Ach, Twitter. Früher habe ich der Welt mit deiner Hilfe viel von meinem Alltag erzählt: vom Untergrund-Konzert einer albanischen Band in Berlin genauso wie von einem Sonntagsfrühstück, von nervigem Eisregen und einem Skiausflug in die Eifel. Alles erschien es wert, als Kurznachricht – "Tweet" – mitgeteilt zu werden. Damals, als du noch jung und schön warst. Jetzt wirst du zehn Jahre alt, und viele Nutzer finden dich alt und hässlich. Sie suchen sich andere Netzwerke. Sie sagen, du hättest kaum Freunde: Weltweit hast du 320 Millionen Nutzer, Facebook zählt fünfmal so viele. Die Fotoplattform Instagram hat dich auch schon überholt, und während die Reichweite dieser Netzwerke steigt, stagniert die deine.

Dazu kommt etwas, das ich auch an mir selbst beobachtet habe. Ich twittere inzwischen vor allem Links zu Beiträgen im Netz oder Retweets und Antworten auf solche Tweets. Kein Eisregen mehr, kein Skiausflug mehr, keine Gefühle mehr. Viele Menschen nutzen dich nicht mehr, um der Welt von ihrem Alltag zu erzählen und mit anderen zu diskutieren, sondern vor allem, um der Welt zu zeigen, wer sie sind und was sie leisten. Deswegen bist du vor allem bei sogenannten Power-Usern beliebt: Politikern, Promis, Aktivisten, Forschern, Journalisten, Bloggern. Und bei Menschen, die anonym krude Meinungen mit deiner Hilfe verbreiten, in Hasskommentaren zum Beispiel. Rund 125.000 Nutzerkonten musstest du nach eigenen Angaben seit Mitte 2015 schließen. Dazu kommen "Bots", also computergesteuerte Nutzer, und Pseudo-Accounts, die von Personen angelegt werden, um Twitter mit Werbung oder Unsinn zu fluten. Sie in den Griff zu kriegen fällt dir schwer.

Finanziell machst du sogar Verluste. Seit Jahren und obwohl du Geld verdienen müsstest, um auf Dauer zu überleben. Tatsächlich sind deine Umsätze zwar deutlich gestiegen, auf 2,2 Milliarden Dollar 2015, aber in deiner ganzen Geschichte warst du noch nie profitabel und bist auch jetzt von der Gewinnzone noch weit entfernt. Mir geht es wie vielen deiner User: Ich würde nie dafür bezahlen, dich zu nutzen – und ich klicke auch die Werbung selten an, die Unternehmen mit deiner Hilfe verbreiten. Analysten und Anleger haben Zweifel, dass dir je der Sprung in die schwarzen Zahlen gelingt: Deine Aktien kosten nur noch etwa 17 Dollar – vor einem Jahr waren sie noch dreimal so viel wert.

An deinem zehnten Geburtstag stimmen sich manche Kritiker deswegen schon auf dein Ableben ein. Wie schnell ein Netzwerk sterben kann, haben die Plattformen MySpace und StudiVZ ja gezeigt. Wird es dir auch so gehen?

Ob du in zehn Jahren wieder Grund zum Feiern haben wirst, das hängt davon ab, ob dein Chef Jack Dorsey eine ganze Reihe von Problemen lösen kann. Das größte besteht darin, Twitter so zu verändern, dass es für neue Nutzer interessant wird – ohne die treuen, alten Nutzer zu verprellen.

