Die Äuglein, ziemlich dunkel, ziemlich scharf, kommen kurz näher über dem Glas; die Stimme senkt sich für das Geständnis, das sympathisch ratlos klingt und so wohl auch klingen soll: "Keine Ahnung, was ich da gemacht habe mit diesem Buch." Aber genau mit dieser Frage sind wir eigentlich hierhergekommen, nach Wien. Deshalb sitzen wir diesem Mann gegenüber in seinem Stammlokal "Otto e Mezzo" in der Schleifmühlgasse, seit Stunden verwickelt in poetologische und diverse sonstige lebensweltliche Betrachtungen, die Männer jenseits der 40 umtreiben. Über seinen fragilen Trainingszustand zum Beispiel, die Vorzüge der Kampfsportart Wing Tsun, seinen zwölfjährigen Sohn. Die zweite Flasche Primitivo geht zur Neige, die ersten Fernets sind vertilgt, derweil der dunkelblaue fallschirmseidige Trainingsanzug ständig herüberglänzt, den Thomas Glavinic, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren unserer Epoche, über dem ausgewaschenen braunen T-Shirt trägt. Fallschirmseide. Ja, warum eigentlich auch nicht mal Fallschirmseide.

Dieses Buch also, es ist soeben erschienen und heißt Der Jonas-Komplex, 748 Seiten stark. Ja, warum eigentlich auch nicht mal heftig: Das denkt die normalsterbliche Kritikerseele tatsächlich öfter während der Lektüre dieses aberwitzigen Romans, ein Gefühl von Radikalität und Selbstüberschreitung, das sich im Gespräch mit dem Autor dann wiederholt. Wobei Lektüre bereits ein gänzlich unzureichender Begriff ist. Denn Glavinic fährt mit dem Leser Achterbahn durch drei Reiche, er beamt ihn hin und her zwischen den verschiedenen Welten wie in einem Computerspiel, auf bezwingende Weise erdacht und zusammengehalten von einem Schöpfer, der uns zuruft: Keine Ahnung, was ich hier mache, aber es lohnt verdammt noch mal jede Zeile.

Da ist die Welt des Ich-Erzählers, eines in Wien lebenden Schriftstellers, dessen einigermaßen exzessives Dasein im Verlauf des Jahres 2015 erzählt wird. Mit jungen Autorinnen trifft er sich zum Sex und Seriengucken, es wird ohnehin ganz gut gevögelt in diesem Teil des Romans. Mit dem geradezu schutzheiligenhaft präsenten Anwaltfreund Werner geht’s in den Knast zwecks Besuch bei der Doppelmörderin Estibaliz Carranza. Vom berühmten Schriftstellerfreund Daniel trudeln regelmäßig SMS ein ("Morgen esse ich mit Salman zu Abend"), ebenso vom Vater, der absurde Derbheiten funkt. Mit Daniel Wir-kennen-ihn-alle gibt es eine verrückte Bartour in New York, die an unterschiedlichen Exzessbedürfnissen sehr komisch scheitert. Überhaupt ist diese Welt des Buches eine Chronik des Scheiterns an den Abstrusitäten des Alltags – und an Alkohol, Sex und Drogen. Rausch ist hier ein Normalzustand, durch dessen Schleier die Gegenwart hyperreal dringt. Wer gelesen hat, wie der Held Koks durch die Flughafenkontrolle schmuggelt, wird das fortan nie mehr aus dem Hinterkopf bekommen, sobald er in einen Flieger steigt. "Ich wollte auch etwas Leserservice bieten", kommentiert Glavinic die Bewunderung des Kritikers.

Natürlich ist das alles nicht nur unterhaltsam, sondern auch zum Erbarmen, da hier ein Gefährdeter permanent am Abgrund taumelt. Aber es ist allemal sehr komisch, wie Glavinic seine Realien autofiktional verarbeitet. Das geschieht ähnlich wie in seinem Roman Das bin doch ich von 2007, nur noch härter, dynamischer, grotesker. Zudem gibt es jetzt noch anderen Stoff. Denn die weiteren beiden – nicht hintereinander angeordneten, sondern ineinander verschachtelten, durch Überschriften gekennzeichneten – Welten des Romans wiederum sehen ganz anders aus. Da gibt es die Geschichte von Marie und Jonas in Tokio, die ihr Liebes- und Lebensabenteuer in einer zweisamen Südpolexpedition beglaubigen, irgendwie herausgefordert durch seinen mephistophelischen Anwalt namens Tanaka. Ein exzentrischer Liebestrip als existenzieller Selbsttest, so wie wir Jonas schon in Glavinic’ letztem Roman Das größere Wunder (2013) bei einer Mount-Everest-Besteigung erleben konnten. Hier wird Glavinic’ Sprache still und gleißend, wie das weiße Packeis in der Polarsonne.

Schließlich katapultiert er den Leser immer wieder in die Weststeiermark-Welt, die wiederum in einer ganz anderen, warmen, intimen Tonlage gehalten ist. Sie funktioniert gleichsam als die Herzkammer des Romans: die Geschichte eines Jungen, der in den frühen Achtzigern in einem Dorf als Halbwaise bei einer verwahrlosten Frau namens Uriella aufwächst. Präzise und ganz nah wird hier erzählt, vom Erwachen inmitten von Einsamkeit, Missbrauch, Tod und Ausgrenzung, von jugendlichen Fantasiewelten und von der Flucht in das Schachspiel, in dem der Junge alsbald triumphiert. Auch Thomas Glavinic stammt aus der Weststeiermark und war in seiner Jugend erfolgreicher Schachspieler.