"Die Welt", sagt Jan, "ist überall." Er scheint selbst nicht genau zu wissen, was das bedeuten soll. Aber er hat an diesem Abend ja auch schon "vorgeglüht", wie er sagt. So sieben Bier und bisschen rote Fanta mit Wodka. "Es ist Samstagabend, Dikka", sagt Jan. Er ist 16 Jahre alt und steht allein zwischen den Grüppchen vor dem Jugendzentrum. Seine Clique ist drinnen, auf der Party. Es ist 23.20 Uhr.

One Night in Königs Wusterhausen. Knapp 40 Kilometer vor den Toren Berlins, hinter denen es eigentlich immer pulsiert. Wo immer irgendwo geknutscht, gefeiert wird. In der Stadt im Landkreis Dahme-Spreewald ist es dagegen still. Kaum jemand auf der Straße. Nach der Jeunesse muss man eine Weile suchen. Die Stadt mit 34.800 Einwohnern hat kein wirkliches Zentrum. Keinen Marktplatz, keine Fußgängerzone. Außerdem ist es kalt.

Aber dann war doch noch was los. Gegen 21 Uhr holte Jans Clique Bier im Supermarkt am Fontaneplatz, hinter den beiden Hochhaussiedlungen. Im Jugendzentrum der Erich-Weinert-Straße steigt eine Party.

Jan kommt aus Zeuthen und war am Nachmittag noch mit seinen fünf Kumpels in Königs Wusterhausen skaten. Niedlich sieht er aus. Noch ziemlich bartlos. Helle Stimme. Nike-Turnschuhe und schräges Cap, nicht anders als Berliner Jungs in seinem Alter. "Heut mal nicht gekifft", sagt er zu dem Mädchen, das neben ihm steht. "Das kannst du mir auch nicht antun. Du siehst dann immer aus wie ’ne Leiche, du Kek", erwidert sie. Augenverdrehen, als die Frage aufkommt, ob sie ein Paar seien. Nein, nur in einer Klasse. Überhaupt hat Jan wenig Bock, über sich zu reden. Jede seiner Antworten klingt, als würde ein genervter Teenager mit seiner Mutter am Esstisch sitzen.

"Schön lax rumchillen und jeden Tag ’ne Molle trinken", sagt er ironisch zur Frage, was er und seine Freunde so den ganzen Tag treiben. Er fühlt sich angegriffen. Er sei kein "Dorfi" oder "Provinzprinz". Natürlich weiß er, dass KW, wie alle das hier nennen, nicht der Nabel der Welt ist. Aber es sei schon okay. Wer hier wegmöchte, will das vor allem aus Perspektivgründen. Die 17-jährige Uli will Medizin studieren. Eric macht eine Ausbildung zum Polizisten in Neustrelitz – "da bin ich unkündbar", sagt er. Sandra möchte Erzieherin werden, aber nicht in Berlin. "Man hört ja nur Schlechtes aus Berlin, von irgendwelchen Toten und so." Hat sie von Facebook und aus den Nachrichten.

Aus dem Jugendzentrum wummern die Techno-Bässe so laut, dass die Eingeweide vibrieren. Draußen steht man in Grüppchen und checkt, wer so da ist. Küsschen links, Küsschen rechts. Inzwischen ist niemandem mehr kalt, der Pegel steigt stetig.

Auch Jan und sein Kumpel Philip stehen vor dem Eingang. Sie gucken rüber zu drei Jungs, die etwas unbeholfen an ihrer Zigarette ziehen. "Die sind doch höchstens zwölf, Dikks", sagt Philip verächtlich zu Jan. Jans Blick wandert wieder zum Eingang. Er zeigt auf den zierlichen Hintern eines Mädchens. Sie hat lange braune Haare, trägt Lederjacke und eine hautenge Röhrenjeans. "Ey, son Body kann man nur haben, wenn man entweder den ganzen Tag Sport macht oder kokst", sagt Jan fachmännisch. Philip lacht. "Ja, ja Mann, die ist nur am Pumpen."

Ein aufgekratzter Typ stellt sich dazu und erzählt, dass es drinnen Shots gibt, wenn man zu irgendeinem Mädchen sagt, es sei fett. "Geil! Los, ran da! Eine Runde Jägi für alle." – "Kömt", sagt Jan lässig. Das heißt hier so viel wie cool. Um kurz nach zwei fahren Autos vor. Es sind Eltern, die ihre Kinder abholen. Die Bahnen fahren nicht mehr. "Die Welt ist überall", sagt Jan zum Schluss noch mal. "Es ist doch egal, wo man ist. Wir rulen die KW-Hood."