Nur wenn er vom GC-Mittagessen kam, wurde es auf der Redaktion ungemütlich. Keine zwei Minuten vergingen, und schon musste unsere Chefredaktorin bei ihm vortraben. Vor sich hatte er eine Zigarettenschachtel liegen, worauf alles stand, was ihm seine Grasshopper-Clubkollegen diktiert hatten: Feministinnen-Hetzblatt! Links unterwandert! Doch kaum hatte sich unsere Chefredaktorin gesetzt, verließ ihn aller Mut. Als Gentleman war es ihm unmöglich, einer Frau seine Meinung zu sagen.

Franz Ludwig von Senger war Ende der 1960er Jahre mein erster Verleger, und wie häufig bei guten Dingen schätzt man sie erst später wirklich. Um unsere Gesundheit besorgt, ließ er zur Grippezeit Honigtöpfe auf der Redaktion aufstellen. Seine Komplimente beflügelten uns. Sein Lebensmotto lautete: "Alle Menschen höher einschätzen, als sie sind. Dann werden sie auch besser." Dafür waren wir der schönste Beweis: In wenigen Jahren machten wir, nur zu viert auf der Redaktion, seine Neugründung Elle zur erfolgreichsten Frauenzeitschrift der Schweiz.

In seiner Vorstellung hatten die Damen edlen Gemüts, schön und liebreizend zu sein und die Sinne des Mannes zu erfreuen, wenn er müde aus der Schlacht des Existenzkampfes kam. Diesem Bilde nachzueifern, bemühten sich insgesamt vier Gattinnen. Keine aber tat es auf so ruinöse Art wie Natascha. Sosehr sie sein Herz entzückte, so sehr schreckte sie jenes seines Buchhalters. Nataschas kleiner Snack bestand aus zwei Platten Hummer und Kaviar, und was immer sie kaufte, sie kaufte es im Dutzend. Auch die Goldbleistifte als Dankeschön fürs Personal.

So begann denn Franz Ludwigs Reich, unter dessen Sonne er weder Unglück noch Leid geduldet hatte, zu bröckeln. Und die Konkurrenz, die seinen – für die Zwinglistadt Zürich viel zu eleganten – Auftritten schon immer misstraut hatte, stand eifrig bereit, die Trümmer seines Lebenswerks aufzulesen.

Franz Ludwig von Senger war der letzte Grandseigneur im Schweizer Verlagswesen gewesen. Ein romantischer, eleganter Fünfmaster auf einem Meer, wo inzwischen fast ausnahmslos Containerfrachter verkehren. Angestoßen hatte die Entwicklung zum reinen Nutzverkehr Charles von Graffenried. Schon Ende der siebziger Jahre, lange bevor die großen Fusionswellen die Schweizer Presse erschütterten, legte der erste moderne Schweizer Verleger mit kühlem Kalkulieren und Taktieren immer neue Blätter zusammen, bis sein Medienreich das ganze Mittelland umfasste. "Raubritter!", fluchten die Eroberten. "Menschenschinder!", stöhnten die von ihm rüde Entlassenen.

Doch das Wehklagen seiner Redaktionen, von Bund bis Berner Zeitung, drang nicht bis zu ihm. Denn er verkehrte niemals auf Redaktionen. "Ich spreche direkt nur mit dem Chefredaktor." Ohnehin ging ihm jedes Verständnis für das Grännen seines Fußvolks ab. Ja, es verwunderte ihn ebenso wie die kuriosen Sitten exotischer Stämme. "Zu wenig Herz vermutlich", lautete seine Selbstdiagnose. Es klang, als hätte er den Vorwurf schon oft gehört, gedächte aber nicht, den Tatbestand zu ändern.

Als Jurymitglied seines Lokaljournalismus-Preises begegnete ich Charles von Graffenried vor allem an festlichen Anlässen. Im Berner Hotel Bellevue Palace pflegte er mit langen Schritten die Schar seiner 400 Gäste aus Wirtschaft und Politik zu durchpflügen, die beste Gelegenheit, um zeitsparend alle zu sehen, die er sehen wollte. Die meisten überragte er um Haupteslänge. Wenn er sich näherte, verstummten die Gespräche. Wenn er ging, blieb es eine Weile still. Und lange hielt es ihn nirgends.

Er fuhr einen zwölf Jahre alten Japaner, in dem seine Beine kaum Platz fanden; in seinem Büro stand Solides aus der Vor-Büro-Kulturzeit. Besucher saßen, statt an einem imposanten Konferenztisch, an einer Art Servierboy. Disziplin und Bescheidenheit, sagte er, verdanke er seinem Vater. Alles andere hatte er selbst geschaffen. Wenige Tage nach seiner Hüftoperation landeten die Krücken in einer Ecke, während er sich mit langen Armen von Möbel zu Möbel hangelte. Gewohnt, dass seine Befehle subito ausgeführt wurden, erwartete er auch von seinem Körper sofortigen Gehorsam. Mit Charles von Graffenried starb 2012 eine der letzten Verlegerpersönlichkeiten der Schweiz.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 15 vom 31.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Mein nächster Verleger verbrachte sein Leben auf seiner Jacht im Mittelmeer, dies zum Ärger der Zürcher Steuerbehörde. Bei seinen seltenen Besuchen auf unserer Weltwoche-Redaktion saß er, wie der Pate persönlich, mit wächserner Stummheit da, kaum dass sich seine Pupillen bewegten. Umso hektischer schienen seine Befehlsempfänger, die ihn unentwegt in größeren und kleineren Umlaufbahnen umwieselten. Niemand hatte Max Frey je bei der Lektüre einer seiner Zeitungen – Weltwoche, Bilanz und Annabelle – gesehen. Niemals hatte er uns gebeten, einen Artikel für oder wider jemanden ins Blatt zu rücken. Niemals hat er sich über einen Artikel geärgert oder gefreut. Seine Blätter, so schien es, waren ihm als Geisteserzeugnisse völlig egal. Nicht aber, so stellte sich später heraus, als Verkaufsmasse.