Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Keine Woche vergeht, ohne dass von der Bildungsfront interessante Neuigkeiten zu vermelden sind. Diesmal sind es die Ergebnisse des Tests des Bildungsstandards von Schülern der vierten Klasse Volksschule, die doch einige Aufmerksamkeit verdienen. Im Unterrichtsfach Deutsch verfehlen nämlich 15 Prozent der kleinen ABC-Schützen die Bildungsziele komplett. In der Disziplin "sprachliche Richtigkeit" erreichten überhaupt nur 30 Prozent den Mindeststandard. In der Lehrergewerkschaft bedauert man zwar den wenig rühmlichen Lehrerfolg, ist aber nicht weiter erstaunt darüber, dass die Resultate so trübe sind. Das ist auch eine typische Eigenschaft dieses Landes, dass man ohnehin schon immer alles gewusst gehabt hat – halt in Nachhinein. Vielleicht ändert sich eben deshalb so wenig, weil niemand die Dinge zeitgerecht zu erkennen weiß. Oder, sollte ihm doch das Wesen einer Materie einsichtig sein, er lediglich ungläubig staunt und nobel Schweigen bewahrt. Die Gründe für das Desaster im Deutschunterricht der Taferlklassler lägen, wie es so schön heißt, in der ungeheuren Leistungsvielfalt, die durch soziale und kulturelle Unterschiede entstünde. Schöner kann man’s einfach nicht sagen. "Leistungsvielfalt" ist natürlich ein herrlicher Kosename für den verpönten Begriff Niveauunterschied.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

In der wunderbaren Welt der Gleichheit werden Unterschiede bekanntlich gar nicht gern gesehen, deshalb muss man, will man die Deutungshoheit bewahren, sprachlich ein wenig diversifizieren und schwupps!, schon klingt die Diagnose eines Übels schmeichelfaserfreundlich. Die zuständige Ministerin zeigte sich übrigens dennoch zufrieden, da es zwischen den Ländern nur geringe Leistungsunterschiede gäbe und somit der regionale Unterschied nicht dem intellektuellen entspricht. Daraus schließt sie, dass das System funktioniere. Zumindest Mut kann man den Verantwortlichen nicht absprechen, was die Bürger wieder nicht mutlos machen sollte. Vielleicht aber ist das Ganze ohnehin nicht so dramatisch, wie es die notorischen Schwarzseher gerne darstellen. In einem Bildungsartikel konnte man in diesem Zusammenhang von "Allgemeinbildene" Schulen lesen. Einsparungsmaßnahmen beim Lektorat haben nicht nur Nachteile, wie dieses Beispiel zeigt. Wenn das Bildungssystem konsequent den eingeschlagenen Weg verfolgt, werden solche Petitessen bald niemandem mehr auffallen. Und dann ist endlich die allgemeine Gleichheit in der Bevölkerung hergestellt – im Nicht-Wissen. Ein philosophischer Hoffnungsfunke fast.