DIE ZEIT: Herr Professor Schupp, was wissen wir eigentlich über die rund 1,2 Millionen registrierten Geflüchteten, die im Laufe der Flüchtlingswelle zu uns gekommen sind?

Jürgen Schupp: Wir kennen grundlegende Daten wie Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit und ihren letzten Wohnort in Deutschland. Aber sonst? Wir können zwar ein paar Vermutungen anstellen, aber wirklich harte Fakten über Qualifikation oder den Entwicklungsstand haben wir nicht. Das wollen wir ändern.

ZEIT: Sie leiten seit Jahren das Sozio-oekonomische Panel, eine Langzeitstudie, die unter dem Titel Leben in Deutschland seit 1984 erfasst, was die Menschen in Deutschland umtreibt. Jetzt wollen Sie 2.000 Geflüchtete befragen. Warum?

Schupp: Wir wollen das Bild vervollständigen, das wir mit unserer Sozialstudie seit vielen Jahren zeichnen. Geflüchtete sind Teil unserer Gesellschaft. Bislang gab es für sie im Rahmen der Studie aber keine Möglichkeit, sich zu äußern.

ZEIT: Was wollen Sie von ihnen wissen?

Schupp: Uns interessiert: Stehen sie dem Arbeitsmarkt gegenwärtig zur Verfügung? Qualifizieren sie sich? Wie sieht’s mit Sprachkenntnissen aus? Können sie deutsch reden, schreiben, lesen? Wie fit sind die Menschen? Haben sie dauerhafte körperliche Einschränkungen? Was sind ihre subjektiven Erwartungen für die Zukunft? Wollen sie irgendwann in ihr Heimatland zurückgehen? Es geht um Integration und auch um ihr Wohlergehen.

ZEIT: Und dafür reichen 2.000 Befragte?

Schupp: Eine doppelt so große Stichprobe wäre natürlich besser. Aber gemessen an der Größe der Gruppe glauben wir, dass wir für zentrale Fragen eine solide Grundlage bilden können, von der wir verallgemeinern können.

ZEIT: Haben Sie schon angefangen?

Schupp: Ja, mit ersten Vorbefragungen. Wir haben gute Erfahrungen mit der Auskunftsbereitschaft gemacht. Dazu kommt: Wenn die Menschen in Erstaufnahmeeinrichtungen sind, haben sie auch Zeit, anders als viele Berufstätige.

ZEIT: Aber ist es nicht gerade bei Geflüchteten schwierig, sie über Jahre zu verfolgen? Damit haben schon die Behörden Probleme.

Schupp: Ja, das stimmt. Wir programmieren etwa gerade eine App, um einfacher Kontakt halten zu können. Das ist wichtig, denn darin liegt der besondere Wert unserer Forschung: Wir wollen den Weg der Menschen über Jahre verfolgen, dieser Längsschnitt ist unser eigentliches Ziel und macht die Studie so besonders. Dazu müssen wir das Vertrauen der Geflüchteten gewinnen und eine Bindung aufbauen, um dann den Prozess der Integration besser zu verstehen: Was sind gute Bedingungen für ein Gelingen? Was sind Hemmnisse – sind es strukturelle Merkmale, formale oder charakterliche Voraussetzungen? Welche Rolle spielen die Nationalität und die Ethnie? Für all diese Fragen werden wir der Wissenschaft Daten bereitstellen und Forschung ermöglichen.

ZEIT: Sind Sie bei den Vorbefragungen auf Probleme gestoßen, die Sie nicht erwartet hätten?

Schupp: Es gibt ein paar Begrifflichkeiten zum Bildungssystem, die schwierig sind. Etwa ob eine Koranschule eine Bildungseinrichtung ist.

ZEIT: Und?

Schupp: Natürlich nicht: Suren lesen begründet keine formale Bildung. Wir sind vorbereitet, ein paar ungewöhnliche Erfahrungen zu machen, viel mehr als bei unseren üblichen Befragungen. Das ist ein Abenteuer.

ZEIT: Müssen die Geflüchteten schon deutsch sprechen?

Schupp: Nein, wir stellen unseren Befragern Dolmetscher an die Seite.

ZEIT: Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen aus repressiven Staaten wie Eritrea ganz grundsätzliche Bedenken hätten, an Ihrer Studie teilzunehmen.

Schupp: Warum?

ZEIT: Weil sie kaum wissen können, ob man Ihrer Institution vertrauen kann. Sie wollen ja eine ganze Menge wissen. Ich wäre auch skeptisch, wenn die Behörde, die die Asylentscheidung trifft, Zugriff auf die Daten hätte.

Schupp: Das hat sie natürlich nicht. Wir versuchen sehr deutlich zu machen, dass es hier ausschließlich um Wissenschaft geht. Als die Studie 1984 begann, gab es bereits zwei Stichproben: einmal die der "normalen" deutschen Population und dann die der Gastarbeiter. Von dieser Gruppe hat damals zu unserer Überraschung ein größerer Anteil teilgenommen.

ZEIT: Was wollen Sie damit sagen?

Schupp: Gerade die damals noch nicht Integrierten waren sehr offen für die Möglichkeit, über ihre Sorgen und Probleme reden zu können. Endlich fragt sie mal einer, wie es ihnen so geht!