Kaum beschert uns der Frühling angenehme Temperaturen, schon strebt alles ins Freie. Hauptsache, frische Luft! Doch Vorsicht, glaubt man Daimler, ist die Sache nicht ungefährlich. "Weil in der Luft nicht nur Luft ist", warnt der Autokonzern in einem Kundenschreiben und verweist besorgt auf die drohende Feinstaubbelastung. "Wenn Sie nur eine Stunde täglich auf Hauptstraßen unterwegs sind", ergebe das "aufs Jahr gerechnet 301,6 Gramm Feinstaub, den Sie einatmen".

Doch zum Glück gibt es Daimlers tolle Filter. Die sorgten dafür, dass wenigstens "der Innenraum Ihres Mercedes-Benz" zu "100 Prozent feinstaubfrei ist" – zertifiziert von der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF). Er sei "damit allergikerfreundlich". Deshalb offeriert Daimlers Serviceabteilung nun den Austausch des Innenraumfilters "zu attraktiven Frühlingspreisen".

Dummerweise steckt diese Werbekampagne voller peinlicher Falschaussagen:

Erstens ist die angebliche Menge von 301,6 Gramm inhaliertem Feinstaub pro Jahr um mehrere Größenordnungen zu hoch gegriffen. Tatsächlich handelt es sich allenfalls um einige Tausendstel Gramm. Zweitens hat die Gefährlichkeit von Feinstaub gar nichts mit dessen Gewicht zu tun. Wichtig sind vielmehr dessen chemische Zusammensetzung sowie die Größe der Staubpartikel. Dicke Brocken sind eher harmlos, sie bleiben früh im Atemtrakt hängen und werden ausgeschieden. Besonders feine und ultrafeine Teilchen hingegen dringen tief in die Lunge, ins Blut und in Organe vor. Merke: Die Feinsten sind oft die Gemeinsten.

Drittens ist die Behauptung falsch, Mercedes-Innenräume seien hundertprozentig feinstaubfrei. Um über Monate hinweg die gefährlichen ultrafeinen Teilchen herauszufiltern, wäre eine sündhaft teure Reinstraumtechnik vonnöten – bei einem Auto mit seinen vielen Fenstern und Türen barer Unsinn. Und viertens ist es grober Unfug, eine Stiftung für Allergieforschung als Kronzeugin zu bemühen. Denn die Toxizität von Feinstaub ist etwas ganz anderes als die Allergenität etwa von Pollen. Das wäre etwa so, als würde man sich die Sicherheit einer Hochseejacht von einem Ballonbauer bescheinigen lassen.

Auf Nachfrage stellt ECARF-Präsident Torsten Zuberbier von der Berliner Charité klar, dass Daimlers PR-Aktion ohne Abstimmung erfolgt sei. Ihren Aussagen fehle "jegliche wissenschaftliche Basis", jene zum Feinstaub seien "schlichtweg falsch". Entsprechend zerknirscht gibt man sich nun bei Daimler. Die Aktion sei "mehr als bedauerlich" und "äußerst unangenehm", entschuldigt Mercedes-Pressesprecherin Sandra Gödde. In der Tat: Nach der VW-Diesel-Affäre sollte die Autoindustrie eigentlich gelernt haben, die Öffentlichkeit bei komplexen Umweltproblemen nicht mit falschen Angaben zu täuschen.

Zur Wiedergutmachung ein Vorschlag: Die Innenraumfilter können zwar nicht Feinstaub gänzlich eliminieren, aber tatsächlich die Leiden von Allergikern lindern. Deshalb sollte Mercedes wirklich alte Filter gegen neue tauschen – allerdings nicht zum gewinnbringenden "Frühlingspreis", sondern zum echten Selbstkostenpreis. Das könnte anderen Autobauern als Beispiel dienen, wäre gut für das Volkswohl – und wirklich frühlingsfrisch.