Die Schuldige ist schnell gefunden. Es ist: Angela Merkel. Die deutsche Bundeskanzlerin und ihre katastrophale Energiewende zerstörten die Schweizer Wasserkraftwerke, heißt es. Der "besinnungslos subventionierte" Wind- und Solarstrom habe das "blaue Gold" aus unseren Alpentälern entwertet. Ja, die größte Volkswirtschaft des Kontinents verwüste den gesamten europäischen Strommarkt. Also ab vor den Kadi mit Merkel & Co.: "Es wäre an der Zeit, Deutschland bei der WTO zu verklagen", fordert die Basler Zeitung.

Was ist passiert auf dem hiesigen Strommarkt? Eine kleine Auslegeordnung.

Anfang März veröffentlicht der Schweizer Stromkonzern Alpiq seine neuesten Zahlen. Sie sind hundsmiserabel. Unterm Strich steht ein Verlust von 830 Millionen Franken. Die Situation ist derart dramatisch, dass das Unternehmen beschließt: Wir verkaufen fast die Hälfte unserer Stauseen und Laufkraftwerke. Darunter symbolträchtige Anlagen wie die Talsperre Grande Dixence im Wallis, mit 285 Metern immerhin das höchste Bauwerk des Landes.

Schweizer Staumauern im Ausverkauf – das bringt die Politiker auf Trab. Sie überbieten sich gegenseitig mit Ideen, wie die heimische Wasserwirtschaft gerettet werden könnte. Die einen wollen zusätzliche Subventionsmillionen regnen lassen, andere die Konzerne in eine Auffanggesellschaft überführen, an der sich Banken mit ihren Infrastrukturfonds beteiligen können. Wohl wissend, dass ihresgleichen an diesem Schlamassel mitschuldig sind: Abgesehen von der Landwirtschaft ist kaum eine andere Branche in der Schweiz so eng mit der Politik und dem Staat verflochten. (Was ein kürzlich öffentlich gewordenes Strategiepapier einer Konsulenten-Firma hübsch illustrierte.)

Die Alpiq-Krise ist denn auch kein Einzelfall. Alle großen Schweizer Stromkonzerne kämpfen seit ein paar Jahren mit fallenden Marktpreisen. Die Konkurrentin Axpo verlor allein 2015 über 990 Millionen Franken. Die Schuldigen für das wirtschaftliche Schlamassel sitzen aber nicht allein im Bundeskanzleramt in Berlin. Sondern ebenso sehr in Olten oder Baden, wo Alpiq beziehungsweise Axpo ihren Haupsitz haben. In Bern, wo die Schweizerische Nationalbank residiert – oder irgendwo im wilden North Dakota.

Einst war Strom ein langweiliges Geschäft. Eine Staatsaufgabe. Es funktionierte wie folgt: Innert kurzer Zeit investiert man jeweils viel Geld in Staudämme oder Atomkraftwerke, die dann über die Jahre tröpfchenweise Gewinne einbringen. Doch als mit der Jahrtausendwende die Branche ein klein wenig liberalisiert wird, sprudelt das Geld plötzlich. 2002 übersteigt der Gewinn der Stromriesen erstmals die Ein-Milliarden-Franken-Grenze. 2006 sind es bereits zwei Milliarden und 2009 beinahe vier Milliarden.

Allen voran die Wasserkraft sorgt für satte Gewinne. Der Strom aus den Pumpspeicher- und Speicherkraftwerken in den Alpen ist auf dem europäischen Markt besonders wertvoll, weil das Wasser jeweils dann verstromt werden kann, wenn die Nachfrage und damit die Preise am höchsten sind. Atomkraftwerke hingegen erzeugen immer gleich viel Strom, rund um die Uhr. Wind- und Solarkraftwerke sind vom Wetter abhängig, ihre Leistung schwankt, das drückt auf den Preis.

