Jedes Jahr im Sommer gibt es ein großes Fest im Garten der Kreuzberger Kinderstiftung in Berlin. Jugendliche, die bald für ein Jahr ins Ausland gehen, treffen auf Jugendliche, die gerade zurückgekommen sind, aus Peru, Finnland oder Panama. Mittendrin Peter Ackermann, 77 Jahre alt und Gründer der Stiftung. Für ihn ist das immer ein besonderer Tag. Er sieht, wie die Heimkehrer sich verändert haben, hört Satzfetzen, die ihn zum Lachen bringen – etwa, wie geil es war, dass McDonald’s in Malaysia frei Haus liefert. Vor allem aber hofft Ackermann, dass das Auslandsjahr die jungen Leute inspiriert, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Ihm selbst ist das gelungen: Er hat erst jahrelang als Anwalt gut verdient, dann als Investor eines Software-Unternehmens. Nun, im Ruhestand, stiftet Ackermann einen großen Teil seines Vermögens für Jugendliche – weil er vor sechs Jahrzehnten selbst von einem Stipendium profitiert hat.

Als 15-Jähriger war er damals ausgewählt worden, ein Jahr bei einer Familie in Kalifornien zu verbringen – trotz "grottenhaftem Englisch", wie seine Lehrerin meinte. In Bremerhaven bestieg er ein Schiff, mit klopfendem Herzen und zwei Dutzend Gleichaltrigen. Der Dampfer hatte im Krieg Truppen aus den USA übergesetzt, nun brachte er Jugendliche nach Amerika.

Ackermann sagt, er habe großes Glück gehabt. Der Austausch war Teil eines Kulturprogramms, mit dem die USA die Beziehungen zu Deutschland beleben wollten. "Wenn nur 100 Mark notwendig gewesen wären – ich hätte nicht fahren können", sagt er. Seine Mutter arbeitete von früh bis spät als Ärztin, trotzdem war kein Geld übrig. Sein Vater war im Krieg gefallen. Die ständige Geldnot war ein Grund, warum er später Jura studierte.

Wichtiger war ihm aber zeitlebens auch: seine Jugendarbeit. Mit neun Jahren wurde er Mitglied bei den Berliner Pfadfindern. Die Geschichten, die er aus dieser Zeit erzählt, würden den Eltern von heute den Schlaf rauben. Einmal ist er mit seiner Gruppe bis nach Bayern getrampt. Den kleinen, abenteuerlustigen Peter kann man sich noch gut vorstellen, trotz der gealterten Gesichtszüge. Später wurde er Gruppenleiter, dann engagierte er sich im Bundesvorstand der Pfadfinder.

Bei der Frage, warum ihm Jugendarbeit so wichtig sei, holt Ackermann weit aus. Kinder und Jugendliche hätten heute zwischen Elternhaus und Schule wenig Freiräume. Mit Gleichaltrigen unterwegs zu sein, etwas gemeinsam zu erleben, eigene Interessen und Ansprüche zu entwickeln – das alles sei wichtig für die Persönlichkeit. Deswegen möchte er ihnen Angebote für die verbleibende Zeit machen. Neben den Auslandsstipendien veranstaltet die Kinderstiftung Kanutouren, Koch- und Pflanzkurse, finanziert Musical-Gruppen. Das Angebot richtet sich nicht nur, aber vor allem an bedürftige Kinder und Jugendliche. Die Auslandsstipendien gehen ausschließlich an Nichtgymnasiasten. "Den Real-, Haupt- oder Mittelschülern traut man viel zu wenig zu", sagt Ackermann.

Die Kreuzberger Kinderstiftung hat er 2004 gegründet, an seinem 65. Geburtstag, das Grundkapital beträgt drei Millionen Euro. Ackermann hat gut verdient als Anwalt, während des Kalten Krieges betreute seine Kanzlei Unternehmen in Ost-West-Handelsstreitigkeiten. Dann baute er weltweit die Niederlassungen des Software-Unternehmens auf, zu dieser Zeit wohnte er mit seiner Familie in London, hatte immer "ein Bündel Flugtickets" in der Tasche.

Welchen Anteil hat das Jahr in Kalifornien an seinem beruflichen Werdegang? Ackermann erzählt, dass er das Vertrauen so mancher amerikanischer Mandanten beim Martini an der Bar gewonnen habe und nicht über juristische Fachsimpeleien. Aber eigentlich lässt sich ein 77 Jahre langes Leben nicht auf ein paar Erfolgsformeln eindampfen. "Das Auslandsjahr war eine Facette unter vielen", sagt Ackermann, "wenngleich eine bedeutende."