Das Versprechen klingt gewaltig: In den Gewässern nördlich des Polarkreises lagern laut des United States Geological Survey 30 Prozent der Welterdgasvorkommen und 13 Prozent der potenziellen Welterdölvorkommen. Russlands Präsident Wladimir Putin hat schon eine sehr konkrete Förderidee. "Offshorefelder, besonders in der Arktis, sind, und das ist keine Übertreibung, unsere strategische Reserve für das 21. Jahrhundert", prophezeit er.

Hinzu kommen lukrative Fischgründe. Schon heute ist das Nordmeer eines der weltweit ergiebigsten Fanggebiete. Und je mehr Boden der Klimawandel auch onshore freigibt, desto mehr bisher unentdeckte Lagerstätten versprechen sich Geologen für Gold, Zink, Nickel und Eisen.

Zudem wäre da eine Art russischer Sueskanal. In den vergangenen vierzig Jahren hat sich die sommerliche Eisdecke der Arktis um 40 Prozent verkleinert, ihre Dicke hat sich zwischen 2007 und 2012 sogar halbiert. Manche Klimaforscher gehen davon aus, dass schon in fünf Jahren die Sommer im Nordpolarmeer eisfrei sein werden. Die Nordostpassage könnte dann eine günstige Alternative für Tanker und Containerschiffe sein, die von Europa nach Asien wollen.

Ein Schiff, das beispielsweise von Hamburg nach Schanghai fahren möchte, könnte statt der 20.000 Kilometer durch das Rote Meer und den Indischen Ozean die um etwa 5.000 Kilometer kürzere Route entlang der sibirischen Küste und der Beringstraße nehmen. Das spart nicht nur Zeit und Treibstoff. Reeder könnten so auch dem Risiko von Piraterie ausweichen. Im Jahr 2009 schickte die deutsche Beluga-Reederei erstmals zwei Handelsschiffe durch die Nordostpassage – und fand innerhalb kurzer Zeit viele Nachahmer. In der Sommersaison 2013 nutzten bereits 71 Frachter und Tanker die nördliche Seeroute. Die Tour bleibt allerdings ein Wagnis. Wegen des Packeises müssen die Schiffe in Konvois fahren, die von Eisbrechern begleitet werden. Russland verspricht sich hiervon ein lukratives Geschäft. Das Land besitzt mit 40 Exemplaren die größte Eisbrecherflotte der Welt, weitere sollen gebaut werden.

Doch Seefahrtsexperten warnen vor allzu hohen Hoffnungen: Selbst ohne Eis könne das Polarmeer zum Albtraum werden. Es herrsche oft schweres Wetter, schlechte Sicht und, wegen der Nähe zum Nordpol, eingeschränkte Satellitennavigation. Im Notfall gäbe es bisher zudem kaum Rettungsmöglichkeiten von Land aus. Schiffsversicherer verlangen deshalb hohe Prämien für die Nordostpassage – was den wirtschaftlichen Sinn der Route wieder schmälert.

Auch die Vorstellung von einem arktischen Öl-Eldorado ist – jedenfalls derzeit – eher Träumerei. Der niedrige Ölpreis von gerade einmal 30 Dollar pro Barrel lohnt die aufwendige Offshoreförderung nicht, es brauchte dazu einen Mindestpreis von 50 Dollar. Und selbst wenn der Ölpreis wieder steigen sollte, werden sich die stürmischen Wetterbedingungen und die halbjährige Dunkelheit in der Region nicht ändern. Sie machen den Bau und den Betrieb von Plattformen zu einer extremen Herausforderung für Mensch und Material.

Hinzu kommt, dass dem potenziell größten Nutznießer des arktischen Reichtums das Know-how für die Förderung fehlt. Wegen der Sanktionen darf Russland Hightechteile, die es für Offshorebohrungen aus der EU braucht, nicht importieren.