Halb zwölf Uhr vormittags, schon wieder will einer begrüßt werden. Ulrike Rabmer-Koller streckt die Hand aus, während sie auf den im Vorraum wartenden Besucher zugeht, die Managerin ist im Meetingmodus: knappe Worte, kurzes Lächeln. Keine salbungsvollen Worte, aber auch kein äußerliches Anzeichen der Ungeduld. In Jobprofilen heißt das "professionelles Auftreten". Ein Ausdruck, den Rabmer-Koller patentieren lassen könnte, so sehr verkörpert sie ihn.

Seit einigen Monaten ist die Geschäftsführerin der Rabmer-Gruppe, eines Bau- und Umwelttechnikunternehmens, deutlich seltener in der Zentrale im Umland von Linz anzutreffen. Dafür lächelt ihr Gesicht, umrahmt mit den tadellos geföhnten Haaren und weißen Perlenohrsteckern, nun immer öfter aus überregionalen Zeitungen. Im Juli 2015 machte einer der wichtigsten Lobbyisten Österreichs, Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl, die Provinzunternehmerin zu seiner Stellvertreterin. Ein halbes Jahr später wurde sie zur Chefin des mächtigen Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger ernannt.

Der Job im Koloss der österreichischen Sozialpolitik gilt als Hebebühne in einflussreiche politische Positionen. Am Schreibtisch in der obersten Etage des im berüchtigten Stil des Sozialversicherungsrealismus erbauten protzig-braunen Hochhauses in Wien-Landstraße saß vor Rabmer-Kollers Amtsantritt der heutige Generalsekretär der Regierungspartei ÖVP. Und dessen Vorgänger ist heute österreichischer Finanzminister.

Rabmer-Koller sei Leitls bevorzugte Nachfolgekandidatin, so dampft es aus der Gerüchteküche. Sie wäre dann Vertreterin der Arbeitgeber Österreichs in der Sozialpartnerschaft, würde Tarifverträge mitverhandeln, Wirtschaftspolitik gestalten, Pensionsreformen ausknobeln.

Wie Leitl kommt Rabmer-Koller aus Oberösterreich, aus einer kleinen Rotte nahe Altenberg bei Linz. Hier hatten die Kirchenreformer im 16. Jahrhundert alles umgefärbt. Der gesamte Landstrich war protestantisch geworden, bis die Katholiken wiederkamen und mit voller Wucht ihre Seligkeit durch die Gutshöfe trieben. In diesem spärlich besiedelten, von Bauernkriegen heimgesuchten Fleckchen Land im oberen Mühlviertel wurde Ulrike Rabmer-Koller 1966 geboren. In einem alten Gutshof nahe Altenberg bei Linz, der seit 200 Jahren im Besitz der Familie war, wuchs sie heran. Drei Jahre zuvor hatten ihre Eltern einen Erdbewegungsbetrieb gegründet.

Tochter und Betrieb gediehen. Ulrike Rabmer-Koller ist heute 49 Jahre alt, das elterliche Unternehmen steht längst in ihrem Eigentum und unter ihrer Führung. Mit 24 wurde sie kaufmännische Geschäftsführerin und baute den Familienbetrieb zu einem multinationalen Konzern aus. Der Chefschreibtisch steht im früheren Wohnzimmer der Familie. Wo einst der Christbaum besungen wurde, segnet Rabmer-Koller heute Millionenaufträge ab.

Nur wenige glauben, dass der Job als Wirtschaftskammer-Präsidentin die 49-Jährige überfordern würde. Vor fünf Jahren wurde sie in Brüssel zur Vizechefin des EU Verbands der Klein- und Mittelunternehmer UEAPME gewählt, seit zwei Monaten ist sie dessen Präsidentin. Es war ein einstimmiger Beschluss. Doch Brüssel ist Brüssel, und Wien ist Wien, und der ÖVP-Wirtschaftsbund ein Orden mit strengem Ritus. Konservativ-katholisches Unternehmerpatriarchat wird hier hochgehalten.

"Fixstarterin ist sie keine", sagt ihr Mentor, Oberösterreichs Wirtschaftskammer-Präsident Rudolf Trauner, zur möglichen Leitl-Nachfolge. Trauner lobt seine frühere Stellvertreterin als "eine, die nicht nur engagiert denkt, sondern auch umsetzt". Träte sie an Leitls Stelle, wäre das auch ein stilistischer Bruch. Die Zeremonienmeister der Wirtschaftskammerspitze haben männlich, trinkfest, energisch und polternd zu sein. Christoph Leitl ist bekannt dafür, zähnefletschend die Politiker auch der eigenen Partei mit donnernder Schelte zu versehen. Rabmer-Koller hingegen wird selten laut, in Interviews gab sie sich schon immer aalglatt. Eine Redakteurin der Oberösterreichischen Rundschau bat sie im Jahr 2003 einmal, den Satz "Am liebsten höre ich ..." zu vervollständigen. Die Antwort: "Musik".

