Eines "vernünftigen Grundes" bedarf es laut Tierschutzgesetz, damit Menschen Tieren Leiden, Schmerzen oder Schaden zufügen dürfen. Was dabei als "vernünftig" gilt, ist Auslegungssache: Ernährung wird als legitimes Motiv angesehen, ebenfalls sind Tierversuche in der Forschung und zur Entwicklung von Medikamenten unter gewissen Bedingungen erlaubt. Aber kann auch Unterhaltung – zum Beispiel im Zirkus – ein vernünftiger Grund sein?

Nein, meint der Bundesrat. Er hat jetzt die Bundesregierung aufgefordert, Zirkussen die Haltung von Wildtieren gesetzlich zu verbieten. Denn in solchen Einrichtungen sei ein angemessener Schutz der Tiere "faktisch unmöglich". Der Bundesrat darf die Mehrheit der Deutschen auf seiner Seite wähnen: "Moralisch nicht in Ordnung" sei die Haltung exotischer Tiere im Zirkus, sagten 65 Prozent der Befragten in der letzten YouGov-Erhebung zum Thema. Elefanten, Bären, Giraffen, Nashörner und Nilpferde nicht mehr in der Manege – na endlich? Es gab bereits zwei ähnliche Vorstöße.

Als der Bundesrat 2003 und erneut 2011 eine sogenannte Entschließungsempfehlung für wilde Tiere aussprach, argumentierten die Tierlehrer (so werden Dompteure und Dresseure heute genannt), die Zirkustiere seien ja gar nicht mehr wild, sondern in Gefangenschaft aufgewachsen. Zudem verstoße die geforderte Verordnung gegen das Grundrecht der Berufsfreiheit. Wer als Tierlehrer auf die Dressur exotischer Tiere wie Giraffen oder Nilpferde spezialisiert sei, könnte seiner erlernten Profession nicht mehr nachgehen, wenn die Zirkusse auf Pferde oder Ziegen umstiegen. Klingt kurios? Nun, beide Initiativen scheiterten – auch an diesen Argumenten.

Ein drittes Mal darf das nicht passieren. Gewiss, die Berufsfreiheit ist ein Grundrecht und damit ein hohes Gut. Aber auch Tiere haben Rechte. Der Tierschutz erschien uns – in der Theorie – so wichtig, dass wir ihn inzwischen sogar als Staatsziel im Grundgesetz verankert haben. Noch nicht herumgesprochen hat sich offenbar, dass die Rechte der Tiere in der Praxis selbstverständlich dazu führen können, dass Menschen in gewissen Freiheiten eingeschränkt werden. Jeder Fortschritt bringt Nachteile für bestimmte Berufsgruppen mit sich. Landwirte müssen sich mit der Düngeverordnung abfinden, die AKW-Betreiber mit dem Atomausstieg – der Umwelt zuliebe. Auch im aktuellen Fall steht eine Güterabwägung bevor: Ist die Berufsfreiheit der Tierlehrer wichtiger als das Recht der Tiere auf Freiheit von Leid? Nein, sollte die Antwort der Bundesregierung lauten. Für den Broterwerb dieser hoch spezialisierten Berufsgruppe sollte kein Tier leiden. Und zu unserem Spaß erst recht nicht.