Die Flüchtlingszahlen sinken, die Panik legt sich langsam – aber jetzt geht es erst richtig los. Jetzt sollen aus einer Million Flüchtlinge Bürger werden – Nachbarn, Kollegen, Freunde. Das ist ein Jahrhundertunternehmen; vermutlich teuer, anspruchsvoll und interessant, mit Enttäuschungen und Erfolgsgeschichten auf allen Seiten. Wenn es gelingen soll, müssen alle mitmachen.

In dieser Lage sendet der Bundesinnenminister das richtige Signal. Es lautet: Wir haben hier in den kommenden Jahren viel miteinander vor. Jemand, der sich nicht zum Deutschkurs aufschwingen oder eine Arbeit annehmen will, kann am Ende auch nicht bleiben. Und weil wir kein Molenbeek wollen, sollen nicht alle Flüchtlinge nach Dortmund oder Neukölln gehen, auch wenn da schon ein Cousin lebt. Die Kommunen dort sind jetzt schon überfordert. Deshalb sollen Flüchtlinge zum Beispiel nach Goslar ziehen, wo Wohnungen und Kitaplätze in Hülle und Fülle bereitstehen. De Maizière will zwischen Staat und Zuwanderern einen Vertrag wie zwischen mündigen Erwachsenen, keine wohlwollende Vernachlässigung, bei der man darauf hofft, dass Hartz IV und ein gutes Verwandtschaftsnetz die Dinge schon irgendwie regeln werden.

Wer leidet, hat recht – aber arbeiten muss er nach Möglichkeit trotzdem

Die Reaktionen, die ihm entgegenschlagen, sind wenig überzeugend. Der Türkische Bund spricht von Integration mit "Peitschenhieben" statt "Willkommenskultur". Die Grünen, die Linke und der DGB monieren, der Staat biete einfach zu wenig Kurse an, zu wenig Leistungen, zu wenig sozialen Wohnungsbau. Der Staat hat eine Bringschuld, und nur er.

Es stimmt zwar: Nicht alle, die wollen, können einen Sprachkurs machen, es fehlen Lehrer, Räume und Geld. Insgesamt könnte die Bundesregierung die Integration noch mehr als Konjunkturprogramm auffassen, als sie es bis jetzt tut.

Aber im Menschenbild der linken Mitte kommt "der Integrationsverweigerer" einfach gar nicht vor. Unter der Million Flüchtlinge, die Deutschland aufgenommen hat, gibt es in ihren Augen niemanden, der wegen der Sozialleistungen gekommen ist. Es gibt niemanden, der seiner Frau die Teilnahme an einem Sprachkurs verbietet. Der es unter seinem Niveau findet, in der Erstunterkunft die Treppe zu fegen. Es gibt niemanden, der aggressiv und gefährlich ist, es gibt nur "Traumatisierte". Wenn man im Gespräch überhaupt zu Missständen vordringt, werden sie damit kleingearbeitet, dass der Westen im Nahen Osten jahrzehntelang verantwortungslos herumgeholzt, Übeltäter mit Waffen versorgt hat. Und wenn man sich überhaupt darauf einigen kann, dass es etwas wie "Wirtschaftsflüchtlinge" gibt, dann sind diese nur deshalb arm, weil wir reich sind. Auch viele Flüchtlinge sagen das.

Nicht alles an dieser Kritik ist falsch. Aber wenn jede Eigenverantwortung der Regime in den Herkunftsländern bestritten wird, oder der Zusammenhang zwischen Religion, Tradition und Armut geleugnet wird, hat man nur den brutalen alten Paternalismus durch einen neuen, lieben Paternalismus ausgetauscht. Auch nicht viel besser.

Dem Menschenbild der linken Mitte steht das auf der rechten gegenüber, das diese Zusammenhänge wiederum oft gar nicht sehen will. Welche Bedeutung die jahrzehntelange Unterstützung des saudischen Königreichs durch jede deutsche Regierung hatte, fällt gern unter den Tisch. Flüchtlinge sind vor allem Zuwanderer in die Sozialsysteme oder Gefährder – oder beides. Die Nachrichten aus Brüssel und Paris tragen da nicht zur Beruhigung bei – und die Kölner Silvesternacht auch nicht. Die einzigen Flüchtlinge, zu denen die Union je aus vollem Herzen Ja gesagt hat, waren die Russlanddeutschen.

Es wäre also schön, wenn man sich auf beiden Seiten zu einem kompletteren Bild durchringen könnte. Wir haben nicht eine Million Glückslose gezogen. Ein Trauma rechtfertigt keine Übergriffigkeit. Wer leidet, hat recht – aber arbeiten muss er nach Möglichkeit trotzdem. Es gibt eine europäische Selbstverpflichtung zur staatlichen Hilfe für Menschen, deren Leben bedroht ist. Das ist eine noble Angelegenheit, ziemlich einmalig in der Geschichte und nicht dämliches Gutmenschentum. Aber niemand kann sich aussuchen, wo ihm geholfen wird, nicht in Europa und nicht in Deutschland. Und was die Zivilgesellschaft tut, ist freiwillig und bewundernswert. Sie handelt nicht aus Schuldgefühl, denn sie trägt keine Schuld.

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