"Wir sind im Krieg", hat der französische Premier Manuel Valls nach den Morden in Brüssel gesagt. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich dieser Krieg in die Mitte des Westens gebombt. Er ist zu einer unheimlichen Begleiterscheinung unseres Alltags geworden. Eine furchterregende Möglichkeit, die sich in unser aller Einbildungskraft eingenistet hat. Dieser Krieg kommt nicht durch Feinde von außen, die sich in unsere Welt eingeschlichen haben. Die, die diesen Krieg führen, sind unsere eigenen Kinder, junge Menschen, viele wirklich noch Halbwüchsige, aufgewachsen in westlichen Großstädten. Junge Muslime, deren Eltern sich erschrocken die Augen reiben ob der Spontanreligiosität ihrer Kinder, packt ein Vernichtungswille, der scheinbar unerklärlich ist.

Konvertiten, die Kevin oder George heißen und aus Familien kommen, die mit Religion gar nichts zu tun hatten, lassen sich plötzlich Bärte wachsen, die den Hipsterbärten zum Verwechseln ähnlich sind, und sind nun bereit, zu hassen, zu foltern und zu morden. Aus Kleinkriminellen und aus Mädchen, die gestern noch Superstars werden wollten, werden religiöse Fanatiker, die ihrer eigenen Welt, ihren alten Mitschülern, ihren alten Freunden, ihren Familien den Kampf ansagen – im Namen eines Gottes, für den sie sich nachweislich lange gar nicht interessierten, mit Berufung auf eine Religion, die sie buchstabieren wie Analphabeten. Sie wiederholen Sätze, die andere ihnen vorgebetet haben, übernehmen Fragmente und werfen mit Koranzitaten um sich, bevor sie den Sprengstoff zünden.

Allmählich werden auch nachdenklichere Debatten über die Ursachen dieser Konversion ins Zerstörerische geführt. Lange schien es so, als gäbe es nur zwei schlichte Antworten, um der Kriegserklärung auf den Grund zu gehen: Die einen zeigen mit dem Finger auf "den Islam" oder schreien was vom Untergang des Abendlandes. Sie wollen es immer schon gewusst haben: Diese Religion verträgt sich nicht mit der westlichen Freiheit. Muslime sind qua Religionszugehörigkeit fremd und unintegrierbar, der Terror nur äußerer Ausdruck bleibender Fremdheit. Die anderen, von muslimischen Verbänden bis zu prominenten Linksintellektuellen, parieren: Mit Religion habe dieser Terror gar nichts zu tun. Er tue nur so. Soziale Benachteiligung, mangelnde Bildung und das Gefühl der Minderwertigkeit seien die eigentlichen Motive der Terroristen, die religiöse Symbolsprache sei nur ausgeborgt.

Langsam erst gehen Wissenschaftler, Therapeuten, Pädagogen, Terrorismusexperten und Gewaltforscher gemeinsam auf Motivsuche. Handelt es sich bei den Terrorakten um "islamisierte Gewalt", in der die Berufung auf die Vernichtung der Ungläubigen im Namen eines Gottes eher eine geopolitische Gelegenheit als einen inneren Zusammengang mit dem Islam aufweist? Oder ist es umgekehrt so, dass die Aufklärungsresistenz des alltäglich gelebten und mehr oder weniger unauffälligen Alltags-Islams den Nährboden für eine Generation gewaltbereiter Muslime überhaupt erst ermöglicht? Sind Salafistenprediger und die Rekrutierungsgestalten für den Dschihad im Internet deshalb so erfolgreich, weil die Jugendlichen nicht zu viel, sondern zu wenig über ihre Religion wissen, die eigene religiöse Urteilskraft nie ausgebildet und das kritische Hinterfragen von Vorbildern und Heldengestalten nie gelernt haben?

Die Ursachenforschung hat begonnen. Wir wissen noch viel zu wenig. Deshalb ist Vorsicht in der Analyse angebracht. Eine Frage wird jedoch selten gestellt: Warum sind westliche Gesellschaften, warum sind wir so leichte Opfer des Terrors? Ist es wirklich nur eine Frage der inneren Sicherheit, gut ausgerüsteter Geheimdienste und einer Integrationspolitik, die ihren Namen verdient? Die jungen Terroristen sind in der westlichen Medienwelt aufgewachsen, zwischen Frühstücksfernsehen, sozialen Netzen, Selfiekultur und Streaming. Sie haben deshalb intuitiv verstanden, welche Macht noch größer ist als die der Kalaschnikows und Sprengstoffgürtel. Ihre wichtigste Waffe sind die Bilder.

Während ihre Vorbilder im heiligen Krieg in Syrien, im Irak, im Jemen oder in Afghanistan die großen Kultur- und Bildstätten der Antike, ja alle Orte der Vergangenheit vernichten wollen, um den Gedanken der Geschichtlichkeit der Welt und der Vielfalt der Kulturen auszulöschen, produzieren sie mit ihrem tödlichen Zerstörungswerk ganze Bildkaskaden. Ihren Terror können wir live verfolgen, stundenlang, wie bei den Anschlägen in Paris. Während Hunderte Menschen in einem Musikclub um ihr Leben bangen und viele es verlieren werden, sitzen vor den Bildschirmen der westlichen Welt Millionen Menschen und sehen zu.