Ein Hauch des alten protestantischen Geistes scheint in den Gemäuern des großelterlichen Gutshofs überdauert zu haben und im Körper der erfolgreichen Erbin weiterzuatmen. Wenn sie sitzt, hält sie sich kerzengerade, das Lümmeln scheint ihr Körper zu verweigern. Früh steht sie auf, spät legt sie sich zu Bett, und wenn die Arbeit getan ist, ruft die Freizeitpflicht: morgens Joggen, abends Netzwerken auf Abendveranstaltungen. Ehrgeiz weist sie auch hier von sich: "Ich brauche zum Glück wenig Schlaf."

Als ihre Studienkollegen an der Linzer Kepler-Uni auf Mensapartys gingen, quälte sich die BWL-Studentin zu Hause mit Buchhaltungsaufgaben, die ihr abwechselnd das Uni-Skript und das familiäre Firmenrechnungswesen stellten. "Ein typisches Studentenleben hab ich nie gehabt", sagt sie dazu nüchtern. Ihren heutigen Mann, einen Einzelunternehmer, mit dem sie zwei Kinder hat, kennt sie noch aus dem Gymnasium.

Als sie die kaufmännische Leitung im Elternbetrieb übernahm, wurde sie mit einem Schlag zur Befehlshaberin über all jene Ingenieure, die der kleinen Ulli 20 Jahre zuvor noch über den Kopf gestreichelt hatten, als sie an der Hand ihres Vaters, des Unternehmensgründers Josef Rabmer, durch die Werksräume der Baufirma im kleinen Altenberg bei Linz getrappelt war.

Als jüngste Tochter sei sie nicht die logische Nachfolgerin gewesen, "auch für mich selbst war es zuerst kein Thema". Nach dem Studium ging sie erst einmal für ein Jahr als Praktikantin nach New Orleans zu Geschäftspartnern der Eltern. Es war Zeit, Abstand von zu Hause zu nehmen und zum ersten Mal allein zu wohnen. Aber zugleich war es für sie keine Gelegenheit, auszubrechen. Eher eine Umkleidepause für den Rollenwechsel: Sie ging als Tochter, als angehende Betriebsnachfolgerin kam sie wieder.

Heute ist Rabmer-Koller nur noch freitags und montagvormittags im Betrieb, den Rest der Arbeitswoche verbringt sie in Wien. Die Belegschaft ist an ihre Abwesenheit gewöhnt. Die Unternehmerin war immer schon auch Politikerin, und das stets in mehreren Positionen gleichzeitig. Ende der neunziger Jahre, als die Expansion des Betriebs auf vollen Touren lief, das erste Kind gerade ein knappes Jahr alt und Rabmer-Koller wieder schwanger war, kam der Anruf eines Wirtschaftsbund-Kollegen. Ob sie als ÖVP-Kandidatin zur Gemeinderatswahl in Altenberg, einer Marktgemeinde mit 4200 Einwohnern, antreten wolle? Sie ließ sich einen aussichtslosen Listenplatz versprechen und sagte zu. Es war eine Fügung der Vorwahlen, dass sie dann doch im Gemeinderat landete.

Heute verantwortet sie als Hauptverbandschefin ein zweistelliges Milliardenbudget und zieht an den Hebeln der Gesundheitspolitik. Ihre politische Agenda ist der Stärkung des Unternehmertums gewidmet, sie ist beseelt vom tiefen Glauben an die Eigenverantwortung der Bürger. Wer weniger Chips isst und mehr auf dem Crosstrainer hopst, soll weniger Kassenbeiträge zahlen. Dieses Prinzip, das für die selbstständigen Versicherten bereits gilt, findet sie charmant. Ihr Grundsatz: Wer nur will, kann alles erreichen.

Aus dem Mund einer Unternehmertochter, die nie einen Ferialjob oder eine Studentenwohnung suchen musste, die gemächlich in den Betrieb und die politischen Netzwerke des Vaters hineinwachsen durfte, klingt das frivol. Von den männlichen Erbkapitalisten im Wirtschaftsbund unterscheidet sie jedoch, dass sie weiß, was es heißt, sich als einzige Frau im Technikausschuss Gehör zu verschaffen. Um gesehen zu werden, war sie stets dreimal so aktiv wie ihre männlichen Kollegen. Zugleich betont sie so oft wie möglich, "nie eine Funktion angestrebt" zu haben. Sie sei halt immer wieder "angerufen worden" und dann "durch Kompetenz und Engagement aufgefallen". Der konservative Aufstiegstraum, hier zeigt er Risse: Der Selfmademan, der nicht gefragt werden muss, sondern selbst nimmt, was er will, ist eben ein Mann. Zwar sei auch die Frau ihres Glückes Schmiedin. Zu dumm aber, wenn der Mann sie nicht ans Schmiedeeisen lässt: Dann war es eben Pech.

Dagegen anzukämpfen käme ihr nicht in den Sinn. Ohne männliches Wohlwollen geht es nicht: "Gegenseitige Akzeptanz ist ganz wesentlich", ist sie überzeugt. Jetzt sei sie erst einmal glücklich, Leitls Nachfolge strebe sie nicht an.

Auch hier gilt: Warten, bis der Anruf kommt. In der Zwischenzeit Netzwerke pflegen, Leistung zeigen und makellos bleiben. Fragt man die begeisterte Läuferin nach ihrem Laster, überlegt sie erst einmal lange. Wochen später ruft sie an. Endlich sei es ihr eingefallen. "Ich trinke zu viel Kaffee."