Lässt sich Kunst lehren?

Avantgardisten waren keine guten Schüler. Denn das größte Ziel dieser Künstler war es, mit dem eigenen Werk einen neuen Ursprung zu manifestieren und damit Autonomie zu beweisen. Niemand wollte sich als Nachfolger, gar als abhängig von geistigen Vätern sehen. Die Ablehnung von Genealogien führte aber auch dazu, dass man sich nicht über Schüler definierte. Sogar für Künstler, die an Akademien lehrten, zählten fast immer nur die außerinstitutionellen Erfolge. Ihre Wirkung als Lehrer wurde oft nicht einmal eigens wahrgenommen. Bis heute ist es kein Manko für einen berühmten Künstler, als Akademieprofessor keine bekannten Schüler hervorzubringen.

Schriebe man eine Geschichte der Künstler-Lehrer, gäbe es manche Überraschung. Plötzlich würde sichtbar, dass für die Kunstentwicklung nicht nur bedeutsam ist, wer einen neuen Stil definiert oder konzeptuell innovativ ist. Vielmehr kann man als Lehrer mindestens genauso prägend sein. Lehrer mit vielen berühmten Schülern waren etwa Franz von Stuck in München, Adolf Hölzel in Stuttgart oder Franz Erhard Walther in Hamburg. Und einer der ganz großen Künstler-Lehrer war Fritz Schwegler, ab 1973 für fast drei Jahrzehnte an der Düsseldorfer Kunstakademie tätig. Zu seinen Schülern gehören Thomas Huber und Thomas Schütte, Katharina Fritsch und Alice Creischer, Thomas Demand, Martin Honert, Gregor Schneider und viele mehr. In Hamburg eröffnet im GersonHöger Kunstraum nun eine Ausstellung mit Werken von Schweglers Schülern, kuratiert von Silvia und Lutz Freyer, die ihrerseits bei dem 2014 gestorbenen Künstler studierten.

Schwegler-Schüler sind also gute Schüler. Sie verleugnen ihre Herkunft nicht und schaffen es auf diese Weise, ihrem Lehrer neue Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Das ist mehr als berechtigt, denn noch immer hat Schweglers eigenes Werk bei Weitem nicht die öffentliche Präsenz, die ihm gebührte. Er selbst war zu Lebzeiten nie darum bemüht, sich als Künstler prominent zu machen. Dabei hat das eine, der große Erfolg als Lehrer, mit dem anderen, dem stillen Charakter von Werk und Person, vermutlich viel zu tun.

Er sah sich vor allem als Resonanzkörper, nicht als genialen Erfinder

Viele Arbeiten Schweglers bestehen aus einer Verbindung von Bildern und Texten, wobei diese jene interpretieren – in einer Sprache, die zahlreiche Wortschöpfungen und abgelegene Formulierungen hervorbringt und das Publikum nicht selten vor Rätsel stellt. Schwegler trat gern damit auf, dass er die Texte zu seinen Bildern rezitierte und musikalisch begleitete, als wäre er ein moderner Moritatensänger; um die Regeln von "White Cube" und Kunstmarkt scherte er sich dabei nicht. Diese Eigenheit mit einem Zug ins Hermetische machte ihn auch zu einem Paradebeispiel dessen, was 1972 auf der documenta 5 unter dem Schlagwort der privaten Mythologien zum Thema wurde. Dort trug er seine Effeschiaden vor, wie er die Bildideen nach dem Klang seiner Initialen "F. Sch." nannte.

In einem zwei Jahre später geschriebenen Vorwort zu einem Band mit den Effeschiaden äußerte Schwegler sich über die Genese seines Werks. Dieser kurze Text ist ein großartiges Dokument für seine künstlerische Haltung, zugleich liefert er den Schlüssel zu seinem Erfolg als Lehrer.

In einem Stil, der an Volksmärchen erinnert, erzählt Schwegler, wie er als 18-Jähriger eines Abends auf einem Feldweg in seiner Heimat einen alten Mann traf, der ihn zu einer Höhle im Wald führte. Dort waren Schätze verborgen, und fortan war es ihm erlaubt, immer wieder zurückzukehren und einzelne dieser ihm bis dahin völlig unbekannten Dinge mitzunehmen. Er "bekam sie in die Arme gedrückt", worauf er "alle die Möglichkeiten sah, die darin stecken, eine Art Sprengkraft, die diese Erde um tausend Erden erweitern könnte". Die "Großartigkeit des Auftrags" bestand nun darin, einzelne dieser Möglichkeiten umzusetzen, die Schätze also abzuzeichnen, zu beschreiben, in anderen Werkstoffen nachzubilden, sie in die Welt zu tragen, um ihre Sprengkraft nach und nach zur Geltung zu bringen.

