Es ist jetzt ein Jahr her. Hans-Dietrich Genscher war schon seit einer Weile nicht mehr öffentlich aufgetreten, nicht einmal an den Feiern zum Mauerfall-Jubiläum hatte er teilgenommen. Es hatte sich herumgesprochen, dass es ihm nicht gut gehe. Ich rechnete mir deshalb keine größeren Chancen aus, als ich eine Mail mit einer Interview-Bitte an sein Büro schickte.

Wenn ich auch wusste, dass ihm das Thema, um das es uns ging, wichtig war: In Tröglitz hatte kurz zuvor ein Haus für Asylbewerber gebrannt. Sachsen-Anhalt, Genschers alte Heimat, war mit einem Mal Buh-Land der Nation geworden. Darüber wollte ich mit ihm sprechen.

Wenig später klingelte das Telefon, eine Bonner Vorwahl: Hans-Dietrich Genscher am Apparat. Wirklich, er persönlich. "Über Sachsen-Anhalt wollen Sie mit mir sprechen?", fragte er. Das sei eine sehr gute Idee! Aber es sollte noch dauern, bis das Gespräch wirklich zustande kommen konnte. Er müsse sich erst besser fühlen.

Sachsen-Anhalt, darüber wollte er unbedingt reden. Da brauchte es keine Überredungskünste: Über den Osten sprach Genscher immer gern. Und die meisten Ostdeutschen, die ich kenne, sprechen immer gern über ihn. In der Nacht zum vergangenen Freitag ist Hans-Dietrich Genscher gestorben, im Alter von 89 Jahren. Manche Menschen werden erst nach ihrem Tod zu einer Legende. Genscher ist es seit Langem – hier auf jeden Fall. Generationen von Ostdeutschen sind mit Geschichten über ihn aufgewachsen. Seine Balkonrede von Prag hat uns alle geprägt. Mich auf jeden Fall.

Der Osten macht es Politikern ja nicht leicht. Die Verachtung der "da oben" wird hier inzwischen ganz offen gepflegt. Als Angela Merkel in Heidenau aufs Übelste bepöbelt wurde, hat diese Entwicklung ihren vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Aber Genscher? Auf Genscher lassen die Leute nichts kommen. Er sei der beste Politiker, den wir überhaupt hätten – das habe ich sogar in erzgebirgischen Dörfern schon gehört. Er sei ein wunderbarer Mann, nur in der falschen Partei. Die FDP ist im Osten nicht ganz so wohlgelitten.

Genscher schwebte über allem. Helmut Kohl, hieß es, habe die Einheit bewältigt. Genscher habe sie ermöglicht. Deswegen wird Kohl geschätzt – und wurde Genscher geliebt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 16 vom 7.4.2016.

Ein paar Wochen nachdem Genscher bei mir angerufen hatte, fuhr ich endlich nach Bonn. Er fühlte sich nun fit genug. Ich war einigermaßen aufgeregt. Denn ich wollte, dass Genscher wütend wird. So hatte ich mir das vorgestellt. Ich wollte ihm sagen: Herr Genscher, der Osten hat ein Problem mit dem Rechtsextremismus. Ich wollte, dass Genscher seine Ostdeutschen aufrüttelt. Klar, er trat öffentlich immer besonnen auf. Aber dieses Thema, das müsse ihn doch aufwühlen, dachte ich.

Genschers Haus war nicht schwer zu finden, seine Name stand am Klingelschild. Er lebte in Wachtberg-Pech, einem Ort am Rande der westdeutschesten aller Städte: Bonn. Seine Frau öffnete die Tür, Genscher erwartete mich im Wohnzimmer. Man gewöhnt sich als Journalistin irgendwann eine professionelle Lässigkeit an, auch für die Momente, in denen man Prominenten begegnet. Aber als ich Genscher die Hand schüttelte, überkam mich: Dankbarkeit. Wäre er nicht gewesen, hätte vielleicht auch mein Leben ganz anders ausgesehen. Ich schwieg darüber und setzte mich. In seinem Wohnzimmer, das weiß ich noch, hingen lauter Kunstwerke. Sein Gäste-WC war quasi tapeziert mit Karikaturen, alle zeigten ihn: Genscher mit riesigen Ohren, Genscher als Elefant. Genscher fragte gleich, ob ich aus dem Osten oder aus dem Westen käme. Es war ihm schon wichtig, zu erfahren, wem er da die neuen Länder erklären sollte.

Ob er den Sachsen-Anhaltern jetzt ins Gewissen reden wolle, fragte ich ihn zu Beginn. Er schaute mich verdutzt an. Und erteilte mir eine politische Lektion. Genscher erklärte, dass die Ostdeutschen ihre Gewissensstärke 1989 bewiesen hätten – und dass man sie in Schutz nehmen müsse. Wenn Flüchtlingsheime brennten, dann entsetze ihn das. Aber ich solle bitte nicht vergessen, welche rechtsradikalen Ausfälle es auch in Westdeutschland gegeben habe! Notfalls spielte er den Westen gegen den Osten aus, um Letzteren zu verteidigen. Neue Heimat gegen alte Heimat. Starkes Deutschland gegen schwaches Deutschland. Aber irgendwen zu belehren, irgendwen quasi mit Wortgewalt zur Ordnung zu rufen – das war ihm nichts. Seine Beliebtheit im Osten, das verstand ich in diesem Gespräch, rührte auch genau daher: Er stellte sich immer, immer schützend vor die Ossis. Wenn er mit ihnen sprach, dann nie so, dass er sie vor dem Westen belehrte. Sondern immer so, dass er ihnen zeigte, wo sie besser seien als der Westen. Er meinte es einfach gut mit uns.