"Möchten Sie einen süßen oder einen salzigen Snack?", werden Sie im Flieger gefragt. Welche Wahl Sie auch treffen, es wird eine ungesunde Wahl sein – es sei denn, Sie lehnen dankend ab. Die Freiheit, einen gesunden Snack zu wählen, haben Sie nicht. Die Snack-Szene ist ein Beispiel dafür, wie die Gestaltung eines Mikrosettings gesundheitsschädigendes Verhalten fördern kann – selbst gegen besseres Wissen.

Gesundheitsrelevant ist vor allem das, was wir gewohnheitsmäßig tun. Die Lebenswelten, in denen unser Alltag stattfindet, haben dabei einen großen Einfluss auf unser Essverhalten. Ein paar Beispiele: In Ihrer Betriebskantine ist die Schlange am längsten, wenn es Bratwurst mit Pommes gibt, denn das mögen alle am liebsten? Wirklich? Oder kann die Küche einfach nicht mit Gemüse umgehen – die Zucchini blass und totgegart, die Salattheke unattraktiv und ideenarm? Ihr Bäcker hat zwar Vollkornbrötchen – die kosten aber viermal so viel wie die weißen? Im Kino ist schon die "Kinder"-Portion Limo ein halber Liter, und je größer der Becher, umso billiger wird es pro 100 Milliliter? Das ist doch alles normal? Ja – und genau das ist das Problem.

Wir leben in einer "adipogenen" (übergewichtsfördernden) Umwelt, die es uns erschwert, gesunde Entscheidungen zu treffen. Die gesündere Option verlangt immer einen Extraaufwand. Die Energie, Nein zu sagen; die Energie, nicht die Standardoptionen zu wählen; die Energie, aktiv nach Alternativen zu suchen – oder mehr Geld auszugeben. Moderne Gesundheitsförderung funktioniert jedoch nach dem umgekehrten Prinzip: Die gesündere Wahl muss die leichtere oder billigere Wahl werden.

In der vergangenen Woche hat sich die konservative britische Regierung zu einer Verbrauchssteuer für zuckerreiche Limonaden durchgerungen. Wissenschaftlich ist unbestritten, dass zuckerreiche Limonaden Übergewicht und Diabetes Typ 2 fördern. Kritiker sehen in Verbrauchssteuern allerdings ein Gesundheitsdiktat, eine Bevormundung der Bürger durch den Staat, der ihre persönliche Wahlfreiheit beschneiden will. An diesem Punkt sei bitte die Gegenfrage erlaubt: Warum sollen wir Bürger uns weiterhin gefallen lassen, dass die gesunden Wahloptionen beschnitten werden? Warum darf die Ernährungswirtschaft uns zum unbegrenzten Konsum ungesunder Lebensmittel verführen, chronische Krankheiten als Kollateralschaden in Kauf nehmen und deren Kosten auf die Kranken- und Sozialversicherungen abwälzen?

In der Umweltpolitik gilt das Verursacherprinzip: Wer Schaden verursacht, muss monetär Wiedergutmachung leisten. Dementsprechend müsste auch die Lebensmittelindustrie Verantwortung übernehmen. Doch die Erwartung, dass dies von allein passiert, ist naiv und wird heute international als politische Führungsschwäche gesehen.

Die Frage ist also, wie die Politik ihren Handlungsspielraum im Lebensmittelbereich wiedergewinnen kann. Was kann sie tun, um die Menschen zu einem gesünderen Verhalten zu motivieren, und wie kann sie die Ernährungswirtschaft als Teil der Lösung mit ins Boot holen?

Die Briten haben das mit ihrer Limosteuer clever gelöst. Sie nehmen den Kritikern gleich in mehrfacher Hinsicht den Wind aus den Segeln und widerlegen deren gängige Argumentation.

"Gegenargument 1": Eine Limosteuer treffe besonders ärmere Bevölkerungsschichten. Das ist beim britischen Modell nicht der Fall, denn die Steuer wird auf Produzentenseite erhoben. Limohersteller sind also keinesfalls gezwungen, die höheren Produktionskosten an ihre Kunden durchzureichen – sie können die Steuer sogar umgehen, indem sie den Zuckergehalt ihrer Produkte senken. So ist die Steuer ein ökonomischer Anreiz zur Produktoptimierung und nimmt die Getränkeindustrie auch ethisch in die Pflicht.

"Gegenargument 2": Verbrauchssteuern auf ungesunde Lebensmittel sollen nur Mittel generieren, um andere Steuerlöcher im Haushalt zu stopfen. Das trifft ebenfalls nicht zu, denn die Steuermehreinnahmen werden in Großbritannien gleich wieder gesundheitsfördernd investiert: in Bewegungsförderung für Grundschulkinder.

"Gegenargument 3": Kleinere Unternehmen werden durch höhere Produktionskosten in den Ruin getrieben. Fehlanzeige, denn kleine Produzenten sind von der Limosteuer ausgenommen.

Wie in England konsumieren auch in Deutschland Erwachsene mehr als doppelt so viel Zucker, wie maximal empfohlen wird. Teenager im Alter von 14 bis 18 Jahren trinken im Durchschnitt täglich einen viertel Liter (Mädchen) beziehungsweise einen halben Liter Limonaden (Jungen). Im Alter von sechs bis sieben Jahren nehmen Jungen allein über Limonaden fünf Kilogramm Zucker im Jahr zu sich, im Alter von 14 bis 17 Jahren sind es bereits 30 Kilo.

DiabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft plädieren dafür, dass Verbrauchssteuern auch hierzulande eingeführt werden (Zucker-Fett-Steuer). Ungesundes sollte teurer und Gesundes billiger werden. Denn die Freiheit, sich für bezahlbare, gesunde Optionen entscheiden zu können, wird dann zunehmen.

Übrigens bringt die britische Limosteuer in einem Jahr voraussichtlich finanziell etwa so viel ein, wie das neue Präventionsgesetz in Deutschland – das der Gesundheitsförderung und der Vorbeugung chronischer Krankheiten dienen soll – pro Jahr kosten wird.

Stefanie Gerlach ist im Vorstand der Deutschen Adipositas-Gesellschaft