Ich habe ein Regal gebaut, drei Meter zwanzig hoch, ein Meter sechzig breit. Es musste in eine Nische manövriert werden. Maßarbeit. Ein Hoch auf die Emanzipation! Aua. Nach zehn Stunden schleppen, rechnen, bohren verlasse ich die Werkstatt, mein Wohnzimmer, und treffe eine Freundin. Sie ist Beautyredakteurin. Ihre Augenlider überzieht stets ein zarter Frischefilm. Sie hat kein Problem damit, ein Mädchen zu sein. Ich schon. Wenn ein Mann sagt, ich solle nicht "so frech" sein, raste ich aus. Ich will nicht süß gefunden oder "Kleine" genannt werden. Ich habe lange blonde Haare. Ich bin eigentlich ganz nett. Aber wenn ich einen Möbelladen betrete, in dem alle Produkte dem Ansatz "shrink it and pink it" folgen, sehe ich keine Stühle mehr, nur den Untergang der Frau. Übertrieben? Der amerikanische Journalist Marc Spitz hält das Weichzeichnen für den wichtigsten Trend seit Punk. Er nennt ihn twee, was so viel heißt wie "so süß, dass einem schlecht wird". Dagegenhalten? Auf jeden Fall! Aber vielleicht kann man sich das Pink auch aneignen, statt es abzulehnen? Bei einem Sloe Gin Fizz mit der Beautyredakteurin etwa. Der Drink sieht aus wie ein Erdbeermilchshake. Dafür sorgen 4 cl Sloe Gin, ein Likör aus Schlehenbeeren, der in der Flasche blutrot leuchtet. Aufgeschüttelt mit 1,5 cl Gin, 3 cl Zitrone und 1 cl Zucker wird das Ganze zu einem schaumigen Kleinmädchentraum. Noch ein Spritzer Soda und Peychaud’s Bitters. Der erste Schluck prickelt, der sonst stechend süße Likör schmeckt nun frisch und sauer, die Wut schwindet: Wo kaufst du eigentlich deine Augencreme? Schluck zwei wälze ich am Gaumen, als wäre es ein überteuerter Smoothie: Benutzt du Concealer? Schluck drei: Meine Freundin geht zur Toilette, ich ziehe mein Handy aus der Tasche und bestelle heimlich ihre Beautyprodukte nach. Ist das Glas leer und das nächste auch, gehe ich nach Hause. Ich lackiere mir die Nägel. Mit leichtem Schwindel liest sich Pink fast wie Punk.