Schwegler bezeichnete die "Geschenke" aus jener Höhle als "Urnotizen"; sie wuchsen im Lauf der Jahre auf mehrere Tausend an und waren die Grundlage seines gesamten Werks. Es wäre ein Akt dummer Willkür für ihn gewesen, auch nur eine Arbeit zu machen, die nicht Explikation einer Urnotiz war. Damit aber empfand er das, was seine Werke ermöglichte, auch nicht als seine Leistung; Stolz war ihm ebenso fremd wie das Pochen auf Urheberrechte. Zu sagen, "es sind meine Dinge, das könnte ich gar nicht", heißt es in seinem Vorwort. Damit dementierte Schwegler aber gerade jenes Selbstbild der Avantgarde-Künstler, die von ihrer Eigenmächtigkeit so überzeugt waren, dass sie nicht glaubten, irgendetwas jemand anderem zu verdanken zu haben oder gar eine fremde Herkunft ihrer Ideen anerkennen zu müssen.

Schwegler sah sich also als Medium: als Resonanzkörper, der das Empfangene weiterzugeben hatte, es verstärken, verwandeln, vermitteln sollte und gerade daran zu messen war, wie stark er andere damit ansteckte, ja wie viele jener "tausend Erden" er wirklich werden ließ. Statt etwas für sich zu reklamieren und zu fixieren, lebte er vor, was es heißt, sich als Künstler immer wieder neu, voller Geduld und Genauigkeit, aber auch mit Pflichtgefühl dem hinzugeben, was ihm als Gunst zuteilwurde.

Mit diesem Ethos wirkte Schwegler auf seine Schüler. Sie wurden durch ihn dazu gebracht, ihrerseits genauer auf das zu achten, was in ihnen schon angelegt war, es auszuloten, weiterzuverfolgen, wieder und wieder zu übersetzen. Während man in anderen Akademieklassen dazu verführt wurde, sich in selbstherrlichen Gesten zu üben und Autonomie als Rücksichtslosigkeit zu interpretieren, war bei Schwegler zu lernen, wie viel mehr sich erreichen lässt, wenn man das, was einen als Künstler beschäftigt, nicht als Eigentum und persönliches Verdienst, sondern als Gabe begreift.

Schwegler selbst war allerdings meist unzufrieden mit sich. Er befürchtete, dass "ich manchmal zu träge bin und nicht genau genug erfasse oder beschreibe, was da vor sich geht und ist". Nach seiner Emeritierung zog er sich daher auch wieder an den Ort seiner Herkunft, nach Breech in der Nähe von Göppingen, zurück. Dass seine Werke doch wieder zu Waren auf dem Kunstmarkt, die Effeschiaden zu einem Markenartikel wurden, widersprach seinem Wunsch, sie sollten "Volkseigentum wie einst die Märchen und Göttergeschichten" sein.

Hier kann man sich vorstellen, wie eine neue Volkskunst aussehen könnte

Betrachtet man etwa seine Notwandlungsstücke, 1.000 während der 1990er Jahre entstandene bunt bemalte Bronzen, deren Name schon andeutet, dass es sich einmal mehr um Transformationen der Urnotizen handelt, bekommt man eine Vorstellung davon, wie eine neue Volkskunst aussehen könnte – jenseits aller aktuellen Formen cooler, engagierter, spröder, trashiger, symbolischer Kunst, die jeweils nur für eine ganz bestimmte Klientel gemacht ist. Schweglers Gebilde aus so elementaren Gegenständen wie Beinen, Kugeln, Gartenzäunen, Augen oder Hausdächern sind von unüberbietbarer Evidenz. Manche wirken surreal, sind aber frei von den metaphysischen Begründungen des Surrealismus. Andere bieten scheinbar nur eine Pointe, entfalten dann jedoch Dimension um Dimension und weiten sich zu existenziellen Dramen. Tatsächlich entspräche es Schweglers Geist am besten, würden diese Stücke wie Sprichwörter zirkulieren: von dem, der sie verwandelt hat, wieder ganz losgelöst, anonym, zum Allgemeingut geworden.

Die andere Weise des Weiterwirkens geschieht dank der Schüler. Wenn sie sich zusammenfinden, um in Ausstellungen gemeinsam an Fritz Schwegler zu erinnern, bleibt sein Name präsent. Er verbindet sich nun aber mit ihren Werken. Und erst damit wird der moderne Topos der Herkunftsverweigerung wirklich verabschiedet. An seine Stelle tritt eine Idee davon, dass es nicht reicht, als Künstler nur Ruhm für sich zu reklamieren, sondern dass es darum geht, andere so zu inspirieren, dass sie das als Geschenk empfinden, das sie ihrerseits weitergeben oder erwidern wollen.

Die Hamburger Ausstellung läuft noch bis zum 20. Mai. Die Kunsthalle Mannheim zeigt zudem vom 11. November an eine Schwegler-Retrospektive