Noch einmal und noch einmal und noch einmal ganz langsam zum Mitschreiben, auch für die Medienkollegen: Adolph Freiherr Knigge war kein Benimm-Onkel. Fischbesteck und Dresscodes haben ihn null interessiert. Sein berühmtes Buch Über den Umgang mit Menschen von 1788 wurde im 19. Jahrhundert von irgendwelchen Stehkragen-Spießern zu einer Etikettefibel zugrunde gefälscht. Nicht um Umgangsformen ging es Knigge, sondern um Lebensformen und Weltklugheit.

Knigge – geboren 1752 bei Hannover, gestorben 1796 in Bremen – war einer der hellsten Köpfe seiner Zeit. Ein brillanter Aufklärer, ein früher Republikaner, von der Obrigkeit bespitzelt und schikaniert. Allein schon seine köstliche Reise nach Braunschweig zeigt Knigges Rang: einer der wenigen komischen Romane der klassischen deutschen Literatur, ein Spaß noch heute. Es gibt inzwischen einige Werkausgaben, die letzte, in vier Bänden, erschien 2010 im Wallstein Verlag. Dort kümmert man sich auch um die Edition seiner temperamentvollen Briefe. Nach Einzelkorrespondenzen, darunter mit der innig geliebten Tochter Philippine, folgt jetzt ein Band querbeet.

Er bietet, wie die Herausgeber schreiben, "einen Längs- und Querschnitt durch das wechselvolle Leben" Knigges. Eine Fülle bekannter Namen taucht auf, Klopstock, Schiller, Sophie von La Roche, auch manch vergessene Gestalt. Vor allem aber ist der fabelhaft edierte Band eine konzentrierte Gelegenheit, den freien Herrn Knigge kennenzulernen und, vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, das aufgeregte Leben der deutschen Literatenrepublik jener Zeit, mit all ihren Kabalen und Lieben.

Adolph Freiherr Knigge: Briefwechsel mit Zeitgenossen 1765–1796. Herausgegeben von Günter Jung und Michael Rüppel; Wallstein Verlag, Göttingen 2016; 535 S., 39,90 €