Besonders deutlich wird das an den Wissenschaftspreisen. Der prestigereiche Akademiepreis etwa, mit dem alle zwei Jahre "herausragende wissenschaftliche Leistungen" honoriert werden, ging bisher ausschließlich an männliche Wissenschaftler. Auch die Helmholtz-Medaille, erstmals 1892 für ein "überragendes wissenschaftliches Lebenswerk" verliehen, erhielt noch nie eine Frau. Das ist gewiss nicht immer so, auch Frauen gewinnen Preise. Doch insgesamt gingen in den vergangenen zehn Jahren 184 Preise an Männer. Nur 34 Preise bekamen Frauen verliehen. Einzig beim Sofja Kovalevskaja-Preis und beim Heinz Maier-Leibnitz-Preis, den zwei wichtigsten Nachwuchspreisen, sieht es anders aus. Dort bekamen Frauen 33 beziehungsweise 40 Prozent der Auszeichnungen.

Jochen Brüning leitet seit acht Jahren die Findungskommission des Akademiepreises, der noch nie an eine Frau ging. Brüning sagt, er halte Frauen nicht für weniger qualifiziert. Er wünsche sich eine Preisträgerin. Aber er sagt: "Uns werden kaum Frauen vorgeschlagen, weder von Männern noch von Frauen."

Leisten also Frauen, die sich für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden haben, weniger? Eine Reihe neuerer Studien zeigt, dass die Gründe für den Gender-Gap sehr viel tiefer liegen. Das Forschungszauberwort lautet: Unconscious Bias, "unbewusste Voreingenommenheit". Männer wie Frauen haben demnach gesellschaftliche Geschlechterstereotype derart verinnerlicht, dass sie ihre Entscheidungen und Bewertungen unbewusst beeinflussen – zuungunsten der Frauen. Es kommt nie nur auf die Qualität der Forschung an. Das Geschlecht spielt immer eine Rolle.

Aufschlussreich ist das Experiment der Biologin und Psychologin Corinne Moss-Racusin von der Universität Yale. Sie legte 127 Wissenschaftlern beiderlei Geschlechts anonyme Bewerbungen um eine Laborleitung vor – und kennzeichnete diese Unterlagen mal als Bewerbung eines Studenten, mal als Bewerbung einer Studentin. Die Wissenschaftler sollten die Kompetenz der Bewerber/-innen einschätzen und sagen, wen sie einstellen und wie viel Gehalt sie der Person bezahlen würden. In allen Bereichen erhielten die männlichen Studenten deutlich bessere Beurteilungen.

Die Vorurteile, das zeigt eine neue Studie der Universität Colorado, betreffen sogar Äußerlichkeiten. Den Teilnehmern wurden Fotos von hochkarätigen Forscherinnen vorgelegt. Die Testpersonen sollten die Attraktivität der Frauen bewerten und einschätzen, ob die abgebildete Frau eine Wissenschaftlerin ist. Das Ergebnis: Je attraktiver die Frau, desto weniger wurde ihr zugetraut, eine Forscherin zu sein.

Zu Unconscious Bias wird seit Jahren geforscht. Die Ergebnisse sind eindeutig: Wissenschaftlerinnen gelten als inkompetenter, ihre Forschung gilt als weniger bedeutsam, und sie werden seltener zitiert. Nicht nur das Geschlecht, auch die Hautfarbe, die sexuelle Orientierung und die soziale Herkunft fließen in die unbewusste Bewertung ein. Das gilt sogar, wenn die Befragten explizit bekräftigten, keine Vorurteile zu haben und Frauenförderung wichtig zu finden.

Gerade das ärgert die Soziologin Sabine Hark von der TU Berlin: "... dass Wissenschaftler davon überzeugt sind, objektiv zu handeln und nur die besten auswählen". Hark sitzt in vielen Berufungskommissionen. Sie entscheidet also mit, wer an ihrer Fakultät Professor wird. Mittlerweile bekommt sie häufig von Kollegen zu hören: "Jetzt müssen wir aber wieder zur Normalität zurück." Also einen Mann einstellen. Bei zwei annähernd gleich qualifizierten Kandidaten werde einfach eine weitere Bewertungsrunde durchgeführt. "Dann wird sich ausgedacht, dass etwa der Auslandsaufenthalt für die Stelle doch wichtiger ist", sagt sie. Und schon bekomme der Mann die Stelle.

Die Hochschulforschung betont seit Langem die Bedeutung von Netzwerken. Denn die helfen bei der Karriere. Männer fördern dabei eher diejenigen, die ihnen ähnlich sind. Oder wie jemand aus dem Bundesforschungsministerium resigniert sagt: "Es geht um Macht und Geld. Beides wollen die Jungs nicht so gerne teilen."

