Um Fangquoten in Europa einzuführen, reichen die verfügbaren Daten nicht aus. Ohne diese Begrenzungen und entsprechende Kontrollen sei es jedoch unmöglich, die Seegurken zu schützen, sagt Matthew Slater, und das missfällt dem Experten sichtlich. Sein Team will ein Netzwerk aufbauen, das die Seegurken-Fischerei europaweit dokumentiert. Bisher hat die Europäische Union das Vorhaben abgelehnt, weil nicht alle Anrainerstaaten des Mittelmeers miteinbezogen wurden. Ein zweiter Antrag läuft.

Obendrein versuchen die Seegurken-Forscher, die Gurken in Aquakulturen zu züchten. So wollen sie die wilden Populationen schützen und zugleich den Appetit der asiatischen Feinschmecker stillen. In China sind Aquakulturen längst etabliert, innerhalb von zehn Jahren hat sich die Produktion der begehrten japanischen Stachelseegurke Apostichopus japonicus versechsfacht. "In fünf bis zehn Jahren könnte es die ersten Aquakulturen in Europa geben, etwa in Irland oder Portugal", sagt Slater. Das klingt nach einer guten Nachricht.

Doch zwischen der heutigen Realität und dem Gurkenwunderland, das Slater sich ausmalt, liegt das Rätsel über die sexuellen Vorlieben der Seegurke. Wer glaubt, dass man ein Gehirn braucht, um kompliziert bei der Wahl seines Sexpartners zu sein, sollte mal versuchen, eine Seegurke anzutörnen. Einzig die Braune Seegurke Isostichopus fuscus orientiert sich am Mondzyklus und laicht jeden Monat zur selben Zeit ab. Alle anderen muss man zur Paarung zwingen. Einige lassen sich noch durch die Zugabe von Futter anheizen. Nicht so die Japanische Stachelseegurke. Für sie gilt: Je härter, desto besser. Sie braucht Temperaturschocks, Wasserentzug und eine heftige Dröhnung Salzwasser aus einem Wasserschlauch.

Geht es dann endlich zur Sache, ist der Anblick ziemlich bizarr: Männchen und Weibchen heben ihre vorderen Körperhälften in die Höhe und spritzen ihre Spermien und ihre Eier auf gut Glück in die Wassersäule. Zwei Nebel, die miteinander verschmelzen. Und das war es dann auch schon – Seegurken-Sex ist jugendfrei.

Zwei bis drei Jahre dauert es, bis die Tiere rund 30 Zentimeter lang sind und damit groß genug, um geerntet zu werden. Was dann folgt, dürfte selbst der Japanischen Stachelseegurke zu hart sein: Entweder wird ihnen die Bauchhöhle aufgeschlitzt oder die Innereien werden ihnen direkt aus dem After herausgequetscht. Die hohlen Gurken werden gekocht, in Salz eingelegt, getrocknet und als sogenanntes Trepang oder Bêche-de-mer verkauft.

Für ihren Lebensraum vollbringt die Seegurke eine Wohltat. Sie verwandelt dreckigen Meeresgrund in sauberen Sand. Mit kleinen Tentakeln schaufelt sie sich Fischfäkalien, Kalkreste und abgestorbene Pflanzen in den Schlund. Ihr Verdauungstrakt trennt nahrhafte Kleinstlebewesen und Algen von unverdaulichem Sediment, das schließlich wieder am anderen Ende der Gurke, aus ihrem After, hinaustritt. Und so hinterlässt die Seegurke immer eine Spur sauberer Sandhäufchen.

"Das Überfischen der Seegurke könnte die Gesundheit des Meeresbodens ernsthaft gefährden", vermutet der australische Meeresökologe Steven Purcell. Zusammen mit Kollegen fand er heraus, dass die Tiere mit dem sauberen Sand wichtige Stoffe wie Phosphor und Stickstoff ausscheiden, von denen sich Bodenbakterien ernähren. Außerdem binden sie den Kohlenstoff aus dem Wasser und arbeiten so der Versauerung der Meere entgegen. Ihre Erkenntnisse wollen die Forscher in ein paar Monaten im Journal Oceanography and Marine Biology and Annual Review veröffentlichen.

Nicht nur der Boden würde seine fleißige Putzhilfe vermissen. Auf und in der Seegurke leben über 200 Parasiten, darunter skurrile Zeitgenossen wie der Eingeweidefisch, dessen Name im Prinzip schon alles verrät. Rückwärts schieben sich die aalähnlichen Fische ohne Bauch- und Rückenflossen in den After der Seegurken und machen es sich dort gemütlich.

Binnen weniger Wochen können die Tiere fehlende Organe wieder nachbilden

Wer deshalb glaubt, dass sich die Tiere alles gefallen lassen, irrt. Kommt ein Angreifer, etwa ein Krebs, der Gurke zu nahe, schleudert sie ihm weiße, klebrige Fäden aus ihrem Hinterteil entgegen. Während der Angreifer bewegungsunfähig ist und mit den sogenannten Cuvierschen Schläuchen kämpft, kriecht die Seegurke weg. Nutzen die Schläuche dennoch nichts, wirft sie als Ablenkungsmanöver einfach ihren Verdauungstrakt aus. Die fehlenden Organe bildet die Gurke innerhalb weniger Wochen wieder nach. Deshalb sind die Tiere für die Regenerationsforschung interessant. Forscher der Universität von Puerto Rico fanden heraus, dass die Seegurke nicht nur ihre Gedärme, sondern auch Teile ihres zentralen Nervensystems regenerieren kann.

In deutschen Laboren sind Seegurken noch selten. Im zum AWI zugehörigen Zentrum für Aquakulturforschung (ZAF) in Bremerhaven läuft gerade mal ein einziges Projekt. Slater und sein Team arbeiten daran, Seegurken zusammen mit anderen Meerestieren zu züchten.

Bis die europäischen Wissenschaftler funktionierende Aquakulturen etablieren können, müssen vermutlich noch einige Seegurken dran glauben. Wenn nicht auf dem Teller eines chinesischen Gourmets, dann im Labor. Denn sind die Versuche abgeschlossen, wartet auf die glibbrigen Tiere die sogenannte Beprobung: Mit einem langen Schnitt endet das Leben der Seegurke.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass türkische Fischer jährlich 550.000 Tonnen Seegurken fangen. Tatsächlich fangen sie aber 550.000 Kilogramm pro Jahr. Wir haben das geändert.

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