Natürlich landen in diesen Tagen alle Gespräche unvermeidbar irgendwann bei der zwischen Willkommen und Abschiebung schlingernden deutschen Flüchtlingspolitik. Für Sansal ein Desaster: "Die Islamisten deuten die Toleranz der Kanzlerin als Eingeständnis des Scheiterns. Wenn ich Islamist wäre, würde ich morgen in Deutschland eine Partei der Muslimbruderschaft gründen. Die Kanzlerin selbst hat alle eingeladen. Und die Deutschen stimmen ihr zu."

Den Einwand, dass das doch nur ein Missverständnis war, eines, das schnell mit europäischen Verträgen, mazedonischem Stacheldraht und deutschem Geld korrigiert wurde, lässt er nicht gelten: "In den kleinen Dörfern kommt das nicht mehr an, dass Merkel ihre Meinung geändert hat. Die Schließung der Grenze nutzt nichts. Man muss den Leuten helfen. Wenn sie einmal aufgebrochen sind, werden sie sterben, an Ausbeutung, auf der Straße. Sie können weder vor noch zurück. In Marokko lässt man sie in der Sahara verdursten. In Algerien müssen sie als Zwangsarbeiter zwölf, vierzehn Stunden arbeiten ohne Bezahlung. Es wäre besser, die Leute würden zu Hause bleiben, sich wehren und im Kampf sterben. Der Westen ist eine Todesmaschine und merkt es nicht."

Aber sei es nicht ein Fortschritt, dass man nach dem Abkommen mit der Türkei zumindest versuche, die legalen von den illegalen Flüchtlingen zu trennen und nur die legalen nach Europa hineinzulassen? Nichts da. Die beabsichtigte Flüchtlingsauslese in türkischen Lagern sei nur Propaganda, um die verängstigten Deutschen zu beruhigen: "Woher weiß man, wer ein legaler und wer ein illegaler Flüchtling ist? Die Leute haben keine Beweise, keine Papiere, das ist alles nur Blabla."

Wird also alles genau so kommen wie in Sansals Zukunftsroman? Da darf man sich im Jahr 2084 nach dem alles verwüstenden "heiligen Krieg" und dem "nuklearen Holocaust" nur noch als Pilger von Ort zu Ort bewegen. Eine Dystopie, die warnen soll, aber am Ende doch nur aus Papier ist. Oder glaubt der Autor im Ernst, dass Deutschland, Frankreich und Belgien irgendwann muslimisch werden? "Das ist der Auftrag. In Deutschland, Frankreich und Belgien gibt es überall Ghettos, das sind abgeschottete Mini-Republiken mit eigenen Clan-Chefs, eigenen Steuern und eigenen Gesetzen. Man hat Moscheen gebaut und an den guten, den sanftmütigen Islam geglaubt. Aber das ist ein naiver und gefährlicher Intellektuellentraum. Letztlich sind alle monotheistischen Religionen gewalttätig. Das Christentum hat die Inquisition hervorgebracht und hat die Schwarzen, die Indios und die Indianer umgebracht. Es hat endlos getötet. Jetzt erwacht der Islam. Er will den Planeten erobern. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass man die Sicherheitslage im Griff habe. Die Gesellschaften werden fallen, eine nach der anderen. Zuallererst die westlichen, in denen die Leute ein komfortables Leben leben und das Leid und das Elend schwer ertragen."

Das sind Sätze, die sich wie schwarze Lava über unsere Zukunft schieben und alles unter sich begraben. In Aleppo oder Mossul würde sich niemand über sie wundern. Aber hier in Paris, wo wir zwischen lauter freundlichen, schwarz bebrillten Akademikern im Bio-Restaurant Linsensuppe essen?

Boualem Sansal ist wie Sisyphus ohne jede Hoffnung. Zur Zeit des algerischen Bürgerkriegs, als die Islamische Heilsfront die Wahlen zu gewinnen drohte und das Militär intervenierte, stand er aufseiten der algerischen Regierung. Bis heute kann er nicht fassen, dass Helmut Kohl die Islamisten, die täglich Tausende umbrachten, für Freiheitskämpfer hielt, in Deutschland aufnahm und unterstützte. Alles in allem hat die Geschichte für Sansal ausschließlich schlechte Nachrichten. Die Steine, die er sein Leben lang den Berg hinaufrollte, hießen Kolonialismus, Polizeidiktatur, Sozialismus, Islamismus und Globalisierung. Wenn er das verlängere, sagt er, lande er im Zentrum seines neuen Romans oder am Ende der Welt.

Er hat mit angesehen, wie seine Freunde, Professoren, Ärzte, Minister, die in Amerika und Europa waren, innerhalb von fünf Minuten Islamisten wurden. Sie seien unerreichbar, in einem abgeschlossenen Universum, man könne nicht mehr mit ihnen reden. Seither lebe er in diesem Letzte-Tage-der-Menschheit-Gefühl. Die Verführungskraft des Islams sei ihm unheimlich. Den Glauben, dass man Dingen auch entkommen, dass man sie sogar aufhalten und beherrschen könne, habe er nicht mehr.

Sollte sich die Erde im Sommer wider Erwarten weiter um die Sonne drehen, wird Boualem Sansal nach Deutschland kommen, um seinen Roman vorzustellen. Man wird einen gefassten, sanftmütigen Mann kennenlernen, der selber hofft, dass er nicht recht behält, und einfach nur einen unendlich traurigen Roman geschrieben hat.