Treue Leser können bezeugen, zu welch großherzigen Lobgesängen diese Kolumne gemeinhin in der Lage ist. Allen Meckerköppen zum Trotz hat sie nie den geringsten Zweifel daran gelassen, dass Golfspielen zu den moralisch hochwertigsten Sportarten gehört, die die Menschheit je erfunden hat. Um wie vieles friedlicher wäre die Weltgeschichte verlaufen, wenn die Erdbewohner ihre lächerlichen Streitigkeiten nicht mit der eisernen Faust heimtückischer Waffen, sondern mit der eleganten Hand der golfsportlichen Kunst ausgetragen hätten? Nicht mit verbissener Kampfeslust im historischen Schlamm, sondern mit spielerischem Können in Gottes freier Natur – weit draußen auf duftendem Wiesengrund, am Himmel hoch die allzeit wärmende Sonne, die ihre Hand schützend über uns Menschenwesen hält?

Leider ist uns zu Ohren gekommen, dass wider Erwarten dunkle Wolken am Himmel des Golfsports aufgezogen sind, winzige atmosphärische Eintrübungen im nicht messbaren Bereich, die kaum der Rede wert sind und bekanntlich in jeder guten Sportlerfamilie vorkommen dürfen. Wie Eingeweihte wissen, stehen sich in der wachsenden Golf-Gemeinde neuerdings zwei Meinungslager gegenüber, behelfsweise wollen wir sie die "Traditionalisten" und die "Neuerer" nennen, wobei wir zugeben müssen, dass beide Fraktionen schlagkräftige Argumente im Köcher haben.

Die Neuerer sind unglücklich darüber, wie viel Zeit sie in ihre Lieblingssportart investieren müssen. "In unserer Beschleunigungsgesellschaft", klagen sie, "ist die Spieldauer zu einem echten Handicap geworden." Wortreich beschreiben die Neuerer, wie schwer es ihnen fällt, ihre unstillbare sportliche Leidenschaft unfallfrei mit dem überquellenden Terminkalender zu vereinbaren. Und hat man nicht noch eine rasend nette Familie daheim? Wer bringt Maria-Lara zum Geigenunterricht? Wer repariert Ludwigs neue Spielzeugdrohne, die vom bösartigen Nachbarn über Feindesland abgeschossen wurde? Die Neuerer schlagen deshalb vor, ihre persönliche Verweildauer beim Golfspiel an das limitierte Zeitdeputat des modernen Menschen anzupassen: "Die Zeit ist der König der Gegenwart, wir müssen ihm ein Opfer bringen. Es ist besser, für den kleinen Hunger zwischendurch eine Drei-Loch-Turbo-Partie zu spielen, als auf den sportlichen Genuss vollständig zu verzichten."

Und die Traditionalisten? Sie sind naturgemäß konservativ und möchten, dass alles beim Alten bleibt. Ein Golfpartie, sagen sie, sei wie ein großes Fest: Die Zeit eilt davon und steht doch still. Stunden stehen, Stunden vergehen. Ein Golfplatz ist die Insel der Seligen im Meer der abgehetzten Gesellschaft. "Hier zählen nicht Effizienz und Schnelligkeit, hier zählen Geschick und Glück." Warum ein Regelwerk ändern, das die Stürme der Zeit so heldenhaft überstanden habe?

Wir möchten beim Streit um den König der Zeit nicht den Richter spielen und unsere Nase in Löcher stecken, die uns nichts angehen. Andererseits können wir nicht verhehlen, dass die Waage unseres Herzens sich sanft den Traditionalisten entgegenneigt, auch wenn wir wissen, dass es an ihrem Schalter momentan zu langen Schlangen kommt und mit Wartezeiten jederzeit zu rechnen ist – das Konservative ist gerade leider sehr in Mode. Sagen wir es so: Turbo-Golfer ("lieber kurz als gar nicht") sind der Meinung, sie würden Zeit sparen, wenn sie ein Stück von der Spieldauer absägen, so wie man einen Besenstiel absägt, wenn er nicht in Vatis neuen Schrank passt. Doch bald wird unseren Turbo-Golfern auch das abgesägte Spiel zu lang vorkommen, und sie werden noch schneller einlochen wollen, bis sie zu ihrer Überraschung beim Ein-Loch-Spiel landen wie einst Kolumbus an der Küste Amerikas, die er in seiner Eile mit Indien verwechselte. Und wieder wird das Kurze zu lang sein, und es wird weiter an der Zeit gesägt werden, bis am Ende die Zeit fehlt, um an den größten Sport der Welt überhaupt zu denken beziehungsweise daran zu denken, dass man gar nicht mehr an ihn denkt, höchstens noch an Minigolf. Was hat der Turbo-Golfer damit gewonnen? Nichts hat er gewonnen. Er hat einen Verlust gewonnen. Er hat dem König Zeit so viel geopfert, dass vom majestätischen Sport nichts bleibt als ein Hole-in-one ins Loch der menschlichen Vergeblichkeit.

Was lernen wir daraus? Wir lernen: Je mehr Zeit wir zu gewinnen glauben, desto weniger Zeit haben wir, bis die Zeit schließlich selbst verschwindet und unser Lieblingssport dazu. Ja, die Zeit ist der König der Gegenwart, da haben die Neuerer schon recht. Doch der König der Zeit ist unbesiegbar, sonst wäre er nicht der König, und darum dürfen wir Untertanen dem König die Zeit nicht stehlen, sondern müssen ihn mitspielen lassen.

Tatsächlich verfügt der Golfsport über reiche Erfahrungen im Umgang mit Königen. Bekanntlich wollte das schottische Oberhaupt James IV im Jahr 1497 das Verbot des Golfspiel aufrechterhalten, bis ans Licht kam, dass er heimlich selbst spielte. Gebt also dem König, was des Königs ist: Schenkt ihm Zeit, Geduld und Muße, denn je mehr Zeit wir ihm schenken, desto mehr haben wir davon. Liebe Turbo-Golfer, probiert es aus – so viel Zeit muss sein!