eine schwarze Mappe in seinen Händen, die Urne neben ihm. Er wird daran erinnern, was die Verstorbene mochte. Wie sie war.

Als er das erste Mal einen Menschen beerdigte, hatte er die Nacht davor wach gelegen. Er hatte sich gefragt, was passieren würde, wenn er den Text vergisst, sich verspricht. Diese Angst hat er abgelegt, der Segen der Routine.

Eines Tages wird er ein Kind beerdigen müssen, einen jungen Menschen, das steht ihm bevor. Er fragt sich, wie das sein wird.

Er schaut in den Himmel, die Hände gefaltet, der Himmel ist blau. Er prüft die Blicke der Familie: Sie sehen ihn an, sie nicken. Der Wind fegt Schnee von den Ästen, er geht auf die Trauernden nieder. Sie wischen sich über die Mäntel, senken den Kopf.

Gott, wir sind hier, traurig und bedrückt. Herr, erbarme dich. Wir sind hilflos, wir würden gerne hoffen. Christus erbarme dich.

Der Kaplan muss weiter. Er streift sich das Chorhemd über den Kopf, steigt ins Auto, setzt zurück.

Ich sitze auf dem Beifahrersitz, in stiller Bewunderung: Welche Klarheit dich begleitet, welche Ruhe.

Ich lernte Marius vor sieben Jahren kennen. Wir studierten in Freiburg. Marius schien mir eine Spur zu cool, um sein Leben dem Katholizismus zu verschreiben. Wir stellten fest, dass wir denselben Verein lieben, Eintracht Frankfurt. Er lud mich ans Priesterseminar ein, was eine fremde Welt für mich war. Er führte mich herum. Sein Zimmer, der Garten.

Marius tat etwas Anachronistisches: Er legte sich fest. Auf ein Leben für Gott und die Kirche. Auf ein Leben ohne Kinder und Frau. Ohne Sex. Ich fand das, zu gleichen Teilen, unverständlich und bewundernswert.

Warum macht er das?

Er passte nicht in mein Vorurteil, weil er nicht wie jemand wirkte, der es im echten Leben nicht auf die Reihe kriegt. Nicht wie einer, der in die Strenge der Kirche flieht, um vor den Zumutungen der Freiheit sicher zu sein: nicht weltfremd, nicht blass.

Am 12. Mai 2013 weihte ihn der Erzbischof von Freiburg zum Priester. Man schickte ihn als Kaplan in eine Gemeinde bei Heidelberg, nach Neckargemünd, in die Provinz.

Der Neckar biegt sich im Tal. Es gibt ein Stadttor, Fachwerkhäuser. Eine katholische Kirche am Marktplatz. Eine evangelische Kirche am Fluss. Das Pfarrhaus liegt am Hang. In der einen Hälfte lebt der Pfarrer, in der anderen Marius, der Kaplan. Wenn der Pfarrer im Urlaub ist, dreht der Kaplan die Anlage auf. Punkrock. Bad Religion. Marius singt mit, reckt die Faust, er imitiert einen Schlagzeuger. Im Flur hängt ein Plakat von Pro Asyl. In der Küche steht eine Espressomaschine neben zwölf Jahre altem Whiskey. Marius bietet Besuchern Bier an, verschiedene Sorten. Er fragt: "Was tut dir jetzt gut?" Er setzt sich auf einen Sessel, legt die Beine über die Lehne.

Wenn er spricht, ist es, als höre er seinen Worten hinterher, er hält inne, suchender Blick im Zimmer, Blick aus dem Fenster, sich überprüfend, ob er das, was er sagt, auch sagen will. Wir reden über Frauen, als lebe er unter den gleichen Bedingungen wie ich: Er weicht nicht aus, im Gegenteil.

Im Arbeitszimmer steht Papst Franziskus auf dem Schreibtisch, als Plastikfigur. Marius tippt ihn mit dem Zeigefinger an. Franziskus wackelt mit dem Kopf.

"Ist das ein Ja?", fragt Marius. Wir lachen.

"Glauben ohne Zweifeln ist gefährlich"

Im Keller, unter einer Wendeltreppe, hat er eine Gebetsecke eingerichtet. Mit Ikonen, die man ihm schenkte. Mit einem Bild seiner Familie. Mit einem Jesuskreuz aus Holz und Pappmaschee. Hier beginnt er den Tag, mit Psalmen und Gebeten, hier beendet er ihn.

Wenn er aufwacht, spricht er mit Gott wie mit einem Freund: Ich hab so wenig geschlafen, mir geht’s nicht gut, aber danke, dass du da bist.

Als er ein Kind war, war Gott selbstverständlicher Teil seines Lebens. Vor dem Einschlafen betete er mit seiner Mutter. Als er 16 war, fuhr er nach Rom, zum Weltjugendtag. Beim Abschlussgottesdienst saß er zwischen zwei Millionen Menschen, sie kamen aus der ganzen Welt. Wie friedlich sie waren. Er besuchte ein Kloster bei Würzburg. Er erntete Zwiebeln und Tomaten und betete fünf Mal am Tag, eine Woche. Die Mönche waren freundlich und wach.

