Ein Friedhof ist ja ein guter Ort für letzte Fragen, der größte Friedhof Hamburgs, ach was, Europas, wirft nun selber eine auf: Warum muss da etwas sein und nicht einfach nichts?

Was da bislang ist, auf dem Ohlsdorfer Friedhof, das kennt jeder: Gräber, Kapellen, Familienmausoleen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Was dort in Zukunft sein wird, ist gegenwärtig offen. Nicht mehr dasselbe jedenfalls, weil die Hamburger den Ohlsdorfer Friedhof als Friedhof in dieser Größe einfach nicht mehr brauchen. Immer weniger Beerdigungen, schon seit Jahren, und darunter immer weniger Begräbnisse im Sarg auf 1,76 Quadratmetern, dafür immer mehr in der Urne, Flächenbedarf 60 Zentimeter im Quadrat, oder gleich anonym im "Ruhewald", den der Friedhof, aktuellen Bestattungstrends folgend, natürlich auch anbietet.

Was also soll geschehen mit der Fläche, die in Zukunft nicht mehr für Gräber gebraucht wird? Kürzlich hat der Hamburger Umweltsenator Jens Kerstan ein ganz neues Projekt zur Bürgerbeteiligung vorgestellt. Das Projekt heißt Ohlsdorf 2050, es geht um die Zukunft des Friedhofs und aller anderen Hamburger Friedhöfe gleich mit, weil es ja ein Modellprojekt sein soll. Diese kollektive Sinnsuche ist in einem Maße ergebnisoffen, dass Kerstan sich bei der Vorstellung seines Beteiligungsprojekts hartnäckig weigerte, überhaupt eigene Vorstellungen mitzuteilen. Kutschfahrten erwähnte er schließlich, und die Möglichkeit von Beisetzungen gemeinsam mit dem eigenen Haustier, das ja in Zeiten der Single-Haushalte in der Tat zum Familienersatz geworden ist, warum also nicht auch posthum? All das, sagt der Senator, seien aber keineswegs Vorschläge, er habe solche auch gar nicht, schon um dem Beteiligungsverfahren nicht vorzugreifen. Bürger, macht, was ihr wollt!

Die Frage ist nur: Warum muss da überhaupt etwas sein und nicht einfach nichts?

Es gibt hier ja kein Problem, das unbedingt gelöst werden müsste. Natürlich ist ein Grab ein Ort zum Trauern, und es wäre traurig, wenn es solche Orte nicht mehr gäbe. Aber was, wenn es einfach weniger Grund zur Trauer gibt, weil seltsamerweise schon seit einigen Jahren in der wachsenden Stadt Hamburg immer weniger Menschen sterben: Soll man das im Ernst ein Problem nennen?

Eine freie Fläche in der Stadt ist heute ein Vakuum, in das alles drängt

Es ist ja nicht so, dass ein Friedhof, der als Friedhof immer weniger genutzt wird, unbedingt eine Vision benötigt, um nicht zu verkommen. Der Ohlsdorfer Friedhof hat auch ohne jede Umplanung eine erkennbare und keineswegs unerfreuliche Zukunft: Er wird langsam mehr und mehr zum Park, was er als Parkfriedhof in gewisser Weise immer war und es nun immer stärker werden könnte.

Und das Geld? Darum gehe es zuletzt, sagte Kerstan, als er sein Vorhaben vorstellte. Derzeit nimmt der Friedhof trotz sinkender Belegung mehr ein, als er ausgibt. Und wenn sich das einmal ändern sollte, weil er mehr Park und weniger Friedhof würde, wäre es dann so schlimm? Andere Parks erzeugen schließlich auch keine Einnahmen.

Dennoch ist die Sinnsuche des Umweltsenators wohl nicht sinnlos. In einer Stadt von 1,8 Millionen Menschen, in der Wohnungen, Parkplätze und Flüchtlingsunterkünfte um immer weniger noch unverplante Flächen konkurrieren, ist ein Nichts nicht einfach Nichts, sondern ein Vakuum. Alles drängt dort hinein. Schon heute kann man zusehen, wie sich die Stadt des Friedhofs bemächtigt. Morgens und abends schiebt sich der Berufsverkehr in einer Weise durch die Hauptstraßen des Friedhofs, dass von Schleichwegen schon lange nicht mehr die Rede sein kann, auch nicht von Friedhofsruhe. Auf den Wegen sind mehr Jogger als Grabbesucher unterwegs, auf den Straßen Rennradfahrer und Inlineskater. Ein Café gibt es längst, über kurz oder lang sicherlich auch einen Kinderspielplatz, und dann? Muss man sehen.

Ob dann die Spaßgesellschaft den Friedhof erobert, mit Kletterparks, Skater-Halfpipes und Freilichtbühnen, ob es die Stadtentwickler und Immobilieninvestoren sein werden oder doch eher Fuchs und Hase und Wiesen-Schaumkraut, das sollen nun die Bürger entscheiden. Auf www.hamburg.de/ohlsdorf2050.