Ein älterer Mann im VW Polo parkt gegenüber, geht ein paar Schritte bis zum Rand des Parkplatzes und pinkelt in die Büsche. Dann fährt er wieder weg. Was jetzt? Kein Hunger, ist noch viel zu früh zum Essen, und dann in diesem Restaurant? Also wartet der Fahrer im Auto und wünscht sich ins Silicon Valley, wo der Tesla herkommt. Perfekte Bedingungen gibt es gerade rund um San Francisco. Das ganze Jahr lang Außentemperaturen, wie die Batterie sie braucht. Und dann ein speed limit! Ach, wie sehnt man sich im Tesla nach so einer sonnigen, geordneten Welt. Da gehört er hin. Aber auf den Autohof Rhüden bei Schmuddelwetter und drei Grad an einem Samstagmorgen?

Es ist nur der erste von vier Besuchen in der Parallelwelt der deutschen Autohöfe, an deren Rändern Tesla bevorzugt seine Säulen errichtet hat. In dieser Welt gibt es fast immer: eine Tankstelle mit Shop und Bezahlklo, ein einfaches Restaurant, eine Fastfoodkette, einen Erotikshop. Und immer öfter: die kleine Reihe von Superchargern. Ständig fahren riesige Trucks vorbei, man fühlt sich wie auf einem Segelboot neben einem Tanker.

Am Morgen sind noch keine Teslas zu sehen, aber beim dritten Stopp, Geiselwind, sind auf einmal fünf der sechs vorgezeichneten Parkplätze besetzt. Ein holländisches Ehepaar isst etwas in seinem verkabelten Wagen. Dann kommt ein Schweizer Paar. Dann ein allein reisender fescher Holländer in Fliegerjacke und Designerjeans. Und ein Tesla-Fahrer aus der Gegend, der gratis tanken geht. Eine Familie im VW Golf gegenüber fotografiert den seltsamen Tesla-Club. Das Paar aus den Niederlanden versucht zu schlafen, der Deutsche wandert ein Stück durch die traurige, nasse Gegend, die Schweizer gehen was mit Pommes frites essen. Die Wege kreuzen sich in der Toilette, man wechselt ein paar Worte, wie Schicksalsgefährten. 40 Minuten können eine Ewigkeit sein, eine, die sich wiederholt.

Der Tesla-Mann hatte schon gesagt, dass man vor allem Skandinavier und Holländer trifft, kaum Deutsche, die tatsächlich die Republik mit dem Model S durchqueren. Beim vierten Stopp ist schon ein freundlich grüßender Schwede mit seiner Familie da, dann kommt ein tschechischer E-Auto-Pionier, der allen seine Karte gibt mit dem Hinweis: Seid ihr mal in Prag und wisst nicht, wo ihr laden sollt, fahrt zu mir. Als Nächstes kommt ein Model S aus Dänemark an. Aber da geht es schon wieder los auf den letzten Teil der Reise. Es ist wärmer geworden auf dem Weg nach Süden, das Laden dauert nicht mehr so lange.

Ergebnis: zehneinhalb Stunden für gut 900 Kilometer ohne Stau. Schneller zu fahren kostet am Ende nur noch mehr Zeit, weil man öfter lädt oder mit Hängen und Würgen und fast leerer Batterie ankommt, was schlecht ist, weil die Batterie mit einem Ladestand zwischen 20 und 80 Prozent am besten neue Energie aufnimmt.

Es ist ein Reisen wie aus einer anderen Zeit, das einem ausgerechnet das Auto aus dem Silicon Valley abverlangt. Gemächlich und, hat man seine Gefühle erst mal im Griff, entspannend. Normalerweise ist man nach so einer Tour gerädert. Jetzt aber fühlen sich die zwei Stunden mehr im Vergleich zu den Rasern an wie zwei weniger. Entspannung macht sich breit. Geschafft. Und an der Ampel kann man wieder beschleunigen wie von Sinnen, Steckdosen gibt es in der Stadt ja genug.

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