Trump und Sanders, Le Pen und Petry, all die Protestparteien von Portugal bis Polen gruppieren sich um einen Nenner. Nennen wir ihn "Anti-Globalismus" oder "Defensiv-Nationalismus", um diesen von der ausgreifend aggressiven Version des 20. Jahrhunderts zu unterscheiden.

Alle wollen sie die Mauern des Nationalstaates wieder hochziehen, um abzuwehren, was die Grenzen seit Jahrzehnten durchlöchert: Güter, Kapital, Dienstleistungen und vor allem Menschen aus fremden Kulturen. In der Tat hat die Globalisierung ganze Industrien dezimiert, ob für Schuhe oder Unterhaltungselektronik. Die Deutschen fürchten das "Chlorhühnchen", die Amerikaner den französischen Rohmilchkäse – und alle zusammen die Zuwanderung. Globalisierung ist der Feind.

Nun hat das Wall Street Journal gerade überraschende Daten zusammengetragen, die signalisieren: Internationalisierung ist nicht Schicksal; scheinbar unaufhaltsame Trends "stocken, stottern oder drehen sich". Vorneweg die Auslandsinvestitionen, die Jobs in Billigländer "exportieren". Um 2000 machten sie vier Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus, heute hat sich die Rate halbiert!

Der Handel schrumpft ebenfalls. Amerikas Importe, die heimische Produkte verdrängen, erreichten 2012 ihren Höhepunkt; seitdem sinken sie. Illegale Einwanderer? Trump faselt von einer Invasion; stattdessen fluten seit zehn Jahren mehr Mexikaner zurück als über den Rio Grande eindringen. Jobklau: Auch hier drehen sich die Zahlen. In diesem Jahrzehnt haben die USA im Zuge der "Re-Industrialisierung" – China wird zu teuer – eine Million Arbeitsplätze zurückgewonnen.

Auch die EU-Daten zeigen für das Jahr 2012 einen historischen Import-Rekord. Seitdem sinken die Einfuhren wie in Amerika, bloß schneller – um knapp zwanzig Prozent. Europas Auslandsinvestitionen? Sie fallen seit vier Jahren. Fazit, laut Benjamin Mandel, seines Zeichens "Global Strategist" bei J.P. Morgan: "Die Globalisierung, die in den 2000ern mit Vollgas gefahren ist, wird seit sechs, sieben Jahren abgebremst."

Welche Ironie! Während Trump und seine europäischen Kollegen zur Linken und Rechten den Abschottungsnationalismus predigen, zieht sich der Feind längst zurück. Oder tut er nur so? Da mag mehr als ein Täuschungsmanöver im Spiel sein. Das Washingtoner Peterson Institute, ein renommierter Thinktank, zählt seit dem Crash mehr als 3500 Protektionismus-Maßnahmen weltweit, lauter Mauern wider den freien Warenfluss. Ob TTIP, der atlantische Freihandelspakt, und TPP, sein pazifisches Gegenstück, je ratifiziert werden, ist nicht ausgemacht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

Die Globalisierung, die den Demagogen so viele Stimmen verschafft hat, ist eben nicht Schicksal. Blicken wir zurück. Die erste Globalisierung – der freie Waren-, Kapital- und Personenverkehr (ohne Pass!) – währte vierzig Jahre, von 1873 bis 1913; danach triumphierten Autarkie und Protektionismus. Die zweite begann um 1970; Handel, Wandel und Wohlstand explodierten geradezu. Abermals vierzig Jahre später setzte die Reaktion ein; seitdem wachsen die Mauern wieder, ein Stein nach dem anderen. Der Rio Grande ist zu, die Balkanroute ebenso. Der Westen krümmt sich wieder nach innen. Nur haben es die Abschottungsnationalisten noch nicht gemerkt.