Der Verfolgte hetzt durch Brüssels Vorstadt. Die Polizei ist ihm auf den Fersen, und er sucht ein Versteck. Über ihm kreisen Drohnen, Überwachungskameras filmen jede Bewegung. "Teiresias", ein allwissender Fahndungscomputer der Europol, wertet sämtliche Aufnahmen aus, so kann er Personen am Laufmuster erkennen. Der Verfolgte weiß nicht, wohin. "Teiresias" hingegen weiß es: Der Rechner besitzt so umfangreiche Daten über den Flüchtenden, dass er vorhersagen kann, was dieser als Nächstes tut.

Das ist eine Szene aus meinem Kriminalroman Drohnenland. Er spielt in einem dystopischen Europa der Zukunft, in dem es für Verbrecher und andere Unliebsame kein Entrinnen mehr gibt. Die EU ist zu einem Überwachungsstaat geworden, mit mächtigen Nachrichten- und Sicherheitsdiensten, deren Treiben keiner mehr kontrolliert. Werden irgendwo mutmaßliche Terroristen oder Dissidenten aufgespürt (die Grenze ist fließend), rücken Teams der EU-Spezialeinheit Taurus an und lassen die Verdächtigen verschwinden. Das Buch sollte einige Jahrzehnte in der Zukunft spielen. Seit einigen Monaten habe ich allerdings das Gefühl, die Wirklichkeit nähere sich meiner Fiktion schneller an, als ich es für möglich gehalten hätte.

In Drohnenland reagiert die EU auf eine Reihe schwerer Terroranschläge. Sie rüstet auf – vor allem technologisch. Welche Daten die Polizei wie lange speichern darf, fragt sich niemand mehr: Europol und der Unionsgeheimdienst Récupération des Renseignements speichern alles und für immer. Gesprächsprotokolle, Kameraaufzeichnungen, von Drohnen geschossene Luftbilder – alles fließt in einer gigantischen Datenbank zusammen. Die Ermittler haben jederzeit Zugriff. Weil derartige Datenmassen von Menschen nicht mehr zu bewältigen sind, gibt es den Computer "Tereisiass.o.", eine Art Stasi-Siri: Er weiß alles über jeden und spuckt es auf Anfrage aus.

Ich wollte mit Drohnenland das Szenario eines Überwachungsstaats entwerfen: Was wäre denkbar, reizten wir alle technischen Möglichkeiten aus? In welche Art Gesellschaft könnte das führen? Die verlässlichste literarische Technik, Antworten zu finden, ist die Extrapolation. Es reicht hierzu, die Technologie-Berichterstattung zu verfolgen und die Sache weiterzudenken. Selbst exotisch anmutende Technologien sind oft bereits irgendwo als Prototypen im Einsatz. Nicht nur selbstfahrende Autos oder Datenbrillen, sondern auch Drohnen, winzig wie Mücken, oder Tarnumhänge, die ihren Nutzer unsichtbar machen. Der Science-Fiction-Autor William Gibson sagt: "Die Zukunft ist bereits hier. Sie ist nur nicht gleichmäßig verteilt."

Gerade was digitale Überwachung angeht, sind wir deutlich weiter, als die meisten ahnen. Es fehlt nur jemand, der die verschiedenen Technologien zum unheimlichen Ganzen zusammenführt. Schwere Schocks könnten die Dinge schnell in Bewegung bringen – eine Serie von Anschlägen beispielsweise. Die ersten Schritte Richtung Totalüberwachung könnten wir schon in den nächsten zwei, drei Jahren erleben.

Der aufziehende Überwachungsstaat besitzt eine fast unausweichliche Logik. Weniger wegen der Technologie als wegen des Terrors. Ob Deutscher Herbst oder 9/11: In der jüngeren Geschichte folgte stets eine deutliche Reaktion des Staates, kam es zu mehr Überwachung, mehr Repression. Auch nach Brüssel dürfte dies der Fall sein. Wir verfügen bereits über Technologien, die in ein Orwellsches Szenario führen können. Für meine Fiktion habe ich das x-mal durchgespielt. Am Ende standen immer drei beunruhigende Entwicklungen: unkontrollierbare Sicherheitsdienste, kriminologische Prädiktion und totale Überwachung.

