DIE ZEIT: Herr Roden, die Zahl der Diabetiker steigt. Etwa sieben Prozent der Deutschen sind heute zuckerkrank, in den neunziger Jahren war in Untersuchungen noch von rund fünf Prozent die Rede. Bereitet Ihnen die Entwicklung Sorge?

Michael Roden: Vorweg gesagt: Man sollte die Zahlen zur Diabetes-Häufigkeit mit Vorsicht genießen. Denn die Datengrundlage aus früheren epidemiologischen Studien ist nur bedingt mit aktuellen Daten vergleichbar. Aber insgesamt lässt sich bei der Zahl der Patienten mit bekanntem Diabetes in der Tat ein eindeutiger Anstieg verzeichnen.

ZEIT: Wie kommt das?

Roden: Es klingt paradox, aber wir verdanken es unter anderem unserer guten medizinischen Versorgung. Wir werden immer älter, und das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, steigt im Alter stark an: Von den über 80-Jährigen leiden etwa 25 Prozent daran. Außerdem wird die Krankheit heute besser erkannt als früher.

ZEIT: Schätzungen zufolge gibt es etwa zwei Millionen Diabetiker in Deutschland, die nicht wissen, dass sie krank sind. Wieso bleibt Diabetes bis heute so oft unerkannt?

Roden: Weil er schleichend verläuft. Das gilt zumindest für den Typ 2, der vor allem durch eine ungesunde Lebensweise und Übergewicht verursacht wird. Die Körperzellen reagieren nicht mehr so sensibel wie bei Gesunden auf den Botenstoff Insulin, der den Zuckerspiegel im Blut senkt. Das führt erst einmal nicht zu Beschwerden. Bis die ersten Anzeichen auftauchen – Gewichtsverlust zum Beispiel, starker Durst oder häufiger Harndrang –, können Jahre vergehen.

ZEIT: Wie kommt man denn auf die hohe Dunkelziffer?

Roden: Indem man etwa bei einer größeren Gruppe von Testpersonen Blutuntersuchungen durchführt. Der Anteil der undiagnostizierten Diabetiker wird dann auf die Bevölkerung hochgerechnet. So wurde es etwa bei der DEGS-Studie vom Robert-Koch-Institut gemacht, für die Gesundheitsdaten von mehr als 8.000 Erwachsenen erfasst wurden. Laut dieser repräsentativen Erhebung haben etwa zwei Prozent der Deutschen Diabetes, ohne es zu wissen – rund 1,6 Millionen Menschen also. Übrigens betrifft das vorwiegend Männer, sie machen zwei Drittel der unerkannten Diabetiker aus.

ZEIT: Woran liegt das?

Roden: Insgesamt scheinen Männer wohl weniger auf einen gesunden Lebensstil zu achten als Frauen. Und sie gehen seltener zum Arzt.

ZEIT: Offenbar leiden auch immer mehr Kinder und Jugendliche unter Diabetes. Gibt es dafür eine Erklärung?

Roden: Beim Typ-2-Diabetes ist der Fall relativ klar: Übergewicht und Bewegungsmangel sind die Hauptursachen für das zunehmend jüngere Alter der Patienten. Weniger klar ist aber, warum immer mehr Kinder an Typ-1-Diabetes erkranken, der nicht durch diese Lebensstilfaktoren ausgelöst wird. Die Rate der Neuerkrankungen von Typ-1-Diabetes im Alter bis zu 14 Jahren ist zwischen 1999 und 2008 um 18 Prozent gestiegen.

ZEIT: Vielleicht auch, weil die Erkrankung heute eher erkannt wird als früher?

Roden: Das ist unwahrscheinlich, denn Typ-1-Diabetes verläuft viel schwerer als Typ 2. Wer unter Typ-1-Diabetes leidet, bemerkt das recht schnell. Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung: Das Abwehrsystem bekämpft körpereigene Zellen, und zwar ausgerechnet die Zellen der Bauchspeicheldrüse, die für die Insulinproduktion zuständig sind. Versiegt diese, steigt der Blutzucker des Betroffenen rasch an, und er fällt ins Koma.

ZEIT: Gibt es eine Vermutung, warum die Zahl der Typ-1-Diabetiker steigt?

Roden: Theorien gibt es zur Genüge. Sie reichen von Viren über Darmbakterien bis hin zu bestimmten Stoffen im Babybrei. Das Gluten im Brei aus Getreidemehl steht etwa im Verdacht. Auch ein Zusammenhang zur erhöhten Luftverschmutzung, etwa durch Plastik- oder Feinstaubpartikel wird diskutiert. Möglicherweise überreizen die Partikel das Immunsystem und provozieren eine Überreaktion, die beide Diabetestypen fördern könnte. Aber all das ist bisher nur Spekulation.