So viel muss man der Inszenierung schon lassen: Unterhaltsam ist sie. Am Ende der eineinhalb Stunden hat man zwar immer noch nicht verstanden, was der gendertechnische Unfug auf der Bühne soll, warum also die Frauen Männer spielen und die Männer Frauen und warum alle zusammen pausenlos mit der Galanz einer Horde Nilpferde rumtrampeln müssen, aber immerhin: Wer Theater nach den Maßstäben der Kurzweiligkeit bewertet, kam am Samstag bei der Premiere von Pygmalion im Thalia Theater auf seine Kosten.

Vielleicht ist auch nicht mehr zu erwarten bei einem Stück, dessen Grundhandlung so simpel ist, dass seine Adaption als Musical berühmter wurde als die Vorlage selbst. My Fair Lady kennen schon Teenager, der Stoff ist schnell erzählt: Dummerchen ohne Manieren platzt in die feine Gesellschaft, die Schickis trichtern ihm Benimm und Wortschatz ein und wetten darauf, das ordinäre Ding zu bändigen, aber klaro, so dumm ist das Ding dann doch nicht und macht sich im richtigen Moment, als sich alle gerade milieuverschränkend ineinander verlieben sollen, davon.

In der Inszenierung der estnischen Regisseure Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo wird das Dummerchen, Eliza, zum Mann; exzellent und zuweilen rührend tapsig gespielt von dem Belgier Kristof Van Boven im pastellrosafarbenen Kleid. Seine Dompteure, der Sprachwissenschaftler Professor Higgins und sein Freund Pickering, treten im Thalia als Frauen auf (Oda Thormeyer und Marina Galic), die Eliza Worte wie "Schwarztannenzapfen" und "Schwarzbrotkante" nachsprechen lassen.

Ansonsten werden an diesem Abend keine großen Worte gemacht. Semper und Ojasoo haben Shaws Vorlage radikal gesiebt, nur wenige Dialoge waren es ihnen wert, erhalten zu bleiben. Den Rest haben sie ersetzt, durch Gesten, Codes und Bilder, die die Erzählweise der Esten prägen.

Das fängt beim Bühnenbild an, einer Art Halfpipe aus Parkett, so gewienert, dass die Darsteller ausrutschen, straucheln, dass sie der Szene nicht entkommen können. In der Mitte der Bühne steht eine Bank aus Büchern. Lauter kann man es kaum hinausschreien: Kulturbourgeois, nimm dich in Acht! Hier wirst du mal richtig mit deiner eigenen Gefangenheit konfrontiert.

Und so hampeln die Schauspieler mit immer gleichen Gesten über die Bühne, rufen grimassierend "Schwarztannenzapfen", stampfen in ritualisierten Bahnen von links nach rechts, können aus ihren Formen nicht ausbrechen. "Es geht nicht darum, dass man einen Menschen wie einen Kiesel am Strand auflesen kann", mahnt einer von ihnen, aber egal: Eliza muss das auch lernen, das Hampeln, das "Schwarztannenzapfen"-Rufen, muss den Schwachsinn annehmen, den man nach den Maßstäben der feinen Gesellschaft können muss.

Ja, kommt einem das nicht bekannt vor? "Sie selbst erzählten mir, dass ein Kind, in ein fremdes Land gebracht, in wenigen Wochen die Sprache dort lernt und die eigene vergisst. Nun, ich bin solch ein Kind in unserem Land. Ich habe meine eigene Sprache vergessen und kann nur noch eure sprechen", heißt es bei Shaw. Und wir, heute, was tun wir mit den Hunderttausenden, die neu zu uns kommen? Wie begegnen wir ihnen, was bringen wir ihnen bei? Was erwarten wir?

Wer dressiert gerade eigentlich wen?

Gute Frage. Auch gute Idee, das alles, gewissermaßen. Es ist ja immer schön, wenn Theater sich entwickelt, wenn Regisseure auf Assoziationen und Atmosphäre setzen statt auf klassische Dialoge. Und es ist klug, dass Semper und Ojasoo so etwas mit einem leichten Stoff wie Pygmalion versuchen. Nur müsste der Versuch dann auch aufgehen.

In Filmen oder Büchern spricht man von einem Cliffhanger, wenn der Autor zu Beginn eine Fährte legt, eine Anspielung macht – und sie erst am Ende einlöst. Das hält die Spannung. So ähnlich erscheint einem die Verwirrung, die Semper und Ojasoo aufbauen. Sie hält sich bis zum Ende. Allein: Sie löst sich nicht auf.

Weitere Aufführungen: 8. 4., 9. 4., 10. 4., 18. und 19. 5.