Zwar dominiert in allen Nachrufen, die des am 1. April 2016 im Alter von 89 Jahren verstorbenen deutschen Spitzenpolitikers Hans-Dietrich Genscher gedenken, dessen Verdienst um die deutsche Einheit. Doch ebenso tief war er wenige Jahre später in die Neuordnung der Balkannstaaten involviert. Gemeinsam mit seinem damaligen österreichischen Kollegen Alois Mock gilt Genscher als Hauptarchitekt der postjugoslawischen Ordnung. Das wird dem damaligen Außenminister nicht ganz gerecht. Mock mochte aus altösterreichischem Sentiment mit einer Sezession geliebäugelt haben, Genscher hingegen bemühte sich um eine einvernehmliche Lösung, wie eine wichtige Episode, die in Villach spielt, belegt.

Anfang Juli 1991: Slowenien und Kroatien haben eine Woche zuvor ihre Unabhängigkeit beschlossen. Die Zentralregierung in Belgrad setzt die Armee in Marsch. Die politische Krise auf dem Balkan eskaliert zu einem Konflikt, der die militärische Dimension erreicht.

Der seit 1974 amtierende Bonner Außenminister, zu dem Zeitpunkt auch Präsident des Ministerrats der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), fliegt am 1. Juli in die Krisenzone. Zunächst nach Belgrad. Dort konferiert er mit dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic. In Ljubljana ist tags darauf ein Treffen mit der dortigen Regierung vorgesehen. Um Milosevic nicht durch einen Direktflug nach Slowenien einen Vorwand für eine weitere Eskalation zu geben, wählt der deutsche Diplomat den neutralen Umweg über Klagenfurt. Von da aus will er zur Krisenkonferenz mit der slowenischen Regierung nach Ljubljana weiter reisen. Doch es kommt anders.

Die Vorgeschichte: Die explosive Situation auf dem Balkan ist das erste gemeinsame Sicherheitsthema der Europäer nach dem Ende des Kalten Krieges. Frank Elbe, zu der Zeit Kabinettschef Genschers im Bonner Auswärtigen Amt, erinnert sich: Nicht zuletzt die Warnungen der über die Lage auf dem Balkan stets gut informierten Österreicher hätten die Bonner beschäftigt. "Franz Vranitzky warnte vor einem drohenden Blutbad", erzählt Elbe. Der österreichische Bundeskanzler habe ein europäisches Engagement zur Verhinderung einer Eskalation für dringend nötig befunden. Aber wie soll das aussehen? Druck auf Belgrad durch Unterstützung für die Unabhängigkeitsbestrebungen? Stärkung der Einheitspolitik unter serbischer Vorherrschaft gegenüber der Sezessionspolitik in Zagreb und Ljubljana? Auch die Österreicher waren sich nicht einig, so wenig wie die Europäer insgesamt.

Genscher lud in seiner KSZE-Funktion zu einer zweitägigen Konferenz nach Berlin. Dort sorgte er für eine ausgewogenen Jugoslawien-Erklärung mit seiner Handschrift: Sie warb für den Fortbestand der "Einheit und territorialen Integrität" der Balkanrepublik und die Fortsetzung der "demokratischen Entwicklung". Zugleich wurde betont, "dass es allein den Völkern Jugoslawiens obliege, über die Zukunft des Landes zu entscheiden". Der Dialog im Lande sollte fortgesetzt werden, die Möglichkeiten seien "nicht erschöpft". Das war der 20. Juni. Vier Tage später beschlossen die Parlamente in Ljubljana und Zagreb die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens. Der Dialog war beendet.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Am 2. Juli ist Genscher in Kärnten, en route nach Ljubljana. Frank Elbe: "Am Flughafen in Klagenfurt empfing uns das gesamte slowenische Kabinett, an der Spitze Präsident Milan Kucan." Weiter nach Villach. Dort wartete ein abfahrtbereiter slowenischer Sonderzug, der militärisch aufgerüstet war. Der Leiter der deutschen Sicherheitsbegleitung weist Elbe auf ein Detail hin. Zum Schutz der Fahrgäste ist ein Waggon mit einem Flugabwehrgeschütz bestückt. Denn inzwischen ist der Luftraum über Slowenien unter Kontrolle der jugoslawischen Luftwaffe. Ein beherrschbares Risiko, scheinen die Slowenen zu denken. Aber will und sollte man so ein Risiko eingehen?

