Es ist eine irritierende Nachricht, auf den ersten Blick: Die Technische Universität in Berlin tut zu viel für die Gleichstellung! Das sagt die Mehrzahl der rund 200 Mitarbeiter, die die Geschlechterforscherin Sabine Hark vor Kurzem befragt hat. Die wenigsten wussten jedoch, wie die Gleichstellungspolitik ihrer Institution eigentlich genau aussieht. Das Interessante: Selbst die weiblichen Kollegen waren dieser Meinung.

Tatsächlich könnte man zu der Überzeugung gelangen, dass für die Gleichstellung genug getan wird: Frauenquoten für Dax-Unternehmen, spezielle Führungskräfte-Coachings für Frauen, Seminare mit dem Titel Wie setze ich mich durch? oder schließlich das 300 Millionen Euro schwere Professorinnenprogramm von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Mancherorts wird die Frauenförderung deshalb wieder heruntergefahren. "Gerade junge Männer tun so, als sei das Problem beseitigt", sagt Sabine Hark. An der TU Berlin leitet sie das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. "Die Männer fürchten sogar, selbst benachteiligt zu werden." Doch trotz zahlreicher Förderungen gibt es viel weniger Frauen als Männer in der Wissenschaft.

Im EU-Vergleich liegt Deutschland bei den Professorinnen weit unter dem Durchschnitt. Hierzulande gilt immer noch: Je höher der Rang, desto kleiner der Frauenanteil. Zwar ist die Hälfte der Studierenden heute weiblich, doch bei der Promotion sind es nur 44 Prozent und bei der Habilitation 27. So steht es im aktuellen Bericht Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung, den die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern für das Jahr 2014 veröffentlicht hat. Der Anteil der Professorinnen liegt bei rund 21 Prozent. Nur 17 Prozent haben eine gut ausgestattete W3-Professur inne. Insgesamt gab es im Jahr 2014 in den Hochschulleitungen 59 Rektorinnen – das sind genau fünf Rektorinnen mehr als im Vorjahr. Es tut sich also etwas, doch ausgesprochen langsam.

Zu langsam, finden offenbar die Wissenschaftsminister: Auf der Sitzung der GWK wird laut ZEIT-Informationen darüber abgestimmt, ob in außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie der Max-Planck-Gesellschaft künftig auf allen Hierarchieebenen 50 Prozent Frauen arbeiten müssen. Dafür sollen die Institute ein Personalentwicklungskonzept vorlegen – und sich damit sehr viel strenger als bislang an die Zielvorgabe halten.

Ob und wie solche gleichstellungspolitischen Instrumente aber wirken, wissen die Politiker indessen nicht. Das geht aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen hervor.

Es sind vor allem drei Gründe, die verhindern, dass in der Wissenschaft ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herrscht: erstens die männlichen Netzwerke, die den Ausschluss von Frauen reproduzieren. Zweitens schlagen unbewusste Vorurteile durch, was die Qualität der Forschung von Frauen angeht. Drittens ein lange bekanntes Problem: Familie und Karriere sind in der Wissenschaft nur schwer vereinbar.

So meldeten sich bei einer Onlineumfrage von ZEIT und ZEIT ONLINE Ende vergangenen Jahres viele Nachwuchswissenschaftlerinnen mit sehr ähnlichen Geschichten. Diese sind nicht repräsentativ, veranschaulichen aber die Situation an den Hochschulen:

"Als ich schwanger wurde, vereinbarte ich mit meinem Chef eine kurze Babypause. Unter Babypause verstand er: Ich sollte unbezahlt und ohne Vertrag für das Projekt arbeiten. Da ich nicht schnell genug eine Kita fand, verlor ich die Stelle."

Oder: "Ich musste trotz Mutterschutz arbeiten. Als ich fast eine Fehlgeburt hatte, ließ ich mich krankschreiben. Das wurde ignoriert. Schließlich wurde ich noch in der Schwangerschaft abgemahnt. Daraufhin habe ich selbst gekündigt."

Auch weil viele Frauen nicht auf Familie verzichten wollen, können sich die Männer-Netzwerke halten: Die großen Wissenschaftsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft oder die Leibniz-Gemeinschaft sind immer noch männlich dominiert, ebenso wie ein Großteil der Berufungs- und Drittmittelkommissionen.