Der Stoff ist klar, flüssig und geschmacklos.

Er heißt C43H66N12O12S2, er enthält Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff und ein wenig Schwefel. Und ziemlich viel Hoffnung. Gerade drückt Lenka Taylor den Stoff aus einer Spritze in ein braunes Glasfläschchen und schraubt einen weißen Aufsatz darauf: Jetzt kann man sich die Substanz in die Nase sprühen. Viele wollen so ein Fläschchen, allen voran Forscher. Sie wollen wissen, was das Wunderzeug vermag. Aus ganz Deutschland rufen sie in der Apotheke des Universitätsklinikums Heidelberg bei Frau Taylor an und bestellen. Aus Skandinavien, den Niederlanden und Belgien kommen Anfragen, kürzlich sogar aus Australien. 1250 Fläschchen haben Taylor und ihre Kolleginnen 2015 abgefüllt – mehr als sechsmal so viele wie noch 2010. In gekühlten Paketen schicken sie C43H66N12O12S2 auf die Reise.

Der Stoff ist ein Popstar. Sein zweiter, sein Künstlername lautet: "Kuschelhormon". Er macht Schlagzeilen; es heißt, er sorge für Vertrauen, wärmere Beziehungen – sogar für besseren Sex. Als Deospray "Liquid Trust" wird er im Internet verkauft, unter dem Slogan: "Hol dir den sexuellen Vorteil, den du immer gesucht hast." Bei Kuschel-Partys in den USA wird er als Lutschtablette verteilt, das soll die Zugänglichkeit der Gäste steigern.

Der Stoff wird vom Körper selbst hergestellt und ist eine der heißesten Substanzen – nicht nur für Speeddater, sondern auch für Wissenschaftler. Die Hoffnung: Wenn er uns empfänglicher macht für zwischenmenschliche Signale, könnte er dann nicht auch gegen krankhafte Kontaktstörungen helfen: gegen Autismus etwa oder soziale Ängste?

Mit seinem dritten, pharmakologischen Namen heißt der Stoff Oxytocin, nach dem altgriechischen okys tokos – schnelle Geburt. Genau das ist nämlich seine natürliche Aufgabe: Er löst Wehen aus, wird aber ebenso beim Stillen ausgeschüttet – und beim Sex. Er tritt also in Aktion, wenn zwei Menschen einander näher kommen, als es unser individueller Sicherheitsabstand vorsieht.

Wer begreifen will, was der Stoff mit uns treibt und warum er wissenschaftliche Hoffnungen weckt, braucht nicht in die Ferne zu schweifen: Deutschland ist ein Zentrum der Oxytocin-Forschung. Hier versuchen einige der besten Experten, dieser Substanz auf die Schliche zu kommen. Folgen wir also dem Oxytocin auf seiner Reise von Taylors Apotheke in all die Labore.

Freiburg. Nach 181 Kilometern auf der A 5 ist das Oxytocin im Labor des Psychologen Markus Heinrichs angekommen. Hier lagern die braunen Fläschchen im Kühlschrank. Der hat ein Schloss. "Damit niemand auf dumme Ideen kommt", sagt Heinrichs. Er ist einer der Pioniere der Oxytocin-Forschung am Menschen. Eine der Sprühflaschen hält jetzt ein Proband in der Hand. Es ist ein junger Mann – groß, breit, Brille, Bart. Er steckt sich den Aufsatz in die Nase und sprüht, in jedes Nasenloch dreimal. Von hier aus soll der Stoff sich im Körper verbreiten, vor allem ins Hirn.

Der Proband setzt sich vor einen Bildschirm, sein Kopf wird in einem Gestell befestigt, nur die Augen kann er bewegen. Jetzt beobachtet der "Eye-Tracker", ein medizintechnisches Gerät, wohin der Fixierte blickt. Auf dem Monitor erscheinen Bilderpaare: ein Gesicht und ein Haus, Gesicht und Gesicht, Haus und Gesicht. Die Forscher wollen wissen, ob sich der Proband nach ein paar Prisen Oxytocin stärker für die Gesichter interessiert als ohne den Stoff.

Das Experiment zielt also auf den Kern menschlichen Miteinanders: Vieles steht uns ins Gesicht geschrieben, bevor wir auch nur ein Wort sagen. Wer den Subtext der Gesichtszüge nicht zu entziffern vermag, gilt als sozialer Legastheniker. Kann Oxytocin dazu beitragen, dass Menschen einander besser lesen können?