Der Leibniz-Preis zum Beispiel ist mit 2,5 Millionen Euro dotiert. Von dem Geld können Doktoranden eingestellt, Labore ausgestattet, Konferenzen ausgerichtet werden. In den vergangenen zehn Jahren sind rund 212 Millionen Euro an Wissenschaftler geflossen und 52 Millionen an Wissenschaftlerinnen. Dadurch entsteht eine Unwucht, die sich selbst verstärkt: Wer mehr Gelder für Forschung hat, kann damit mehr Mitarbeiter finanzieren und sein Netzwerk festigen, ist sichtbarer in seinem Fach, bei der Hochschulleitung, in den Medien. So jemand findet automatisch den Weg auf die nächste Nominierungsliste, gewinnt Preise und sitzt schließlich selbst in einer Jury.

Häufig wird behauptet, dass Frauen weniger netzwerken. Stimmt das? Die Soziologin Paula-Irene Villa von der Ludwig-Maximilians-Universität München sagt: "Das ist ein gern benutztes Argument dafür, dass Frauen weniger erfolgreich sind", sagt sie. "Das stimmt nicht." Frauen würden lediglich ihre Netzwerke weniger als Männer für ihr eigenes Fortkommen nutzen. Auf den Whiskey in der Hotelbar, nach einem langen Kongresstag, hätten sie bisweilen keine Lust.

Das Problem, so die Geschlechterforscherin: Die Strukturen im Wissenschaftssystem seien auf ein bestimmtes männliches Verhalten ausgerichtet. Professor wird nur, wer sein Leben danach ausrichtet. Wer eine planbare Karriere sucht und Kinder bekommen will, für den kommt der Posten nicht infrage.

Dieses Muster zeigt sich auch bei der Exzellenzinitiative. Auf die Kleine Anfrage der Grünen hat die Bundesregierung gerade mitgeteilt, dass durch die Exzellenzinitiative kaum mehr Wissenschaftlerinnen zum Zug kamen als sonst – obwohl die Gleichstellung ein programmatisches Ziel war. Von den insgesamt 285 Professuren, die aus den Mitteln der Initiative entstanden, wurden demnach nur 23 Prozent mit Professorinnen besetzt. Damit liegt der Frauenanteil hier nur zwei Prozent über dem Durchschnitt. Die Bundesregierung beobachte allerdings als Auswirkung der Exzellenzinitiative "eine spürbar gewachsene institutionelle Aufmerksamkeit für Fragen der Gleichstellung".

Tatsächlich reagieren die Hochschulen und Forschungsgemeinschaften seit einiger Zeit auf diese strukturellen Benachteiligungen: Erstens versuchen sie, Frauen selbst stärker einzubinden. Zweitens verordnen sie sich Gleichstellung qua Satzung.

Die Humboldt-Stiftung etwa hat eine "AG Chancengleichheit" gegründet. Wissenschaftlerinnen sollen in der Stiftung vermehrt verschiedene Funktionen übernehmen – als Antragstellerin, Gastgeberin, Nominierende, Gutachterin. Ähnlich der Akademiepreis, der sich für die Findungskommission mindestens ein weibliches Mitglied verordnet hat. Derzeit hat die Informatikerin Anja Feldmann von der TU Berlin diesen Posten inne. Frauenförderung dieser Art sei sinnvoll, sagt sie. Doch laut Feldmann verstärke sich so der Druck auf die wenigen Professorinnen. Ständig werde sie angefragt, in Kommissionen zu sitzen: als Frau, als Informatikerin, als mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin. "Wenn ich immer zusage, habe ich weniger Zeit für gute Forschung, für die ich dann wiederum einen Preis kriegen könnte."

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft setzt deshalb auf von oben verordnete Gleichstellung. 2008 hat sie ihre "forschungsorientierten Gleichstellungsstandards" verabschiedet, die ein "Kaskadenmodell" vorsehen: Der angestrebte Frauenanteil wird dabei nicht starr quotiert, sondern ergibt sich aus der Anzahl der Frauen in der darunterliegenden Karrierestufe. Auch wer sich um Drittmittel bewirbt, muss sich um Gleichstellung bemühen – das fließt in die Begutachtung mit ein. Ist Besserung in Sicht? Das Thema sei zwar in den Leitungsebenen angekommen, heißt es – doch zwischen Theorie und Praxis klaffe eine Lücke. 2015 präsentierte die DFG eine Riege ausschließlich männlicher Leibniz-Preisträger.

Sabine Hark aus Berlin findet deshalb: "Gesetze und Zielvorgaben allein helfen nicht." Sie hat durchgesetzt, dass an ihrer Fakultät alle Kolleginnen und Kollegen in Leitungspositionen ein Training machen müssen. So steht es im neuen Frauenförderplan, der ab dem Sommersemester gilt. Das Thema: Unconscious Bias.

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