Im Kirchenschiff und auf den Emporen sind ausschließlich Braunhemden zu sehen: Fast 3.000 Parteigenossen haben sich am 19. August 1933 in der Potsdamer Garnisonkirche versammelt, um der Fahnenweihe der NSDAP beizuwohnen. Das traditionsreiche Gebäude – es ist bis auf den letzten Platz besetzt – verleiht der Veranstaltung einen geschichtsträchtigen Rahmen. Oben, an den Pfeilern des Kirchenschiffes, hängen die Fahnen der alten kaiserlichen Armee. Unten, im Altarraum, stehen die Fahnenträger der NSDAP mit ihren Hakenkreuzflaggen.

Zum Auftakt erklingt das Lied Ich hab’ mich ergeben, das Nationalisten aller Richtungen schon im 19. Jahrhundert sangen. Es folgt das in der SA beliebte Thüringische Schulgebet des Nazi-Dichters Arno Kühn. Dann spricht Pfarrer Curt Koblanck. Mit markigen Worten erinnert er daran, wie treu die Gemeinde zu den Fahnen der preußischen Armee gehalten habe. Die gleiche Treue verdiene nun der "Führer". Hart hallen die Worte Koblancks durch die Kirche: "Wer leben will, der kämpfe, und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht!" Zum Schluss deklamiert er: "Niemals hat ein Volk sich seinen Raum erworben ohne Kampf. Das ist das alte Gesetz, das durch die ganze Weltgeschichte hindurchgeht: Kampf!"

Die Veranstaltung ist, wie viele weitere NS-Versammlungen in der Garnisonkirche, gut dokumentiert, allen voran der "Tag von Potsdam" am 21. März 1933, als Adolf Hitler und Paul von Hindenburg das Bündnis zwischen den nationalsozialistischen und den deutschnationalen Kräften besiegelten. Wer in die Akten schaut, wird auch darüber hinaus reichlich fündig. Doch nicht jeder will hinsehen.

Seit 2004 setzt sich eine Fördergesellschaft für die Rekonstruktion der Kirche ein; 2008 wurde die Stiftung Garnisonkirche ins Leben gerufen. Bereits 2017 will man mit den Arbeiten beginnen. Im Zweiten Weltkrieg war das 1735 fertiggestellte Gebäude schwer beschädigt worden, 1968 wurde die Ruine gesprengt. Als Erstes soll nun der Turm wiedererstehen, geschätzte Kosten: 37,8 Millionen Euro.

Immer wieder kam es darüber zu Konflikten. Vor zwei Jahren gipfelten sie in einem erfolgreichen Bürgerbegehren gegen das Projekt. Demonstranten hielten Plakate hoch, auf denen die Silhouette der Kirche anstelle des Hakenkreuzes in einen weißen Kreis auf rotem Grund montiert war. Jetzt, am 8. und 9. April, soll die Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz über den Wiederaufbau entscheiden.

Zur Weimarer Zeit war die Garnisonkirche ein Wallfahrtsort der Antidemokraten

Dass dabei unangenehme historische Fragen auf den Tisch kommen werden, ist auch der Fördergesellschaft und der Stiftung bewusst. Sie versprechen daher geflissentlich einen "ehrlichen Umgang" mit der Geschichte. Tatsächlich sind sie davon weit entfernt. Das Buch Die Garnisonkirche – Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte von Andreas Kitschke, das die Förderer herausgegeben haben, blendet die unselige Rolle des Gebäudes während der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus fast vollständig aus. Nach dem "Tag von Potsdam" 1933, behauptet der Autor, habe es hier nur zwei nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen gegeben. Noch fragwürdiger ist die Darstellung auf der Internetseite der Stiftung. Diese beschränkt sich auf die Zeit nach 1945. Statt historischer Aufklärung gibt es Computeranimationen des Gebäudes vor wolkenlosem Himmel.

Wolkenlos war der Himmel über der Garnisonkirche nie. Das Gotteshaus ist eines der umstrittensten Gebäude Deutschlands. Bereits vor 1933 zählte es zu den Sehnsuchtsorten antidemokratischer und nationalistischer Kräfte. Es galt als "Heiligtum Preußen-Deutschlands", als "Wallfahrtsort aller national denkenden und fühlenden Kreise", als "Pilgerstätte", in der "die vaterländisch gesinnten Kreise sich Stärkung für den Kampf um das echte Deutschtum suchen".