Die Recherche des israelisch-amerikanischen Journalistenduos Dan Raviv (Washington D. C.) und Yossi Melman (Tel Aviv) über die Kooperation des Mossad mit dem ehemaligen SS-Mann Otto Skorzeny erregte in den vergangenen zwei Wochen weltweit Aufsehen. Dass Skorzeny für den israelischen Geheimdienst arbeitete, berichtete die Jewish Telegraphy Agency bereits 1989. Erst jetzt aber gibt es Hinweise darauf, was seine genaue Tätigkeit war. Am 27. März erschien der Text der beiden Autoren auf der Seite des US-Nachrichten-Portals "forward" und in der israelischen Tageszeitung "Ha’aretz". Wir dokumentieren den Beitrag in einer leicht gekürzten und bearbeiteten Fassung – exklusiv in deutscher Übersetzung.

Am 11. September 1962 verschwand der deutsche Rüstungsunternehmer Heinz Krug spurlos. Von der Arbeit in seinem Münchner Büro ist er nicht mehr nach Hause gekommen. Abgesehen von dieser Tatsache konnte die Polizei an Besonderheiten lediglich feststellen, dass Krug regelmäßig nach Kairo reiste. Er war zusammen mit einigen Dutzend ehemaliger Nazi-Raketenexperten von der ägyptischen Regierung angeworben worden, um modernste Waffentechnik für das Land zu entwickeln.

Die israelische Tageszeitung HaBoker bot damals eine Erklärung für das mysteriöse Verschwinden: Die Ägypter hätten Krug entführt, um zu verhindern, dass er Geschäfte mit Israel machte. Diese etwas plumpe Theorie war indes lediglich ein Versuch Israels, die Ermittler in die Irre zu führen – obwohl diese den 49-jährigen Juristen und Unternehmer ohnehin nicht gefunden hätten.

Inzwischen wissen wir mehr. Aufgrund von Interviews mit ehemaligen Mossad-Offizieren und Israelis, die Zugang zu den geheimen Mossad-Akten der damaligen Zeit haben, können wir heute berichten, dass Krug ermordet wurde – und zwar im Rahmen einer israelischen Geheimoperation zur Einschüchterung deutscher Wissenschaftler, die für Ägypten arbeiteten.

Die verblüffendste Enthüllung aber ist, dass der Mossad-Agent, der die tödlichen Schüsse auf Krug abgab, Otto Skorzeny hieß. Skorzeny war ein früherer Obersturmbannführer der Waffen-SS und einer von Hitlers persönlichen Favoriten unter den SS-Kommandoführern.

Um zu verstehen, wie dieser Mann auf die Gehaltsliste des Mossad gelangte, muss man wissen, dass es seinerzeit zu den obersten Prioritäten des Geheimdienstes gehörte, die Mitarbeit deutscher Wissenschaftler an Ägyptens Raketenprogramm zu unterbinden. Die meisten dieser Männer hatten im Zweiten Weltkrieg unter der Leitung Wernher von Brauns in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom die berüchtigten V1- und V2-Raketen für die Luftschlacht um England entwickelt. Krug erhielt bereits Monate vor seinem Tod zusammen mit anderen Deutschen, die für Ägyptens Raketenindustrie tätig waren, Warnungen. In Deutschland waren es nächtliche Drohanrufe, die sie zum Ausstieg aus dem ägyptischen Programm aufforderten. In Ägypten selbst trafen Briefbomben ein – die mehrere Menschen verletzten und töteten.

Krug, dessen Münchner Intra-Handelsgesellschaft Material für den Raketenbau nach Ägypten lieferte, stand weit oben auf der Zielliste des Mossad. Für die Israelis gab es keinen Zweifel: Dem Mann musste klar sein, dass sich das ägyptische Rüstungsprogramm gegen Israel richtete – das Land, in dem so viele Holocaustüberlebende Zuflucht gefunden hatten.

Die Drohbotschaften und -anrufe setzten Krug schwer zu. Ihm und seinen Kollegen war klar, dass sie aus Israel kamen. Erst 1960 hatten israelische Agenten Adolf Eichmann, einen der Hauptorganisatoren des Holocaust, in Argentinien entführt und nach Jerusalem gebracht, wo er vor Gericht gestellt und in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 erhängt wurde. Krug musste also das Gefühl haben, dass sich die Schlinge des Mossad auch um seinen Hals enger zog. Am Tag seines Verschwindens, besagen die neuen Informationen unserer zuverlässigen Quellen, verließ Krug sein Büro in München, um sich mit Otto Skorzeny zu treffen, dem Mann, den er für seinen Retter hielt.