Wer bekommt was – Seite 1

Der Staat verteilt so viel Einkommen um wie lange nicht

Sind die Einkommen in Deutschland besonders ungleich verteilt? Die Antwort hängt davon ab, worauf man schaut: das Brutto oder das Netto. Jeder Arbeitnehmer kennt das ja – es macht einen Riesenunterschied, was als Bruttogehalt auf der Lohnabrechnung steht und was dann tatsächlich nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen auf dem eigenen Konto ankommt. Und so wie jeder Einzelne sorgfältig zwischen brutto und netto unterscheiden sollte, gehört das auch zur Diskussion um die Einkommensverteilung: Deutschland ist brutto ein sehr ungleiches, netto aber ein eher gleiches Land.

Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hebt gern hervor, dass Deutschland "zu den Industrieländern mit der höchsten Ungleichheit der Markteinkommen" gehört. Als Markteinkommen zählen alle Einkünfte, die von der unsichtbaren Hand des Marktes verteilt werden – Gehälter, Betriebsgewinne, Mieteinnahmen. Nicht berücksichtigt werden Sozialleistungen, Steuern und Abzüge. Man tut praktisch so, als ob der Staat nicht existierte. Aus dieser Brutto-Sicht ist die Ungleichheit in Deutschland auf ein Rekordniveau geklettert.

Experten messen Ungleichheit mit einer Kennzahl, dem sogenannten Gini-Koeffizienten. Wenn er bei 100 Prozent liegt, ist die Ungleichheit maximal (einer kassiert alles), liegt der Gini-Wert bei null Prozent, gibt es keine Ungleichheit (alle bekommen gleich viel). Die Ungleichheit der Markteinkommen liegt in Deutschland heute etwa in der Mitte, bei 50 Prozent. Das ist viel im Vergleich zu den achtziger Jahren, als dieser Wert nur etwas über 40 Prozent betrug. Die Kluft zwischen Großverdienern und Niedriglöhnern ist damit in Deutschland etwa so groß wie in England, Frankreich oder den USA.

Wie gesagt – das ist die Brutto-Sicht. Doch der Staat erhebt Steuern, er sorgt für Renten, Arbeitslosen- und Kindergeld, mehr als 40 Prozent des Sozialprodukts werden von ihm umverteilt. Berücksichtigt man das, dann ist die Ungleichheit weit weniger drastisch gestiegen. Nach einem zeitweiligen Rückgang liegt sie heute etwa wieder auf dem gleichen Niveau wie in Westdeutschland in den siebziger Jahren. Dabei ist in den Zahlen von damals noch nicht einmal die Einkommenskluft zu Ostdeutschland enthalten. Diese langfristige Entwicklung zeigen Berechnungen, die der Würzburger Ökonom Norbert Berthold kürzlich vorgestellt hat.

Auch im internationalen Vergleich sehen die Verhältnisse in Deutschland netto betrachtet viel besser aus als brutto: Mit einem Gini-Wert von 29 Prozent sind die verfügbaren Einkommen in Deutschland weniger ungleich verteilt als im Durchschnitt der OECD. Im Schnitt der Industrieländerorganisation liegt der Gini-Wert bei 32 Prozent, in Frankreich beträgt er 31, in Großbritannien 35 und in den USA sogar 39 Prozent.

Schaut man auf das Geld, das die Menschen tatsächlich zur Verfügung haben, ist die Einkommenskluft in Deutschland also zwar über die vergangenen 30 Jahre etwas größer geworden, aber sie ist im historischen wie auch im internationalen Vergleich maßvoll.

Die Vermögen konzentrieren sich bei wenigen

Auffällig ist in Deutschland die Vermögensverteilung. Dem wohlhabendsten Zehntel der Bevölkerung gehören je nach Quelle zwischen 50 und 60 Prozent des gesamten Privatvermögens. Die untere, weniger begüterte Hälfte der Bevölkerung besitzt dagegen bloß ein bis drei Prozent. Genau weiß man das nicht, weil der genaue Wert der Vermögen schwer zu erfassen ist.

Zum Teil lässt sich diese enorme Ungleichheit damit erklären, dass die meisten Menschen nur langsam im Laufe ihres Lebens Vermögen ansammeln. Experten sprechen vom Lebenszyklus, der sich darin spiegele. So verfügen Haushalte von 25- bis 34-Jährigen laut Bundesbank im Mittel nur über Ersparnisse in Höhe von 12.000 Euro, während 55- bis 64-Jährige zehnmal so viel auf der hohen Kante haben (in Form von Immobilien, Sparguthaben, Betriebsvermögen und Ähnlichem). Untersuchungen aus den siebziger und achtziger Jahren, die der Frankfurter Armutsforscher Richard Hauser zusammengetragen hat, zeigen auch eine ähnliche Konzentration wie heute. Sie sind allerdings methodisch nicht vergleichbar.

Lebenszyklen allein erklären die Verhältnisse aber nicht. Denn die Vermögen sind hierzulande stärker konzentriert als in anderen Ländern. Nach Zahlen der Bundesbank besitzt ein Haushalt, der zum reichsten Zehntel gehört, mindestens 470.000 Euro. Das ist achtmal so viel, wie ein Haushalt in der Mitte der Verteilung besitzt, nämlich bloß 60.000 Euro. Im Durchschnitt der Länder der Europäischen Währungsunion besitzen die Reichsten dagegen nur fünfmal so viel wie die Menschen in der Mitte. Das zeigt eine Erhebung der Notenbanken. Nur in den USA ballt sich der Reichtum noch stärker in der Oberschicht.

Was ist der Grund für die große Kluft in Deutschland? Ist es eine Spätfolge von 40 Jahren Teilung in Sozialismus und Kapitalismus? Im Osten besitzt ein Haushalt im Mittel 24.800 Euro, im Westen 80.000 Euro. Legen viele Deutsche ihr Geld einfach falsch an? Ist der viel gerühmte deutsche Mittelstand mit seinen Betriebsvermögen schuld an der Vermögenskonzentration? Oder wird der wahre Wohlstand vieler Arbeitnehmer übersehen, weil ihre staatlichen Rentenansprüche nicht mitgezählt werden? Wahrscheinlich spielen alle diese Komponenten eine Rolle.

Zu viel Ungleichheit ist genauso schädlich wie zu wenig

Die weltweite Ungleichheit verringert sich

Die ökonomischen Verhältnisse, wie wir sie heute kennen, sind irgendwann im späten 18. Jahrhundert entstanden. Damals begann der wirtschaftliche Aufstieg Europas und Nordamerikas, der den Bewohnern der Industrienationen bis dato unvorstellbaren Wohlstand brachte, während der Rest der Erdbevölkerung in Armut gefangen blieb. Seit einigen Jahren lässt sich eine bemerkenswerte Entwicklung beobachten: Die Schere zwischen Reich und Arm geht global betrachtet nicht mehr weiter auseinander, sie beginnt sich zu schließen.

Das zumindest ist das Ergebnis einer Untersuchung der Weltbank, die Einkommensdaten aus über 100 Ländern ausgewertet hat. Ergebnis: Der weltweite Gini-Koeffizient hat sich zwischen 1998 und 2008 leicht – um knapp zwei Prozentpunkte – verringert. Der Anteil derjenigen, die in absoluter Armut leben, ist von 37 Prozent auf zuletzt weniger als zehn Prozent der Weltbevölkerung gesunken.

Die Weltbank erkennt darin bereits erste Vorläufer einer Trendwende. Das Einkommen in der Welt sei zwar immer noch höchst ungleich verteilt. Die ärmsten Dänen sind – als Gruppe betrachtet – reicher als die reichsten Ugander. Doch gehe die Ungleichheit "erstmals seit der industriellen Revolution" zurück. Das hat vor allem mit zwei Ländern zu tun: China und Indien. Das rasante Wachstum dort hat Millionen von Menschen den Weg aus der Armut geebnet und eine neue Mittelschicht entstehen lassen.

Dabei scheinen die Wohlstandsgewinne in Asien einherzugehen mit Wohlstandsverlusten in den USA und in Europa. Das durchschnittliche Realeinkommen in China hat sich zwischen 1988 und 2008 verdreifacht, in der entwickelten Welt stagnierte es vielerorts. Neuere Studien führen das unter anderem darauf zurück, dass durch den wachsenden Konkurrenzdruck aus den aufstrebenden Volkswirtschaften die Löhne unter Druck geraten sind: Die wachsende Ungleichheit der Markteinkommen bei uns wäre demnach das Spiegelbild des Aufstiegs der chinesischen Arbeitnehmer.

Ungleichheit und Wachstum: Die Dosis macht das Gift

Vor einigen Monaten veröffentlichte die Industrieländerorganisation OECD eine Studie, die für erheblichen Wirbel sorgte. Demnach senkt die Kluft zwischen Arm und Reich den Wohlstand in Deutschland. Das Wirtschaftswachstum zwischen 1990 und 2010 hätte um sechs Prozentpunkte höher ausfallen können, wenn die Einkommen gleicher verteilt wären.

Die Untersuchung steht in Kontrast zu dem unter Ökonomen verbreiteten Glaubenssatz, wonach die Wirtschaft schneller wächst, wenn eine Gesellschaft Ungleichheit zulässt. Die Logik des Arguments: Nimmt der Staat Spitzenverdienern einen großen Teil ihres Einkommens zum Beispiel in Form hoher Steuern wieder ab, dann haben sie weniger Lust, Spitzenleistungen zu vollbringen. Das bremst dann das Wachstum.

Um Spitzenleistungen vollbringen zu können, ist allerdings in der Regel ein Mindestmaß an Bildung und Ausbildung nötig. Und der Besuch einer Schule oder einer Hochschule setzt Eltern mit etwas Geld und etwas Zeit für den Nachwuchs voraus. Wenn es davon nicht mehr genug gibt, werden die Arbeitnehmer im Schnitt nicht mehr angemessen ausgebildet. Deshalb kommen Untersuchungen wie die der OECD zu dem Ergebnis, dass eine zu hohe Ungleichheit die wirtschaftliche Dynamik lähmt.

Doch wann ist die Ungleichheit zu hoch? Die OECD versucht diese Frage mithilfe eines komplizierten statistischen Verfahrens zu beantworten, das Daten zu Ungleichheit und Wachstum aus verschiedenen Ländern auswertet. Dieses Verfahren ist jedoch umstritten, weil sich diese Länder nur schwer vergleichen lassen. So finanziert in Deutschland der Staat Schulen und Universitäten und stellt sie seinen Bürgern zur Verfügung, sodass sich in der Theorie auch Arme ordentliche Schulen leisen können. Der Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen rät deshalb zu "großer Vorsicht" im Umgang mit den Ergebnissen der OECD.

Dennoch ist es unter Ökonomen mittlerweile Konsens, dass zu viel Ungleichheit genauso schädlich ist wie zu wenig – und der Zugang zu Bildung entscheidend ist. So gesehen besteht auch in Deutschland Nachholbedarf. Obwohl bei uns alle Kinder ein Anrecht auf kostenfreie Schulbildung haben, macht es einen großen Unterschied, ob sie in München-Bogenhausen zur Schule gehen oder in Berlin-Neukölln – selbst wenn sich nicht genau berechnen lässt, wie viel Prozentpunkte Wachstum das kostet.