Wir sehen bei den Flüchtlingen jetzt wieder Verletzungen, die es bei uns so nicht mehr gab seit dem Krieg. Ganz oft geht es um zerschossene Muskeln oder Nerven an Händen und Armen, die nicht mehr bewegt werden können. So war es auch bei Adel Najem.

Er saß in Damaskus auf dem Balkon, als in der Nähe eine Granate explodierte. Seine Hand wurde von Splittern getroffen. Im Krankenhaus wurde sie nur notdürftig versorgt. Er hatte einen riesigen Narbenstrang zwischen Daumen und Zeigefinger, er konnte seinen Daumen nicht mehr abspreizen. An der Innenfläche hatte er einen weiteren Narbenstrang, der seine Hand zusammengezogen hat. Er konnte sie nicht mehr bewegen, sie war praktisch wie festgeklebt, als würde er einen Tennisball festhalten und aus dieser Position nicht mehr rauskommen. Mit dieser Hand ist er über Zäune geklettert und bis nach Hamburg geflohen.

Sein Hausarzt hat ihn zu uns geschickt. Wir haben die Narbenstränge entfernt und mit kleinen Schnitten die Spannung umgelagert, damit er nicht in ein paar Wochen wieder das gleiche Problem hat. Es hat gut geklappt, er kann seine Hand schon wieder bewegen.

Jeder kann sich vorstellen, was es bedeutet, eine Hand nicht gebrauchen zu können, sich allein mit einer Hand ein Hemd anzuziehen, die Knöpfe zuzumachen. Schon wenn man nur den Daumen nicht bewegen kann, kann man nichts mehr halten, keine Wasserflasche mehr öffnen.

In Deutschland ist die Versorgung sehr gut, wenn ein Unfall passiert, gibt es überall Rettungswagen und Spezialkliniken. Eine Nervenverletzung am Arm zum Beispiel wird direkt genäht, unter dem Mikroskop mit ganz feinen Fäden. Dann liegt die Erfolgsquote bei 90 Prozent, dass der Arm wieder bewegt werden kann und Gefühl hat.

Im Kriegsgebiet geht es nur darum, die Patienten am Leben zu halten. Es gibt dort nur Allgemeinchirurgen, keine Spezialisten für komplizierte Verletzungen. Da werden die Patienten nur irgendwie versorgt, dass sie überleben.

Viele Menschen flüchten zu uns mit schweren Verletzungen oder Krankheiten, die in ihrer Heimat nie behandelt wurden, die sie aber massiv einschränken. Sie quälen sich über Kontinente, liefern sich Schlepperbanden aus, geben ihr letztes Hab und Gut – in der Hoffnung, dass wir ihnen helfen können. Ich finde es aus humanen Gründen wichtig, dass wir helfen, wenn wir das können.

Bei uns in Harburg, ganz in der Nähe unserer Klinik, haben wir eine große Erstaufnahme für Flüchtlinge. Ich habe mit niedergelassenen Kollegen gesprochen, die auch in ihrer Freizeit dort helfen. Sie erzählten von Patienten mit schweren Verletzungen wie einer zerschossenen Muskulatur, bei denen sie nicht wissen, was sie tun sollen. Gleichzeitig kommen zu uns in die Klinik auch immer öfter solche Patienten – und meine Mitarbeiter sind zum Teil herausgefordert, weil sie solche Fälle noch nie gesehen haben.

Wir können heute Körperteile erhalten, die früher amputiert wurden

Deshalb habe ich im vergangenen November gesagt: Hier gibt es eine Lücke. Wir müssen eine Struktur schaffen, um diese Patienten aufzufangen, ganz pragmatisch. Also haben wir eine Sprechstunde für Flüchtlinge mit Kriegsverletzungen eingerichtet, jeden Montagnachmittag, von 14 bis 16 Uhr bei uns in der Ambulanz für Plastische, Rekonstruktive und Handchirurgie.

Jede Woche kommen drei bis vier Flüchtlinge. Und es werden mehr, weil sich die Sprechstunde gerade erst herumspricht. Wir wollen als Anlaufstelle dienen, auch für Hausärzte.

Wir können heute viel reparieren. Das Klischee sagt, dass plastische Chirurgen vor allem Brüste vergrößern und Fett absaugen. Aber wir befassen uns mit der Körperoberfläche und der Funktion der darunterliegenden Strukturen, wir operieren zum Beispiel deutsche Patienten mit Tumoren, transferieren Gewebe von einer Körperstelle an die nächste, mitsamt Nerven, winzigen Blutgefäßen, Knochen, Sehnen und Muskeln. Damit können wir Körperteile erhalten, die früher amputiert wurden. Es gab große Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten.