* 6. 7. 1970 - † 24. 3. 2016

Eine seiner Lieblingsanekdoten war die von Frank Sinatra, der im voll besetzten Sands-Kasino auf die Bühne kommt und sagt: "What are all these people doing in my room?" Das fand er toll, diese Schnoddrigkeit, weil er, der Sinatra-Bewunderer und -Nachsänger, so ganz anders war. Roger Cicero war nie cocky, großspurig, auch als amtierender Superstar des deutschen Popjazz blieb er immer höflich und liebenswürdig. Den Nimbus kreativer Kauzigkeit hat er sich nicht nur nicht gestattet, es wäre ihm auch gar nicht in den Sinn gekommen, sein Können mit einer höheren Bedeutung aufzuladen. Für Roger Cicero war die Musik ein Glück, und wie er in einem seiner Songs gesungen hat: "Glück ist leicht."

Für das letzte große Album, eine Live-Einspielung von Sinatra-Songs, hat er es sich umso schwerer gemacht. Seine Vorbereitung auf diese Platte war, um es vorsichtig zu sagen, akribisch. Man hat das schnell als übertriebenen Ehrgeiz verstanden – ein deutscher Sänger kopiert den Hausheiligen des amerikanischen Jazzgesangs –, aber eigentlich war es ein Liebhaberprojekt und eine Demutsübung. Man weiß von Schriftstellern, die ihre Vorbilder Wort für Wort abschreiben, um deren Verfahren bis in die Fingerspitzen hinein nachzuempfinden. Auf diese Weise hat sich Roger Cicero das Werk Sinatras aufgeschlüsselt. Jedes Stück wurde in einem aufwendigen Auslegungsprozess durchgenommen, eine regelrechte Rollenarbeit, für die er einen auf Schauspielarbeit spezialisierten Freund zurate zog. Auf der Bühne wirkte es dann ganz lässig und aus dem Handgelenk geschüttelt, so wie Entertainment eben sein muss, ein wunderbares Paradox: genial einfach, einfach genial.

Roger Cicero hatte das Rüstzeug für seine fulminante, überraschende, im Rückblick aber rundherum schlüssige Karriere. Er studierte Klavier, Gitarre und Jazzgesang in Holland; sein Albumdebüt gab er als Sänger der Pianistin Julia Hülsmann, die mit ihm Emily-Dickinson-Verse vertonte. Schon damals ließ es sich bestaunen: das Talent, diffizilen Texten das Diffizile zu nehmen, ohne sie zu verflachen. Das war 2005, Jazzsänger konnten damals vom Jazz noch weniger leben als heute, Cicero jobbte deshalb in Angie’s Nightclub auf der Hamburger Reeperbahn oder tingelte mit einem DJ durchs norddeutsche Hinterland. Hitparaden-Trash für Firmenfeiern und Hochzeiten. Wenn er sich damals beschwerte, dann selten über die räudige Bezahlung und nie über das Publikum. Genervt war er nur, wenn sein Kollege die Einsätze verschleppte oder der Sound nicht akzeptabel war.

Knapp zwei Wochen vor der Fußball-WM im Juni 2006 begann dann seine offizielle Karriere. Das Album Männersachen erschien, und es kam ihm wohl selber merkwürdig vor, dass er nun auf Deutsch sang. Er war ja der George-Benson- und Prince-Verehrer, der das Falsett seiner Idole nachahmen konnte, dass es schon fast gespenstisch war. Nun trat er an, mit gleich zwei Handicaps: Swing galt als Großvätermusik, die jene hörten, die Amerikaner noch Besatzer nannten. Und Deutsch ging als Popsprache höchstens durch bei Lindenberg, Grönemeyer und Westernhagen, der Rest war Hip-Hop-Radau und Schlagerpampe.

Männersachen von 2006 ist von heute aus betrachtet eine kleine Revolution: Swing, aber nicht mit dem Vintage-Knistern eines Max Raabe, sondern modern, streckenweise sogar aggressiv, funky. Die Texte: elegant, manchmal kalauernd, meistens überraschend, eine Prosa zwischen Kalenderspruch und Mackie Messer. Frank Ramond, der Texter der ersten Alben, muss das als enormes Glück empfunden haben: dass es nun einen gab, dem er das Wort im Mund verdrehen konnte, ohne dass es peinlich wirkte.

"Ich bin ein Broker, ein Seller, ein Intellektueller / ein Helfer, ein Heiler, im Grunde ein Geiler" heißt es im Stück Frauen regier’n die Welt. Cicero singt das mit einer Coolness, dass es ein wenig nach Rap klingt und sehr viel nach Cole Porter. Das war der Ton einer postmodernen Männlichkeit, die auf Macho machte und doch Maximen wie "Zieh die Schuh aus, bring den Müll raus" ins Selbstverständnis integrierte. Da wurde geschwärmt von der "Liste der noch zu küssenden Frau’n" und ein Samstag ohne Sportschau als Nicht artgerecht (der Titel des dritten Albums von 2009) disqualifiziert, aber mit der Selbstironie des Pantoffelhelden, der sich den Part des Don Juan überstreift wie ein Jackett. So arrangierte er mit am Soundtrack der nuller Jahre made in Germany. Man hatte die Welt zu Gast bei Freunden, und die deutsche Hauptstadt erschien kurz als das neue Paris, London, New York. Es gibt auch hierzu eine schöne Songzeile: "Ich laufe durch Berlin und sammle Fantasien."

Die späteren Alben bewegen sich weg vom Jazz und sind doch voller Swing. Die Texte werden nachdenklich, wobei Nachdenklichkeit bei Roger Cicero nie vergrübelt war, nie prätentiös. In einem Interview erklärte er einmal seine Bewunderung für Caterina Valente und Paul Kuhn. Deren Idee von Unterhaltung hatte er für sich in stimmigster Weise übersetzt. Für sein heiteres und liebenswürdiges Wesen. Und für sein behändes, durch die Stil- und Tonlagen flanierendes Talent. Das ging so weit, dass er für die Musikshow Sing meinen Song, in deren erster Staffel er 2014 auftrat, eine Schunkelnummer von Andreas Gabalier einspielte. Er machte daraus eine Bluesballade; man hört gar nicht mehr, dass es ein österreichischer Dialekt ist, den er da singt. Es klingt wie ein neues Idiom. Al Green aus der Steiermark.

Banal? Trivial? Egal. Große Unterhaltung überschreitet solche Begriffe. Der Entertainer Roger Cicero ist im Alter von 45 Jahren gestorben.

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