Vor dieser unverrückbaren Tatsache steht jeder, der vom Abschlag aus das Grün ins Visier nimmt: "Das Runde muss ins Runde!" Das eine Runde ist das Loch, fern, fix, unbeeinflussbar – das Revier des Platzwartes. Aber das andere Runde – die kleine weiße, schlimmstenfalls gelbe Kugel – das ist von eigener Art. Und im besten Fall genau wie wir selbst: außen hart, innen weich, und wenn alle Parameter stimmen, kommt auch der Erfolg. Um das mal etwas poetisch zu formulieren: Mit dem Golfball begibt sich unser Ich auf die Reise, rotiert, hebt ab, fliegt hoch und höher, weit und weiter, dann senkt es sich und kommt ins Ziel. Ins Runde.

Oder, nun ja, ins Gemüse. Oder ins Nasse. Dann stimmt mit dem Ball was nicht. Mit den Parametern. Ohne Zahl sind die möglichen Entlastungsargumente für den mediokren Golfspieler: Mein Ball ist zu schnell oder zu langsam, er dreht wie blöde oder eben nicht, ist halt nur ein Kompromissball oder sowieso zu billig (Aldi! Lidl!). Oder das Ding zieht den Lehm geradezu an, kriegt leicht Unwucht und eiert dann unauffindbar ins Gebüsch! Schließlich, der Horror an sich: Da puttet man wie ein junger Gott – und Millimeter vor dem Ziel dreht der Mistball ab!

Ballgeschichten. Doch was ist dran an der Golfballmythologie? Ist das womöglich alles Selbstbetrug? Golferlatein? Oder das Ergebnis geschickten Marketings der großen Golfballhersteller, also Schall und Rauch?

Im Grunde dürfte es ja kaum Unterschiede geben zwischen dem König unter den Golfbällen, dem Titleist Pro V1 (Stückpreis knapp 5 Euro) und einem Aldi-Ball, der monatelang auf dem Grund eine Teiches gelegen hat. Den kann man sich mit einem Tauchanzug selbst aus dem Wasser holen.

Denn der Bereich, in dem weltweit mit größtmöglichem Aufwand spitzfindig über Materialien und Strukturen des Golfballs nachgedacht und geforscht werden darf, ist extrem eng. Alles, was sich auch offiziell Golfball nennen und an Turnieren teilnehmen will, muss sich einem strengen Reglement unterwerfen. Das wird von den großen alten Autoritäten des Golfsports festgelegt – der United States Golf Association (USGA) und von The R&A. Letztere geht auf den legendären The Royal and Ancient Golf Club of St Andrews in St Andrews (Schottland) zurück, einen Club, der immerhin seit über 260 Jahren existiert.

Der Golfball darf die Ausmaße eines Fußballs haben – man wird sehen, wie weit man ihn dann drischt –, doch kleiner als 42,67 Millimeter im Durchmesser darf er nicht sein, sonst würden wir heute mit Revolverkugeln spielen. Das Gewicht wiederum ist nach oben begrenzt, das Limit liegt bei 45,93 Gramm. Weiter muss der Golfball in jeder räumlichen Hinsicht symmetrisch sein. Also ein Ball mit der Form eines aerodynamisch günstigen Tropfens, man denke an manche Rennradlerhelme, wäre nicht regelkonform. Und schließlich sind sogar Abschlaggeschwindigkeit und Reichweite normiert. Mit diesen Normen aber verhält es sich wie mit den offiziellen Verbrauchswerten der Autos. Gemessen wird an einem Golfroboter der USGA. Was der Golfspieler im wirklichen Leben mit dem Ball macht, ahnt man, wenn man die maximale Abschlagweite der Norm – 256 Meter – mit den legendären Abschlägen des Longhitters Bubba Watson vergleicht. Der erreichte beim vergangenen WGC Bridgestone Invitational 2015 unerhörte 387,7 Meter. Der Ball war in der Norm – der Mann weit außerhalb. Die große Frage lautet nun: Würde Watson statt eines Pro V1 einen, sagen wir, deutschen Golfball benutzen – stünde er, wo er steht? Die kleine Frage: Gibt es überhaupt deutsche Golfbälle?