"Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie Ihre Familie vernachlässigt haben, nur um Karriere zu machen?"

Diese Frage kann Isabel Schnabel, Professorin für Finanzmarktökonomie und Wirtschaftsweise, nicht mehr hören. Es antwortet Matthias Kleiner, Professor für Umformtechnik und Präsident der Leibniz-Gemeinschaft.

"Nö. Das Gefühl habe ich nicht. Eine ganz selbstverständliche Priorität lag und liegt immer bei der Familie – entlang der Karriere, als junger Wissenschaftler, als Institutsleiter, als DFG-Präsident ebenso wie als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Außerdem bin ich keineswegs das einzige umtriebige Mitglied unserer Familie! Dadurch haben wir uns stets viel zu erzählen, und spätestens beim Fußball fiebern wir sowieso gemeinsam. Das Ausspielen von Familie und Karriere gegeneinander wird nicht dadurch besser, wenn statt Frauen nun Männer gefragt werden. Individuelle Antworten helfen auch nicht weiter. Wie gut, dass wir in der Wissenschaft längst einen Schritt weiter sind und uns mit übergreifenden Gleichstellungsstandards verpflichtet haben, den Frauenanteil in allen Qualifikationsstufen zu erhöhen; etwa durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Personalentscheidungen, die nach Leistung und nicht nach Geschlecht, Herkunft oder Religion erfolgen."

"Wachen Sie manchmal auf und denken: Huch! Das ist ja eine große Aufgabe?"

Diese Frage kann Muriel Helbig, Präsidentin der FH Lübeck, nicht mehr hören. Es antwortet Manfred Prenzel, Professor für Empirische Bildungsforschung an der TU München und Vorsitzender des Wissenschaftsrats.

"Manchmal liege ich morgens im Bett und denke: Menschenskind, dieser Termin steht an, und ich muss noch dieses und jenes besprechen. In der Aufwachphase beschäftigen mich weniger konkrete Aufgaben, vielmehr Gedanken, wie ich einen Konflikt lösen oder einen Dialog führen kann. Ich empfinde das nicht als Druck. Schließlich habe ich meine Aufgabe selbst gewählt: Ich habe mir vorher überlegt, was machbar ist. Eine große Aufgabe überfällt einen nicht plötzlich. Der Weg zu einer Führungsposition ist ein kontinuierlicher Prozess. Vielleicht hat man schon als Jugendlicher eine Arbeitsgruppe geleitet. Später betreut man dann zum ersten Mal eine Abschlussarbeit oder bekommt einen Doktoranden zugeordnet. Auch das sind große Aufgaben, an denen man lernt, was Verantwortung bedeutet. Das Besondere in der Wissenschaft sind die flachen hierarchischen Strukturen. Als Dekan, Institutsleiter oder Präsident kann man nicht einfach kraft seines Amtes irgendetwas verordnen. Man muss die Leute mitnehmen und sollte Freude daran haben. Haben Männer hier einen Vertrauensvorschuss, nach dem Motto: Die können das einfach? Ich glaube nicht."

"Warum betreiben immer nur Frauen zusätzlich zu der Forschung in ihrem Fach auch noch Gender-Studies?"

Diese Frage kann Susanne Baer, Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien, nicht mehr hören. Es antwortet Martin Schulze Wessel, Professor für Geschichte Osteuropas und Vorsitzender des Historikerverbands.

"Diese Frage muss man nur einmal gestellt bekommen, um sie nie wieder hören zu wollen. Wie würde man als Mann darauf antworten? Die spontane, etwas reflexhafte Antwort würde lauten: 'Ich habe doch vor Kurzem selbst ...' Und dann erfolgt der Verweis auf entsprechende Tätigkeiten. In meinem Fall auf die Teilnahme an einer Gender-Studies-Konferenz über den Männlichkeitsentwurf von modernistischen tschechischen Priestern zwischen 1890 und 1930, auf der ich einen Vortrag hielt. Ein interessantes Thema. Allerdings war das nicht 'vor Kurzem', sondern 2004, und ich war damals der einzige männliche Teilnehmer. Geschichtswissenschaft wird weiblicher, was die Besetzung von Positionen auf allen Ebenen betrifft. Außerdem ist die Erforschung der Geschlechter inzwischen, wie mir scheint, viel besser in verschiedene historische Themenfelder integriert. Trotzdem: Immer noch ist es so, dass sich eher Historikerinnen als Historiker der Bedeutung des Paradigmas Gender bewusst sind. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Was die Geschichtswissenschaft betrifft, so finde ich die Einrichtung von Professuren für historische Geschlechterforschung sinnvoll und notwendig. Noch besser wäre, wenn dieses Paradigma mit all jenen Themen verknüpft wäre, die auf den ersten Blick nichts mit Geschlecht zu tun haben. Vielleicht würde das den Wissenschaftlerinnen lästige Fragen zur Notwendigkeit ihrer Gender-Studies ersparen?"