Ehe er darüber mit Genscher sprechen kann, wird Elbe über den Bahnhoflautsprecher ans Telefon gerufen. Am Apparat ein leitender Beamter des Wiener Außenministeriums, ein alter Bekannter aus Bonn. "Er bat mich inständig, diese Zugreise nicht zu machen", erinnert sich der ehemalige Kabinettschef. Nach Informationen der österreichischen Balkan-Spezialisten sei das im Moment viel zu gefährlich, das Risiko unkalkulierbar, Flak hin oder her.

Krisenmanagement: Beratung mit dem Chef, Rücksprache mit Kucan, ob er ein Problem sehe, Frage an die neutralen Österreicher, ob sie einspringen könnten. Dann ist alles klar: Auf die solidarische Demonstration einer gemeinsamen Zugfahrt ins trotzige Ljubljana wird verzichtet. Die hilfreichen Österreicher reservieren ein Hotel, die Gespräche finden in Kärnten statt.

Davor aber gibt es noch eine andere Konsultation, die weniger freundlich verläuft. Man könnte auch sagen: Sie entgleist. An jenem 2. Juli will Genscher angesichts der Zuspitzung des Konflikts auf dem Westbalkan und der Gefahr eines Übergreifens auf die ganze Region eine demonstrative europäische Aktion im Sinne seiner Berliner KSZE-Resolution zu Jugoslawien (Einheit und Selbstbestimmung). Am besten wäre eine diplomatische Intervention der Europäischen Gemeinschaft (EG). Also versucht der Außenminister und KSZE-Vorsitzende den seit 1. Juli amtierenden Ratspräsidenten der EG, den niederländischen Außenminister Hans van den Broek, zu erreichen. Seine Idee: Der solle im Namen der EG Milosevic anrufen und vor einer weiteren Eskalation waren. Es gibt aber ein allzu menschliches Problem: der liberale Deutsche und der christdemokratische Holländer haben kein sehr gutes Verhältnis zueinander.

Genscher erreicht den Kollegen, der gerade auf dem Weg nach New York ist, auf dem Frankfurter Flughafen. Er drängt, van den Broek möge Milosevic umgehend anrufen und ihm androhen, die Europäer würden sich bei Fortsetzung des serbischen Aggressionskurses notfalls mit Slowenien und Kroatien solidarisieren und beide formell anerkennen. Dagegen sträubt sich der Holländer, in erster Linie gewiss aus politischen, vielleicht auch aus persönlichen Gründen, aber natürlich auch aus Zeitmangel. Er muss ja zum Flugzeug. Ohrenzeuge Elbe: "Das Gespräch wurde zum Teil sehr lautstark geführt." Ein Konsens wird nicht erzielt. So gibt der Deutsche dem Niederländer am Ende grimmig zu verstehen, Deutschland könnte sich unter diesen Umständen gezwungen sehen, allein zu handeln, um Milosevic zu bremsen. Für den steht damit fest: Genscher ist der Anwalt der Sezessionisten.

Beides fand nicht statt: Den deutschen Alleingang gab es nicht. Und die europäische Anerkennung der Sezession hat Milosevic nicht gebremst. Die Legende aber, Genscher sei der Hauptbetreiber des folgenschweren Zerfalls von Jugoslawien gewesen, hat den Außenminister der deutschen Einheit spätestens seit Villach begleitet.