Die Seegurke ist ein Widerspruch in Weich. Zwar ist sie ein Tier, doch sie heißt wie ein Gemüse, sieht aus wie ein Gemüse und verhält sich auf den ersten Blick wie ein Gemüse: nämlich gar nicht. Scheinbar bewegungslos liegen die meist um die 30 Zentimeter langen Schlauchwesen auf dem Meeresboden. Den Italiener erinnerte die Seegurke an ein männliches Geschlechtsteil, er gab ihr den Spitznamen cazzo di mare: Meerespenis. Andere behaupten, das mit Seestern und Seeigel verwandte Tier sehe aus wie die Hinterlassenschaft eines Hundes.

Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt, dass es Tiere gibt, die von den Menschen mehr geliebt werden als Seegurken.

In Asien pflegt man einen pragmatischen Umgang mit ihnen: In Scheiben geschnitten, servieren Köche sie in Suppen oder reichen sie als Ganzes in einer Papaya. Hauptsache, gut gewürzt, denn die Seegurke schmeckt wie Tofu – nach nichts. In chinesischen Restaurants stehen sie als Delikatesse für viel Geld auf der Speisekarte. Hohe Preise zahlen die Chinesen nicht allein wegen des Geschmacks. Laut Traditioneller Chinesischer Medizin steigern Seegurken die Potenz, heilen Krebs und Demenz. Gewiss, Studien fehlen, die die Wirkung des vermeintlichen Allheilmittels bestätigen. Doch wer Seegurken liebt, ignoriert das mit einem höflichen Lächeln und löffelt seine Seegurken-Papaya.

Die Seegurke ist bedroht – bald kaufen die Chinesen auch das Mittelmeer leer

Weil der Gurken-Gourmet bis zu 2.700 Euro pro getrocknetem Kilogramm zahlt, geht es inzwischen einigen der 70 kommerziell genutzten Arten an den Kragen (über den sie übrigens ebenso wenig verfügen wie über Gliedmaßen). Von den etwa 1.000 Spezies sind sieben ernsthaft bedroht. Bis vor wenigen Jahren konzentrierte sich die Seegurken-Fischerei auf den Indopazifik. Inzwischen kaufen die Chinesen auch Tiere aus dem Mittelmeer und dem Atlantik. Das beunruhigt die europäischen Seegurken-Experten. Ja, die gibt es.

Hierzulande gibt es sogar gleich zwei Seegurken-Forschungsgruppen. Eine davon leitet der Meeresbiologe Matthew James Slater vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. "Die wenigsten Fischer wissen, was sie mit den Seegurken anfangen sollen. Aber die Chinesen kommen zu ihnen und zeigen ihnen, wie sie die Tiere verarbeiten müssen, um sie nach Asien zu exportieren", sagt Slater. Er vermutet, dass die Seegurken im Mittelmeer und im Atlantik bald genauso bedroht sein könnten wie im Indopazifik.

Oh Gurke, wehr dich doch!, möchte man ihr zurufen. Doch selbst wenn sie ein Appell erreichte, eine Gurke ist wahrlich kein Wutbürger. Ohne Ohren, Augen und, ja, auch ohne Gehirn ist es mit der Wehrhaftigkeit des Tier gewordenen Minimalismus leider nicht allzu weit her. Gesteuert von ein paar simplen Nerven, kriecht sie über den Meeresgrund, so langsam, dass eine Schnecke zu ihren Fressfeinden gehört. Kein Wunder, dass der Mensch sie mit Leichtigkeit jagen kann. Wobei das Wort jagen übertrieben scheint. Eine Seegurke kann man mit einem Tauchermesser bedrohen, ihr ankündigen, sie an die todbringende Oberfläche zu entführen und ihr ausmalen, wie man sie zu Seegurken-Filet verarbeiten wird. Dann kann man nach Hause gehen, einen Kaffee trinken, und wenn man zurückkommt, ist die Seegurke immer noch da.

Flächendeckende Daten über die Seegurken-Fischerei in Europa gibt es nicht. Untersuchungen von portugiesischen Wissenschaftler-Teams des Centre of Marine Sciences belegen allerdings, dass auch in Europa mit den Tieren gehandelt wird. Türkische Fischer fangen demnach jährlich 550.000 Kilogramm der Tiere. Auch vor Spanien, Portugal und Griechenland wird gefischt – Ende Januar stoppte die portugiesische Wasserschutzpolizei ein illegales Fischerboot vor Faro. An Bord fanden sie knapp 125 Kilogramm lebender Seegurken. Ihr geschätzter Wert: 25.000 Euro. Die Polizisten setzten die Tiere zurück ins Wasser.