Zu den Diensten: Nach Paris und Brüssel wissen wir drei Dinge recht sicher. Wir haben es mit supranationalem Terrorismus zu tun. Dass er islamistisch daherkommt, ist nebensächlich. Wichtiger ist, dass die Terroristen europaweit agieren. Wir wissen, dass sie nicht von außen kommen, sondern aus unserer Mitte – die Köpfe sind Franzosen und Belgier. Und wir wissen, dass wir mehr hätten wissen sollen. Vieles, was über die IS-Superzelle bekannt ist, hätten besser ausgestattete und vor allem untereinander vernetzte nationale Fahnder viel früher herausfinden können.

Der zwingende Schluss: Wir brauchen eine Gefährder-Datenbank, auf die alle europäischen Sicherheitsbehörden zugreifen können. Eine Forderung, gegen die man sich selbst als Linksliberaler kaum noch sträuben kann. Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt polterte, auf eine solche Gefährder-Datenbank zu verzichten sei "unterlassene Hilfeleistung unserer Politiker gegenüber uns Bürgern". Die Datenbank ist wohl notwendig. Sie könnte aber auch der Anfang vom Ende der ohnehin spärlichen Kontrolle der Politik über die Nachrichtendienste sein. Diese erweitern mit einer supranationalen Datenbank ihren Spielraum immens – eine Art EU-Binnenmarkt für Geheimdienstinformationen entstünde. Kann jeder Schlapphut auf alles zugreifen, spielt es keine Rolle mehr, dass Mitgliedsstaat A eine Vorratsdatenspeicherung hat, Mitgliedsstaat B aber nicht. Ob ein Nachrichtendienst die eigenen Bürger bespitzeln darf, ist dann auch egal. Wie bei der Zusammenarbeit von NSA und BND werden die Dienste einander helfen. Jeder erhebt, was er kann, danach wird geteilt. Dass ein solcher Geheimdienstverbund kontrollierbar ist, darf bezweifelt werden. Wenn schon der Bundestag den BND nicht im Zaum halten kann, wie sollte dies dann auf EU-Ebene gelingen, wo der politische Prozess oft erschreckend dysfunktional ist?

Reichelt fordert: "Alle in Europa müssen alles über alle bekannten Islamisten wissen." Das Problem: Es reicht nicht, alle Gefährder zu kennen. Wir müssten sie auch alle überwachen, und zwar 24 Stunden am Tag. Dem Verfassungsschutz zufolge benötigt man für die lückenlose Observation eines einzelnen Gefährders 25 Beamte. Allein für die deutsche Islamistenszene mit ihren 500 Gefährdern wären also 7.500 Personen notwendig. Die haben wir nicht. Wenn aber aufgrund einer europäischen Gefährderdatenbank "alle alles wissen", wird sich nach dem nächsten Anschlag die Frage stellen, warum die verfügbaren Informationen nicht verwendet wurden, um das Attentat vorherzusagen. Und spätestens dann werden Politiker fordern, computergestützte Prädiktion einzusetzen.

Prädiktion ist unheimlich und wirft rechtliche Fragen auf. Aber sie ist bereits verfügbar, und wir werden sie bald zur Terrorismusbekämpfung nutzen. Das Heilsversprechen der Vorhersage ist allzu verlockend: Dank ihrer könnten wir sämtliche Gefährder im Auge behalten – ohne einen einzigen zusätzlichen Polizisten. Das Ganze funktioniert so: Füttert man einen Rechner mit ausreichend Daten zu einem Sachverhalt oder einer Person, vermag er Vorhersagen zu treffen. Die US-Supermarktkette Target etwa analysiert schon das Einkaufsverhalten ihrer Kundinnen und kann vorhersagen, welche ein Baby bekommen wird. Es folgen Gutscheine für Windeln und Babynahrung per Post.

Dasselbe Prinzip ließe sich auf Gefährder anwenden, sobald man genügend Daten hat. Ein guter Algorithmus könnte Bewegungsmuster, Kommunikation und andere Aktivitäten aller Gefährder in der EU analysieren. Das System arbeitete autonom, und die menschlichen Fahnder würden erst alarmiert, wenn ein Islamist auffällig agiert.

Solch ein System zu bauen ist kein Hexenwerk. Die Technologie ist da, auch wenn viele das nicht ahnen. Die Hybris lässt uns Menschen glauben, wir seien extrem komplex und unsere Handlungen deshalb unvorhersehbar. Das Gegenteil ist richtig. Der britische Physiker Stephen Wolfram, der sich mit der Prädiktion menschlichen Verhaltens beschäftigt, sagt: "Menschliches Handeln ist vorhersagbarer als die Quantenmechanik von Elementarteilchen." Es wäre also möglich, Prädiktion auf Terrorverdächtige anzuwenden. Angesichts der hohen Zahl gewaltbereiter Gefährder wird uns nichts anderes übrig bleiben.

