Zum ersten Mal im Camp Nou, der eigentlichen, nein, der einzigen Kathedrale Barcelonas, bin ich ein Staunender. Die Liturgie sieht den Clásico vor, Barça gegen Real. Schon Stunden vor dem Anpfiff sind Tausende da, in blau-roten Trikots oder feinen Anzügen. Alle warten auf ein religiöses Ereignis, eine Erscheinung. Zum Bus des Gegners aus der verfeindeten Hauptstadt läuft eine buhende Menge. Dann fährt der Erlöser Lionel Messi unter Ekstaseschreien vor, in seinem Geländewagen wirkt er noch kindhafter als ohnehin.

Es geht diesmal um mehr als Fußball. Johan Cruyff ist eine Woche zuvor gestorben, der Kirchenvater des modernen Fußballs, der Schöpfer des schönen Barça. Als die Mannschaften auf das Feld schreiten, gedenkt die Tribüne seiner mit einer Choreografie, seinem Trikot mit der 14. Daneben steht, auf Katalanisch natürlich, "Gràcies Johan". Auch seine ehemaligen Spieler, darunter Pep Guardiola und die bulgarische Stürmerlegende Hristo Stoichkov, sagen Danke. Der Film läuft auf der Leinwand, anschließend fährt die Kamera durch die steilen Ränge und die Tränen der Zuschauer, darunter Cruyffs Sohn, dem er den katalanischen Namen Jordi gab, was damals, zu Francos Zeiten, verboten war. Ein Stadion weint.

Am mächtigsten wirkt der Fußball des FC Barcelona, und das, was er mit den Menschen macht, am Ort seiner Entstehung. Hier ist er original. So muss sich der junge Goethe gefühlt haben, als er das Straßburger Münster betrachtete. Seine "himmlisch-irdische Freude" darüber beschrieb er in der Schrift Von deutscher Baukunst, mit der die Epoche des Sturm und Drang begann. Wie Erwin Steinbach weiterlebt, der von Goethe geliebte Architekt, lebt Johan Cruyff weiter. Durch den Fußball Barças, der unter den Rufen und Gesängen der Hunderttausend die Madrilenen einschnürt. Barça ist, um es mit Goethe zu sagen, ein Kunstwerk "aus tausend harmonierenden Einzelheiten". Magisch kringelt sich Andrés Iniesta durch Gegnerscharen. Stoisch hält Sergio Busquets das Spiel auf Kurs. Und Messi geht mit dem Ball durch Nadelöhre, obwohl sich hundert fremde Füße an ihn schmiegen. Als sein Heber fast im Tor landet, wird es noch lauter. Kurz darauf endlich das 1 : 0. Der Jubel klingt wie Glockengeläut.

Nun wird es menschlich, Barça bestaunt sich selbst, verliert den Spielfluss. Luka Modrić, der kleine Spielmacher Reals, ist plötzlich überall. Die präzise Wucht Karim Benzemas kommt zum Tragen. 1 : 1. Die Küsse, mit denen sich Madrids Abwehrchef Sergio Ramos auf dem Feld von seinen Mitspielern verabschiedet, nachdem er vom Platz gestellt worden ist, sind ungute Vorboten. Es folgt der Auftritt Cristiano Ronaldos. 1 : 2, Totenstille.

Ich brauche eine Stunde, um diesem Rausch zu entkommen und eine Nachricht zu beachten, die gerade über die Ticker der Agenturen läuft. Ein englischer Gynäkologe, den Reporter mit versteckter Kamera filmten, prahlt mit seiner Doping-Kunst. Britische Spitzensportler will er gespritzt haben, angeblich auch prominente Fußballer. Das erinnert an Eufemiano Fuentes, ebenfalls Gynäkologe. Auch er soll vor einem Jahrzehnt spanische Sportler zur Weltklasse gespritzt haben.

Auch Fußballer? Man hätte es wissen können. Das spanische Gericht, das sich vor drei Jahren mit dem Fall befasste, scheint es nicht so genau wissen zu wollen. Im Juni verjähren die Fälle, dann dürfen all die Blutbeutel vernichtet werden, die in den Kellern der Behörden liegen und vielleicht auch Fußballweltmeistern zugeordnet werden könnten.

Einen Tag später fällt der Name Messi in den Panama-Leaks. Der Fußballengel muss sich bereits gegen den Vorwurf der Steuerhinterziehung verteidigen. Als ich Camp Nou, diese beseelte Kirche, verlasse, denke ich mit jedem Schritt mehr an das eingelagerte Blut.