Marius steuert seinen Lupo durch Neckargemünd, es ist noch dunkel. Er geht über einen Schulhof, es ist kurz vor acht. Er trägt eine Tasche, mit Riemen über der Schulter. Am Kopierer trifft er die evangelische Kollegin. Sie ist so alt wie er. Sie lacht, er ist charmant.

In der ersten Stunde hat er Klasse 4, eine Klasse mit braven Mädchen und lauten Jungs. Thema Schöpfung, jeder Mensch ist einzigartig. Die Schüler sollen ihre Talente auf Zettel schreiben und einen Dankesbrief an Gott formulieren.

"Wo wohnt Gott?", fragt ein Schüler.

"Himmelstraße 15!", antwortet ein anderer.

"Wolkenweg 4!", sagt ein dritter.

Draußen wird es hell. Die Schüler schreiben, sie reiben sich die Augen. Der Lehrer sitzt vorne. Er korrigiert Arbeiten. Er hat sie mit seiner Kollegin entworfen, der evangelischen.

"Wie heißt Gott mit Vornamen?", fragt ein Schüler.

"Stefan", sagt Marius.

Während ich ihn beobachte, mit den Stapeln von Heften vor sich, zwischen uns die schreibenden Schüler, bemerke ich, wie gut gelaunt er dem Tag entgegengeht: mit fast gespenstischer Zuversicht. Er klappt das Heft zu, steht auf, klatscht in die Hände.

"Wer liest vor?", fragt Marius.

Ein Schüler aus der letzten Reihe meldet sich, einer der Lauten. Er verstellt die Stimme: Danke Gott, dass ich so viele tolle Sachen kann. Zum Beispiel Fußball oder Quatsch machen oder kommentieren. Wo ich schon mal beim Brief bin, ich danke dir für vieles auf der Welt. Mach weiter so! P. S.: Wie geht es deiner Frau? Viele Grüße an sie!

Damals, mit 16, muss Marius aufgefallen sein. Ein Leiter der freikirchlichen Jugendgruppe, die er mit Freunden besuchte, nahm ihn zur Seite. Ob er sich vorstellen könne, evangelischer Pastor zu werden. Er konnte es sich nicht vorstellen. Er war doch katholisch. Wenn, dann Priester.

Er machte sein Abitur mit 1,1 und ging für den Zivildienst nach Frankreich, zu einer ökumenischen Gemeinschaft am Lac du Bourget in den französischen Alpen. Dort arbeitete auch Vanessa, eine Französin, die so alt war wie er. Er verliebte sich, sie wurden ein Paar. Gleich am Anfang sagte er: Hör mal Vanessa, ich überlege, Priester zu werden. Nach sechs Wochen machte sie Schluss.

Marius hatte Liebeskummer und lief um den See, stundenlang, bis er das Gefühl hatte, dass ihm Gott nahe war. An Weihnachten fuhr er nach Hause, nach Pfaffenrot bei Karlsruhe. Er wollte seiner Familie erzählen, was er vorhatte.

Sein Vater sagte: Ist ja noch vorläufig. Sein Bruder sagte: Ich fänd es besser, wenn du heiratest. Seine Mutter sagte: Das überrascht mich nicht.

Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.

Er hält eine Hostie in den Händen.

Der Leib Christi.

Ihm gegenüber, auf einem Rollator, sitzt eine alte Frau, in einem Krankenzimmer der Rehaklinik Sinsheim, sie hat Parkinson. Der Kaplan besucht sie seit drei Jahren, immer wieder. An einem Tag gehe es ihr gut, am nächsten hundsliederlich. Nachts liege sie wach. Sie will nicht ins Altenheim, sie will nach Hause, will hooom. Wenn Marius mit ihr spricht, verfärbt sich seine Sprache. Mehr sch, längere Vokale. Er kommt den Menschen, denen er begegnet, sprachlich entgegen. Er spricht kurpfälzisch, wenn es hilft. Er sagt im Scherz "Du Penner", wenn er mit jungen Menschen zu tun hat, die so reden.

"Was machen Sie denn für Sachen?", fragt er.

"Ach, Herr Kaplan", sagt sie.

Sie hält ihre Hand an die Stirn und schließt die Augen. Sie erinnert sich. Ein Text aus dem Gesangbuch, Lied 424. Sie spricht ihn. Wort für Wort.

Was helfen uns die schweren Sorgen, / was hilft uns unser Weh und Ach? / Was hilft es, dass wir alle Morgen / beseufzen unser Ungemach? / Wir machen unser Kreuz und Leid / nur größer durch die Traurigkeit.

Als der Kaplan seine Tasche nimmt, besteht sie darauf, ihn zu Tür zu bringen. Sie greift seine Hand, strahlt, als wolle sie ihn hier behalten. Er beugt sich vor, Händedruck.

"Machenses gut, ja?"

