Dass der Tod sich nicht überlisten lässt, weiß jedes Kind. Schon die Brüder Grimm warnen uns davor, es zu versuchen. Sie erzählen vom Tabu der Unsterblichkeit und vom unbezähmbaren Drang, dieses Tabu zu brechen. In dem Märchen Der Gevatter Tod sucht ein sehr armer Mann für sein dreizehntes Kind einen Paten. Zwei ungewöhnliche Gevatter bieten sich an: Gott und der Teufel. Doch der Arme weist sie beide ab; den ersten, weil er das Glück so ungleich unter den Menschen verteile; den zweiten, weil er ein Verführer sei. Stattdessen wählt der Arme den dürrbeinigen Tod zum Paten. Ihn hält er für gerecht.

Und tatsächlich. Der Tod macht dem Kind ein solides Patengeschenk: ein Kraut, das jede Krankheit heilt. Damit kann der Patensohn eine Arztkarriere beginnen und könnte nun glücklich leben "bis an sein seliges Ende" – wäre das Geschenk nicht, wie die meisten Märchengeschenke, an eine Bedingung geknüpft. Sie lautet: Wende das Kraut nur an, wenn der Gevatter zu Häupten des Patienten erscheint, niemals, wenn er am Fußende steht. Dann lass den Kranken sterben.

Das muss schiefgehen. Denn wer könnte alle Macht über Leben und Tod in Händen halten und sie dennoch maßvoll gebrauchen? Was wäre das rechte Maß angesichts der Sterblichkeit? Und warum sollten wir den Tod hinnehmen, wenn er unser endgültiges Ende bedeutet?

Das kleine Märchen stellt die großen eschatologischen Fragen, mit denen sich seit einigen Tausend Jahren die Dichter und Propheten, die Priester und Ärzte quälen. Noch hat keiner die abschließende Antwort gegeben. Die alten Ägypter hofften, nach ihrem Tod im Reich des Osiris zu überdauern. Die alten Griechen fürchteten sich vor dem Tartaros, einem Strafort noch unter dem Hades. Die alten Juden nahmen an, dass ihre Toten in die Schattenwelt Scheol eingehen; heute glauben sie an eine Auferstehung. Auch Muslime sehen den Tod als Anfang des wahren Lebens. Buddhisten wiederum setzen darauf, nach einigen Wiedergeburten den Idealzustand der Nichtexistenz zu erreichen.

Weil wir nicht wissen, was nach dem Tod kommt und ob überhaupt etwas kommt, bleibt die Sehnsucht nach Unsterblichkeit lebendig: in Märchen und Mythen, in Opern (Orpheus und Eurydike) und Fernsehserien (Walking Dead), in Romanen (Biss zum Morgengrauen) und Rapsongs (Live After Death). Weil wir das Nichts fürchten, bleiben die Religionen mit ihren Erlösungsversprechen aktuell.

Ostern ist nur eine von vielen Varianten, die Hoffnung auf das ewige Leben zu formulieren – allerdings eine besonders menschenfreundliche. Christen glauben: Gott opfert sich selbst, um die Menschen zu befreien vom Tod. Jesus, der Gottessohn, wird gekreuzigt, begraben und ersteht "am dritten Tage" aus seinem Grab auf, damit am Ende der Zeiten wir alle auferstehen können. Mit den Worten des Apostels Paulus: Wir sterben verweslich, aber "unverweslich" erstehen wir auf. Unverwesliche Auferstehung bedeutet, wir sollen erneuert und verewigt werden, aber nicht als anonyme Engelsschar. Jedem Einzelnen verspricht Gott die Treue. "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst", heißt es bei Jesaja, "ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein."