Säulen, Skulpturen, Schreine, die kunstvollsten Bögen und Türme, all die antiken, unschuldigen Steine wurden im vorigen Sommer zu Opfern des Wahns, als Terroristen des "Islamischen Staats" in der Wüstenstadt Palmyra einfielen. Und kaum etwas erregte die westliche Öffentlichkeit so sehr wie diese Schändung. Zusammen mit den Steinen zerbröselte auch die Vorstellung, dass es so etwas wie Weltkultur geben könnte, ein geteiltes Erbe, von allen und überall geachtet.

Umso größer die Erleichterung am Osterwochenende: Ganz so dramatisch, das war die Nachricht, sind die Schäden im zurückeroberten Palmyra offenbar doch nicht. Einige wichtige Monumente wurden von den Bilderstürmern verschont, andere nicht so gründlich vernichtet, wie es viele Archäologen befürchtet hatten. Einige behaupten bereits, Palmyra könne problemlos wiederauferstehen, schön und geheimnisvoll wie ehedem – und von mehr Touristen besucht als je zuvor.

Allerdings durfte bislang noch kein Experte nach Palmyra reisen, um sich ein klares Bild zu machen. Etliche Säulen stehen noch, und auch das großartige Theater, in dem die Terroristen ihre Hinrichtungen zelebrierten, scheint weitgehend unbeschädigt. Andere wichtige Bauten liegen hingegen in Schutt und Asche. Der Baal-Tempel wie auch der Tempel von Baalschamin, zwei der wichtigsten Heiligtümer der Antike, wurden gesprengt, und nur spärliche Relikte ragen aus den Trümmern noch hervor. Für euphorische Rekonstruktionsdebatten ist es jedenfalls entschieden zu früh. Erst nach Jahren, wenn nicht nach Jahrzehnten, wenn die Zerstörungen kartografiert sein werden, wird man einschätzen können, was sich ohne große Verfälschungen wiederaufbauen lässt.

Dennoch darf man sich natürlich freuen: Was für ein Glück, dass Palmyra in Teilen erhalten ist! Und man darf sich wundern: darüber, dass der IS nicht so radikal zu Werke ging, wie man es ihm gewöhnlich nachsagt. Die berühmte Löwenskulptur nur umzustürzen, sie nicht mit Mähne, Maul und Schwanz zu pulverisieren, scheint von einer erstaunlichen Halbherzigkeit zu zeugen. Die Ikonoklasten früherer Epochen waren zumeist von magischem Denken getrieben, sie hofften, gemeinsam mit den verhassten Bildwerken auch das zu vernichten, was in diesen gegenwärtig schien, ob fremde Götter oder feindliche Herrschaft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 31.3.2016.

Offenbar verfolgten die Sprengkommandos des IS einen anderen Auftrag: Ihre Destruktion diente der Produktion. Sie wollten Palmyra vor allem deshalb vernichten, weil sie von der Sprengung symbolträchtige Bilder verbreiten wollten. Dafür reichten gut vermarktbare Knalleffekte, hingegen konnte der IS auf einen systematischen, teuren Säuberungsfeldzug verzichten.

Damit aber gehorchten die Terroristen weniger dem Wahn ihrer Ideologie als der medialen Logik des Westens. Und sie folgten nicht den eigenen kulturellen Empfindlichkeiten, sondern denen jener Völkergemeinschaft, die an eine verbindende Weltkultur glauben möchte. So ist vielleicht das die eigentliche frohe Botschaft aus Palmyra: Zumindest ex negativo haben die Terroristen den Traum einer globalen Wertegemeinschaft gestärkt.