Er wollte sich in Freiheit entscheiden. Er wollte Vanessa vergessen und warten, bis der Liebeskummer vorüberging. Im Januar 2004 fuhr er in ein Kloster bei Paris. Eine Woche Schweigen. Bibelmeditationen. Am vorletzten Tag saß er in einer Kapelle. Alleine.

Gott, ich habe das Gefühl, du rufst mich.

"Sexualität ist eine starke Kraft"

Die Vorstellung, alleine zu leben, hatte ihm Angst gemacht. Ohne Frau, ohne Kinder. Doch jetzt machte sich eine große Ruhe in ihm breit. Das war der Moment der Entscheidung. Der nächste Schritt auf einem Weg, der – zeichnet er ihn heute nach, mit Wein in der Hand und den Beinen über der Lehne – wie vorbestimmt erscheint.

"Ist es nicht schlimm, dass du dich nicht verlieben darfst?", frage ich.

"Wer sagt, dass ich mich nicht verlieben darf?"

"Aber fehlt dir nicht die Nähe von Frauen?"

"Ich habe Freundinnen, die nehmen mich auch mal in den Arm."

"Und Sex?"

Er streift sich ein paar Haare aus dem Gesicht, fixiert einen unbestimmten Punkt. Ich will bereits ansetzen, um die Frage zu relativieren. Da sagt er, sich aufrichtend: "Sicher ist die Sexualität eine starke Kraft, die einem ganz schön in den Nacken drücken kann oder in den Magen."

Er hat gezweifelt. Als er in Rom einen afrikanischen Katholiken traf, der bei der Vorstellung, Frauen könnten Priester werden, laut lachte. Als er Menschen traf, die sich für die letzten Winkel der Liturgie interessierten, aber nicht für das Leben.

"Gehört der Zweifel zum Glauben", frage ich.

"Glauben ohne Zweifeln ist gefährlich", sagt Marius.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Der Kaplan trägt einen Pullover, Jeans und eine Stola um den Hals. Er schwenkt ein Weihrauchfass. Er geht durch Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer. Auf dem Esstisch steht ein Apfelkuchen. Der Vater bekreuzigt sich, die Mutter, die ältere Tochter, die jüngere Tochter dreht sich weg, als habe sie Angst. Sie haben Marius gebeten, ihr Haus zu segnen, weil das der Priester damals in Polen jedes Jahr tat. Er steht im Wohnzimmer, im Kamin glüht ein Schnitz Holz.

Er: "Dann segnen wir noch die Küche, dass da keine Unfälle passieren."

Die Mutter: "Hast du noch Weihwasser? Ich will das volle Programm!"

Er hat ein Buch dabei, das Benediktionale. Es legt fest, wie ein katholischer Geistlicher Rathäuser und Amtsgebäude segnet, ein Segen für Altenheime, einer für Sanatorien, für Schiffe, Gaststätten, Kläranlagen, Banken. Der Kaplan lässt das Buch zu, er sucht eigene Worte. Sie sehen ihn an, beinah unsicher, in Erwartung seiner Gesten, als sei er Dirigent.

Im März 2013 saß Marius bei einem Freund. Sie schauten Fernsehen, Live-Übertragung aus Rom. Das Konklave tagte. Als Papst Franziskus auf die Loggia trat, ohne Prunk, in weißem Papstgewand, hatte Marius das Gefühl, dass sich etwas verändern könnte. Franziskus sah etwas verloren aus, er starrte in die Menge. Dann lächelte er: Brüder, Schwestern. Buona Sera. "Guten Abend." Keine Formeln. Sprechen, wie die Menschen reden, mit denen man spricht.

Der Kaplan spricht das Ave Maria auf Polnisch, nur ein paar Worte, dann stimmt die Familie ein.

Zdrowas Maryjo, laski pelna, Pan z Toba.

Er nimmt das Weihrauchfass, die Kohle glüht noch, das braune Buch, die Stola, er verabschiedet sich, mit Umarmung, mit Händedruck. Er startet seinen Lupo, der im Schneematsch steht. Wie gut sich das anfühlen mag: Unterwegssein im Auftrag des Herrn. Als steuere man einen Rettungswagen, mit Sirene auf dem Dach, als rase man durch die Welt, mit Trost im Kofferraum.

Vielleicht ist Religion wie Mathematik: Man ist zu ihr befähigt oder nicht. Wer das Talent hat, zu glauben, für den kann Gott zur Tatsache werden.

Marius ist im Gleichgewicht. Aus der Welt, weil er den großen Preis an sich vorüberziehen lässt, das Rennen um gute Jobs, schöne Autos, besseren Sex. Und in der Welt, weil er das Leben sieht, jeden Tag, die Trauer, den Glauben, die Hoffnung, den Tod.

Wenn Marius nach Hause kommt, wenn er einen Menschen beerdigt hat, die Angehörigen getröstet, wenn er ein Paar verheiratet oder eine Messe gefeiert, sich bekreuzigt und Segen gespendet hat, dann schließt er die Tür, dann ist es plötzlich still.

Seine Freunde heiraten jetzt. Sie bekommen Kinder.