Wie eine neue Volkskunst aussehen könnte

Schwegler bezeichnete die "Geschenke" aus jener Höhle als "Urnotizen"; sie wuchsen im Lauf der Jahre auf mehrere Tausend an und waren die Grundlage seines gesamten Werks. Es wäre ein Akt dummer Willkür für ihn gewesen, auch nur eine Arbeit zu machen, die nicht Explikation einer Urnotiz war. Damit aber empfand er das, was seine Werke ermöglichte, auch nicht als seine Leistung; Stolz war ihm ebenso fremd wie das Pochen auf Urheberrechte. Zu sagen, "es sind meine Dinge, das könnte ich gar nicht", heißt es in seinem Vorwort. Damit dementierte Schwegler aber gerade jenes Selbstbild der Avantgarde-Künstler, die von ihrer Eigenmächtigkeit so überzeugt waren, dass sie nicht glaubten, irgendetwas jemand anderem zu verdanken zu haben oder gar eine fremde Herkunft ihrer Ideen anerkennen zu müssen.

Schwegler sah sich also als Medium: als Resonanzkörper, der das Empfangene weiterzugeben hatte, es verstärken, verwandeln, vermitteln sollte und gerade daran zu messen war, wie stark er andere damit ansteckte, ja wie viele jener "tausend Erden" er wirklich werden ließ. Statt etwas für sich zu reklamieren und zu fixieren, lebte er vor, was es heißt, sich als Künstler immer wieder neu, voller Geduld und Genauigkeit, aber auch mit Pflichtgefühl dem hinzugeben, was ihm als Gunst zuteilwurde.

Mit diesem Ethos wirkte Schwegler auf seine Schüler. Sie wurden durch ihn dazu gebracht, ihrerseits genauer auf das zu achten, was in ihnen schon angelegt war, es auszuloten, weiterzuverfolgen, wieder und wieder zu übersetzen. Während man in anderen Akademieklassen dazu verführt wurde, sich in selbstherrlichen Gesten zu üben und Autonomie als Rücksichtslosigkeit zu interpretieren, war bei Schwegler zu lernen, wie viel mehr sich erreichen lässt, wenn man das, was einen als Künstler beschäftigt, nicht als Eigentum und persönliches Verdienst, sondern als Gabe begreift.

Schwegler selbst war allerdings meist unzufrieden mit sich. Er befürchtete, dass "ich manchmal zu träge bin und nicht genau genug erfasse oder beschreibe, was da vor sich geht und ist". Nach seiner Emeritierung zog er sich daher auch wieder an den Ort seiner Herkunft, nach Breech in der Nähe von Göppingen, zurück. Dass seine Werke doch wieder zu Waren auf dem Kunstmarkt, die Effeschiaden zu einem Markenartikel wurden, widersprach seinem Wunsch, sie sollten "Volkseigentum wie einst die Märchen und Göttergeschichten" sein.

Hier kann man sich vorstellen, wie eine neue Volkskunst aussehen könnte

Betrachtet man etwa seine Notwandlungsstücke, 1.000 während der 1990er Jahre entstandene bunt bemalte Bronzen, deren Name schon andeutet, dass es sich einmal mehr um Transformationen der Urnotizen handelt, bekommt man eine Vorstellung davon, wie eine neue Volkskunst aussehen könnte – jenseits aller aktuellen Formen cooler, engagierter, spröder, trashiger, symbolischer Kunst, die jeweils nur für eine ganz bestimmte Klientel gemacht ist. Schweglers Gebilde aus so elementaren Gegenständen wie Beinen, Kugeln, Gartenzäunen, Augen oder Hausdächern sind von unüberbietbarer Evidenz. Manche wirken surreal, sind aber frei von den metaphysischen Begründungen des Surrealismus. Andere bieten scheinbar nur eine Pointe, entfalten dann jedoch Dimension um Dimension und weiten sich zu existenziellen Dramen. Tatsächlich entspräche es Schweglers Geist am besten, würden diese Stücke wie Sprichwörter zirkulieren: von dem, der sie verwandelt hat, wieder ganz losgelöst, anonym, zum Allgemeingut geworden.

Die andere Weise des Weiterwirkens geschieht dank der Schüler. Wenn sie sich zusammenfinden, um in Ausstellungen gemeinsam an Fritz Schwegler zu erinnern, bleibt sein Name präsent. Er verbindet sich nun aber mit ihren Werken. Und erst damit wird der moderne Topos der Herkunftsverweigerung wirklich verabschiedet. An seine Stelle tritt eine Idee davon, dass es nicht reicht, als Künstler nur Ruhm für sich zu reklamieren, sondern dass es darum geht, andere so zu inspirieren, dass sie das als Geschenk empfinden, das sie ihrerseits weitergeben oder erwidern wollen.

Die Hamburger Ausstellung läuft noch bis zum 20. Mai. Die Kunsthalle Mannheim zeigt zudem vom 11. November an eine Schwegler-Retrospektive