Was aber machen die Konzerne mit ihren Milliarden? Ihre Besitzer, die Kantone und Städte, ziehen Jahr für Jahr hohe Dividenden und kassieren Gewinnsteuern. Die Firmen ihrerseits investieren in Gas- und Kohlekraftwerke in ganz Europa, oder sie verbetonieren ihre Milliarden in den Bergen und bauen neue Pumpspeicherkraftwerke. Die Schweiz soll zur Batterie des ganzen Kontinents werden.

Die Konzerne glauben, was viele Unternehmen tun, deren Gewinne urplötzlich in die Höhe schnellen: Es wird noch besser, die Preise werden noch mehr steigen, immer weiter und weiter. Der Strommarkt ist eine klassische Blase.

Zunächst merken die Schweizer Netzbetreiber: Es fließt erstmals mehr Strom von Italien in den Norden als umgekehrt. Auch im Süden hat man aufgerüstet, mit Solar- und Windanlagen. Dann, im Jahr 2009, taumelt Europa in eine Wirtschaftskrise, der Stromverbrauch bricht um über fünf Prozent ein. Fehlt die Nachfrage, sinken die Preise. Im japanischen Fukushima überflutet 2011 ein Tsunami ein Kernkraftwerk; Deutschland beschließt über Nacht den Atomausstieg.

Eigentlich fehlt nun Strom, aber gleichzeitig geraten die Schweizer AKW-Betreiber unter Druck: Auch der Bundesrat will – irgendwann – aus der Nuklearenergie aussteigen. Bezahlen sollen das die Stromfirmen. Also müssen sie Abermillionen auf die Seite legen. Die deutsche Regierung unterstützt derweil Wind- und Solarstrom mit jährlich über 20 Milliarden Euro. Gleichzeitig erleben die USA einen Fracking-Gas-Boom, deshalb bleiben die Kohleminen auf ihrem Rohstoff sitzen. Die europäischen Kohlekraftwerke greifen zu, die Preise für den "Dreckstrom" purzeln. Dann kommt der Januar 2015: Die Schweizerische Nationalbank hebt den Euro-Mindestkurs auf – der starke Franken nimmt den Exportartikel Schweizer Strom endgültig aus dem Wettbewerb.

Der Strommarkt wird mit einer unglaublichen Geschwindigkeit umgepflügt. Und das in einer Branche, die normalerweise in Dekaden-Schritten rechnet. In den vergangenen fünf Jahren mussten die Konzerne über zehn Milliarden Franken auf ihre Kraftwerke abschreiben. Wer Glück hatte, wie die heute hochgelobten BKW, verzettelte sich in den Boomjahren in einen Rechtsstreit mit Umweltschützern. Mit ihrem Einsatz für den Schutz eines Arvenwäldchens am Grimsel, das einem Projekt für eine höhere Staumauer zum Opfer gefallen wäre, haben sie den Konzern vor einer teuren Fehlinvestition bewahrt. Aber auch die BKW schreibt in ihrem Geschäftsbericht über ihre Rückstellungen: "Diese Einschätzungen und Annahmen sind unsicher und können wesentlich von den zukünftig tatsächlich eintretenden Ergebnissen abweichen." Kurzum: Wir wissen nicht, was kommt. Kann sein, dass es auch bei uns knallt.

Der Alpiq-Knall hat die Schweiz aufgeschreckt. Gefragt ist nun die Politik. Keine kleine, sondern eine große Auslegeordnung muss sie machen. Welche Rolle soll der Staat im Strommarkt spielen – und welche die Privaten? Wie kann sichergestellt werden, dass der Strom möglichst günstig, zuverlässig und umweltfreundlich aus den Steckdosen fließt? Konkret: Wem soll das Netz gehören, wem die Kraftwerke – und wer soll sie betreiben und beaufsichtigen? Eigentlich ein Job für Energieministerin Doris Leuthard. Immerhin saß sie bis 2006 im Verwaltungsrat einer Axpo-Tochter. Sie war also hautnah dabei, als die Stromwirtschaft zur Boombranche wurde.