DIE ZEIT: Herr Hennessy, Sie leiten die Stanford University, eine der besten Universitäten der Welt. Nennen Sie uns doch mal ein paar exzellente deutsche Hochschulen.

John Hennessy: Ich bin da kein großer Experte, aber die Technische Universität München, die ist richtig gut.

ZEIT: Und sonst?

Hennessy: Die internationale Sichtbarkeit der deutschen Universitäten ist nicht sehr hoch.

ZEIT: In Deutschland diskutieren wir über die Zukunft der Exzellenzinitiative. Wenn man hierzulande Rektoren nach ihren Vorbildern fragt, antworten die gern: Harvard, Yale, Stanford.

Hennessy: Das sind die falschen Vorbilder. Was nützt es Ihnen, sich mit Privathochschulen zu vergleichen, die Milliarden an Stiftungskapital haben und von einigen ihrer Studenten 60.000 Dollar Studiengebühren nehmen können? Schauen Sie sich lieber die besten staatlichen US-Universitäten an, Berkeley, Michigan, Chapel Hill.

ZEIT: Aber die staatlichen Universitäten in den USA stecken doch in einer tief greifenden Krise!

Hennessy: In einer Finanzkrise, nicht in einer Qualitätskrise. Die Bundesstaaten, die sie finanzieren, stehen unter enormem Druck, ähnlich wie viele europäische Länder. Die Hochschulen müssen sich neue Finanzierungsquellen suchen, sich viel mehr als früher um Spender bemühen. Und genau hier könnten sie auch für staatliche Universitäten anderswo ein Vorbild sein: weil sie es schaffen, sich neu zu erfinden, aber ihren öffentlichen Bildungsauftrag weiter erfüllen und in der Forschung international vorn bleiben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 23.3.2016.

ZEIT: Sie haben es dagegen bequem: Stanford hat Geld ohne Ende, das macht Exzellenz einfach.

Hennessy: Von wegen. Auch wir schaffen das nur, indem wir uns beschränken. Bei uns gilt die Devise: Wenn wir etwas nicht auf einem absoluten Spitzenniveau tun können, dann lassen wir es lieber. Darum haben wir, um ein Beispiel zu nennen, unsere Studiengänge für Pflegewissenschaft geschlossen. Es ist besser, ein engeres Feld zu bespielen und exzellent zu sein, als sich breit aufzustellen und den Anspruch nicht einlösen zu können.

ZEIT: Für die gesamte Exzellenzinitiative stehen im Jahr 500 Millionen Euro zur Verfügung.

Hennessy: Das entspricht dem jährlichen Budget einer unserer sieben Fakultäten. Wenn Sie wirklich Exzellenz fördern wollen, müssen Sie sich verabschieden von der Vorstellung, dass alle Universitäten in etwa gleich gut sind und ähnlich viel Geld bekommen sollten. Sie müssen akzeptieren, dass die Gruppe der wirklich großartigen Weltuniversitäten begrenzt ist und auch bleiben wird.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Hennessy: Wenn Sie weltweite Spitze sein wollen, dann brauchen Sie die Leute dafür, und ganz oben ist der globale Markt an Talenten klein, und die besten Wissenschaftler sind teuer. Kurzum: Es gibt eine Menge guter Universitäten, aber das ist nicht dasselbe, wie international führend zu sein. Hinzu kommt die Aufteilung der deutschen Wissenschaft in Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, das macht es nicht einfacher im internationalen Wettbewerb.

ZEIT: Die Frage ist doch, ob ein paar Eliteuniversitäten wie Stanford oder Harvard gesamtgesellschaftlich überhaupt von Bedeutung sind. Sollte man aufhören, ihnen hinterherzulaufen?

Hennessy: Natürlich sind Rankings etwas für Angeber, und auch Berkeley, Chapel Hill oder Michigan haben hervorragende Absolventen. Die entscheidende Frage aber lautet: Heben ein paar herausragende Exzellenzuniversitäten die Forschung insgesamt auf ein höheres Niveau, und tragen sie so zu einem höheren Wirtschaftswachstum bei? Ich sage: Ja, das tun sie.

ZEIT: Stanford ist das Zentrum des Silicon Valley. Sie selbst werden als "Pate des Valleys" bezeichnet, als Vordenker der digitalen Revolution. Wie wird die universitäre Bildung im Jahr 2060 aussehen?

Hennessy: Eins ist klar: Die Revolution fällt aus. Das Präsenzstudium bleibt der Normalfall. Wir Menschen brauchen fürs Lernen die persönliche Ansprache, das Mentoring, die Unterstützung.

ZEIT: Und das von Ihnen. Als vor ein paar Jahren die Massive Open Online Courses (MOOCs) aufkamen, wollte Stanford noch den weltweiten Bildungsmarkt umkrempeln.

Hennessy: Die Vorstellung, MOOCs könnten das Rückgrat der akademischen Bildung im 21. Jahrhundert werden, hat sich nicht bewahrheitet. Die Abbrecherquoten waren enorm, die Heterogenität der Gruppen macht ein sinnvolles Curriculum fast unmöglich.

ZEIT: Der Stanford-Campus im Jahr 2060 wird also im Großen und Ganzen so aussehen wie der Campus von 2016?

Hennessy: Nicht ganz. Die Vorlesung als Format wird aussterben und durch neue Formate ersetzt werden, Flipped-Classroom-Modelle zum Beispiel, wo Sie sich das Wissen zu Hause selbst erarbeiten und es dann im Präsenzkurs praktisch anwenden. Es wird auch mehr Video-Lehreinheiten geben. Außerdem werden wir intelligente automatische Tutorensysteme haben, die anhand individueller Stärken und Schwächen Online-Übungsprogramme für unsere Studenten erstellen. Wir werden also Veränderungen erleben, aber sie werden nicht alles über den Haufen werfen.

ZEIT: Laut jüngsten Gutachten der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) fällt Deutschland bei der digitalen Entwicklung weiter zurück. Können Sie uns bei der Suche nach den Ursachen helfen?

Hennessy: Vielleicht hilft es, wenn man das Silicon Valley als weltweites Unikum begreift. Vor 15 Jahren gab es Prognosen, andere Regionen in den USA und anderswo würden aufholen, aber das Gegenteil ist passiert. Die Dominanz des Valleys im Technologiesektor ist gewachsen in einer sich selbst verstärkenden Entwicklung: immer mehr Leute, immer mehr Talent, immer stärkere Netzwerke. Schauen Sie sich Zuckerberg an. Das Erste, was er mit Facebook tat, war, von Boston nach Kalifornien umzuziehen.

ZEIT: Das Geheimnis des Valleys ist seine Stärke, die es immer noch stärker macht?

Hennessy: Genau. Und ironischerweise sektorenübergreifend. Wo sind denn die neuen Innovationslabore der Automobilbauer, von Audi und Volkswagen? Bei uns im Valley. Alle wesentlichen Innovationen im Automobilsektor stammen aus dem digitalen Bereich.

ZEIT: Ist das nicht bedrohlich für die Demokratie, wenn einzelne Technologiesektoren und Regionen so übermächtig werden?

Hennessy: Diese Sorgen sind übertrieben. Gestern hielten alle Microsoft für unbesiegbar und sahen in Japan die Macht der Zukunft. Die Dinge können sich auch wieder drehen. Und wenn die Gesellschaft das Gefühl bekommt, da arbeitet jemand gegen ihre Interessen, kann es ganz schnell vorbei sein.