Eine Neuerung ist, Nachrichten in Zukunft nicht mehr überwiegend chronologisch abzubilden, sondern sie mit Algorithmen zu sortieren, die erkennen, was für einen Nutzer relevant ist. Diese Tweets sollen dann oben stehen – womöglich zusammen mit gesponserten Tweets auf den besten Plätzen, also Tweets, für die Werbekunden zahlen. Das ist sinnvoll, weil es dir helfen kann, Geld zu verdienen und so aus den roten Zahlen zu kommen. Und weil es Nutzern helfen würde, im Strom der Kurznachrichten das Relevante vom Irrelevanten zu trennen. Wenn du Tweets stärker vorsortierst, wirst du attraktiver für jene, die Twitter nur gelegentlich nutzen und dabei bisher viel verpassen. Doch viele deiner aktiven Nutzer haben allergisch auf den Plan reagiert und unter dem Hashtag #RIPTwitter dagegen aufbegehrt, weil sie sich bevormundet fühlen und fürchten, Twitter könne in Zukunft Nachrichten verstecken. Wie Facebook. Du solltest nicht auf sie hören, denn der Tod von Netzwerken wie StudiVZ und MySpace hat uns gelehrt: Nutzer ändern ihre Gewohnheiten in sozialen Netzwerken schneller, als sie selbst es für möglich halten. Die alten Nutzer werden dich schon nicht verlassen.

Umstritten ist auch, wie lang ein Tweet sein darf. Von Anfang an waren 140 Zeichen erlaubt, damit eine Nachricht auch per SMS verschickt werden kann. Heute nutzt zwar kaum noch jemand SMS – trotzdem haben sich deine Nutzer an diese 140 Zeichen gewöhnt. Nun hat dein Chef Jack Dorsey zum zehnten Geburtstag bekannt gegeben, dass die Regel nicht gekippt wird. Auch ich mag deine Beschränkung auf 140 Zeichen, weil sie dazu zwingt, sich kurz und pointiert zu fassen – und weil sie dein Markenzeichen ist. Und doch wäre es besser, wenn du etwas flexibler würdest. Schon jetzt können Nutzer Tweets mit Bildern anreichern und Tweets zitieren, was die 140-Zeichen-Regel de facto unterläuft. Warum also sollten sich nicht auch Tweets mit mehr Text unter einer 140 Zeichen langen Überschrift aufklappen lassen?

Eine Herausforderung für dein Geschäftsmodell sind auch all die Trittbrettfahrer, die sich nicht voll zu dir bekennen, die Tweets lesen und durchsuchen, ohne selbst als angemeldete Twitterer in Erscheinung zu treten. Weltweit sollen es über 500 Millionen sein, also mehr, als es registrierte Nutzer gibt. Einerseits sind diese passiven Nutzer eine Stärke: Auch wer sich nicht anmeldet, lernt dich kennen und schätzen. Andererseits machen sie dir zu schaffen, wenn du für Kunden Werbung ausspielst – denn die nicht angemeldeten Nutzer und ihre Gewohnheiten und Neigungen kennst du viel schlechter als die angemeldeten – und kannst sie deswegen viel schlechter vermarkten.

Du bist nun zehn, und um noch viele weitere Geburtstage zu haben, musst du dich ändern, Twitter. Du musst Geld verdienen und nutzerfreundlicher werden. Ich wünsche, dass dir das gelingt. Denn ohne dich würde der Welt etwas Wichtiges fehlen: eine Plattform, auf der sich live verfolgen lässt, wie Menschen Ereignisse erleben und wie sie darüber denken – ob das nun ein Fußballspiel ist, eine Wahl, ein Tatort im Ersten oder Berichte von Katastrophen, von denen sonst nicht sofort Nachrichten zu haben wären. Du bist die unmittelbarste Verbindung zu meinem Bundestagsabgeordneten und ein Ort, an dem sich Menschen öffentlich organisieren können, auch ohne sich zu erkennen zu geben, so wie während des Arabischen Frühlings. Du zeigst mir das, was die Menschen, die ich relevant finde, ihrerseits relevant finden. Zugleich kriege ich mit deiner Hilfe mit, was Menschen bewegt, mit denen ich nicht vernetzt bin.

Selbst wenn ich also heute kaum noch Alltägliches poste: Für meinen Alltag bist du wichtiger als damals, als du noch jung und so schön neu warst.

Alles Gute zum zehnten Geburtstag!

Dein @jenst