Doch mit der Prädiktion begeben wir uns alle auf eine gefährliche Reise. Sie funktioniert nämlich so: Man füttert dazu einen lernfähigen Computer mit Daten. Je mehr Daten man ihm gibt, umso mehr Zusammenhänge kann der Rechner herstellen, umso treffsicherer sind seine Prognosen. Man spricht hier von Big Data. Die Logik von Big Data lautet: Viel hilft viel. Der Algorithmus hat nie genug Daten. Er ist immer hungrig. Wenn es unser Ziel ist, dass alle in Europa alles über alle Islamisten wissen, dann müsste unser Fahndungscomputer auch alles über alle anderen Menschen wissen. Der Rechner könnte das Verhalten radikaler französischer Muslime nämlich besser vorhersagen, wenn er auch über Daten von Kontrollgruppen verfügte – also zum Beispiel über die Bewegungsmuster aller gemäßigten französischen Muslime. Oder die aller radikalen belgischen Muslime. Oder die aller "normalen" Franzosen. Und so weiter.

Setzt man das Instrument der computergestützten crime prediction ein, wird einem Argument der Datenschützer der Boden entzogen: nämlich dass Polizei und Nachrichtendienste mit solchen Informationsmassen gar nichts anfangen könnten. Im Paradigma der Prädiktion stimmt das nicht mehr.

Schon sind Projekte auf dem Weg, die alles Vorstellbare übersteigen: So hat der britische Rüstungskonzern BAE Systems eine Drohne namens Argus entwickelt, die in 7.000 Meter Höhe fliegt und deren Kamera über 1,8 Gigapixel verfügt. Diese enorme Auflösung reicht, um den berüchtigten Brüsseler Stadtteil Molenbeek aus der Luft zu überwachen – nicht ausschnittweise, sondern lückenlos. Die Argus-Software erfasst obendrein sämtliche Bewegungsmuster von Autos und Fußgängern, 24 Stunden am Tag. Wer wann wohin geht, ist jederzeit abrufbar. Selbst Tauben sind auf den Videos auszumachen. Ein paar Hundert Islamisten zu überwachen wäre für solch ein System eine leichte Übung. Wir könnten die Technologie einsetzen, doch ließen wir es wieder bleiben, wenn die Überwachung zu massiv würde? Oder folgte die Öffentlichkeit eher Hans-Peter Uhl von der CSU: "Bomben explodieren – und wir sorgen uns um den Datenschutz!"

Der Eindruck nach Brüssel ist, dass man die Anschläge wohl hätte verhindern können, wären ein paar Personen konsequenter überwacht worden. Politiker fordern jetzt Fußfesseln für Gefährder. Wann fordert jemand das Argusauge am Himmel?

In Drohnenland hat die Datensammelwut das logische Endstadium erreicht. Der Unionsgeheimdienst hat den "Mirrorspace" entwickelt, eine hochauflösende Live-Version von Google Street View. Die Spione können mithilfe Tausender Drohnen an jedem Ort der Republik zuschauen, was ihre Bürger treiben. Prädiktion funktioniert in Drohnenland so gut, dass es kaum Morde gibt – der Fahndungscomputer ist den Verbrechern immer voraus. Ein Verfolgter, der "Teiresias" entrinnen will, entscheidet nicht mehr selbst, sondern wirft eine Münze. Nur der Zufall bietet ihm Auswege, die Prädiktion hat ihm den freien Willen verstellt.

Das ist alles dystopische Zukunftsvision. Aber man muss sich klarmachen, dass aus dem Facebook-Feed einer Person heute mit erschreckender Genauigkeit deren sexuelle Orientierung abzulesen ist. Eine Software, die Terroristen erkennt, erkennt ebenso mühelos FDP-Wähler, Steuerbetrüger oder Kiffer anhand ihrer Datenspuren. Der Verlust jeglicher Privatsphäre und letztlich aller bürgerlichen Freiheit wären der Preis.

Datensammlungen gigantischen Ausmaßes,Totalüberwachung, die umfassende Vorhersage menschlichen Verhaltens – niemand will solch ein monströses System. Das heißt aber nicht, dass wir es nicht vielleicht doch erschaffen.

Tom Hillenbrand ist Journalist und Autor. 2014 erschien sein Buch "Drohnenland" im Kölner KiWi-Verlag; 432 Seiten, 9,99 Euro